Kinderpornografie : Delikte am Menschen

Kinderpornografie weckt Ängste. Und Hassgefühle. Was denkt man darüber, wenn man sich jeden Tag beruflich damit befasst?

Daniel Erk
Ermittlungsakten.
Ermittlungsakten.Foto: Heinrich Holtgreve

Es ist kurz nach fünf Uhr am Morgen, Kriminalhauptkommissar Thorsten Ivers ölt seine Walther PP, und Kriminalkommissar Florian Arndt packt eine Tupperschüssel mit Obst und Joghurt aus. Das Deckenlicht haben sie nicht angeknipst. Zu früh, zu hell. Nur die beiden Schreibtischlampen beleuchten den Raum. Ein Radio dudelt leise im Hintergrund. Arndt gibt Ivers die Ermittlungsakte: 87 akkurat abgeheftete Seiten, Anfangsverdacht, Durchsuchungsbeschluss, roter Umschlag, deutsche Bürokratie.

Während Ivers nach der Adresse des Beschuldigten und der geschicktesten Fahrtroute schaut, wirft Arndt einen letzten Blick in die Polizeidatenbank, ob etwas Neues über den Verdächtigen aktenkundig wurde, ob er in letzter Sekunde verzogen oder verhaftet worden ist. Aber: nichts Neues. Ivers klemmt sich eine Dose CS-Gas an den Gürtel, schließt ein Programm nach dem anderen auf seinem Rechner, bis nur noch sein Bildschirmhintergrund zu sehen ist: eine dramatische Luftaufnahme Hamburgs, aus einem Polizeihubschrauber fotografiert. Dann sagt er: Juti, woll'n wer mal.

An eigentlich jedem Arbeitstag im vergangenen Jahr haben sich zwei bis drei Polizisten der Abteilung 131 des Landeskriminalamts gegen fünf Uhr in der Keithstraße getroffen. Haben ihre Waffen aus dem Waffenschrank geholt und das Frühstück aus dem Rucksack geräumt. Sind durch das imposante Treppenhaus des LKA 1 - Schwerpunkt „Delikte am Menschen“ - ins Erdgeschoss gegangen, von dort in den Hinterhof, sind in einen dunkelblauen, unauffälligen Minivan der Polizei gestiegen und durch die Nacht gefahren. Haben das Auto einige hundert Meter vom Ziel geparkt, kurz durchgeatmet und dann geklingelt. In der Hand den Durchsuchungsbeschluss wegen des Verdachtes einer Straftat nach §184b Strafgesetzbuch: Besitz, Verschaffung und Verbreitung von Kinderpornografie.

Es gibt Tage, da geht alles schnell

Zwischen 200 und 270 Hausdurchsuchungen führt die Abteilung 131 pro Jahr durch. 3752 erfasste Straftaten durch Besitz und Verschaffung von Kinderpornografie gab es deutschlandweit im Jahr 2015. Dazu nochmals 2730 erfasste Fälle von Verbreitung von kinderpornografischem Material.

Es gibt Tage, sagt Thorsten Ivers, da geht alles schnell: Die Beschuldigten sind kooperativ, zeigen den Kommissaren die Computer, Festplatten, USB-Sticks und CDs. Und es gibt Tage, da warten Ivers und Arndt erst auf den Schlüsseldienst, müssen sich mit aufgebrachten Beschuldigten auseinandersetzen. Oder tragen, eher selten, am Ende stundenlang VHS-Kassetten in den Kleinbus.

Das Büro eines Ermittlers.
Das Büro eines Ermittlers.Foto: Heinrich Holtgreve

Es gibt Tage, da stehen die Kommissare der Abteilung 131, Fachbereich „Dokumentierter sexueller Missbrauch“, vor imposanten Villen. Es gibt Tage, da stehen sie vor schäbigen Sozialwohnungen. Es gibt Tage, da klingeln sie bei Studenten-WGs. Und es gibt Tage, da stehen sie vor einem Einfamilienhaus, wissen, dass neben dem Tatverdächtigen gerade auch noch eine Frau und zwei Kinder schlafen. Und dass diese schlafende, oft funktionierende Familie aufhören wird zu existieren, sobald sie geklingelt haben.

Es gibt keinen Tag, an dem den Kommissaren vor der Hausdurchsuchung nicht wenigstens kurz das Herz in die Hose rutscht, sagt Judith Dobbrow.

Der erste von vielen überraschenden Sätzen

Judith Dobbrow ist Leiterin der Abteilung 131, und in den bald 20 Jahren, in denen sie im Bereich Kinderpornografie arbeitet, haben ihre vorsichtigen, ein bisschen müden Augen alles gesehen, was man lieber nicht gesehen haben will: Kinder, die solange mit Computerspielen und Aufmerksamkeit, mit ein bisschen Nähe, Wärme und Zuneigung vertraut gemacht wurden, bis sie sich zu Nacktbildern oder zum Geschlechtsverkehr mit dem netten Erwachsenen haben überreden lassen. Aber auch - wenn auch sehr selten - Kleinkinder, die unter Schmerzen Penisse oder Gegenstände in alle Körperöffnungen geschoben bekommen.

„Aufnahmen mit sadistischen Sexualpraktiken mit Kindern sind nicht die Regel“, sagt Judith Dobbrow, es ist der erste von vielen überraschenden Sätzen zum von Ängsten, Tabus und Klischees überladenen Thema. „Wir sehen alle Arten von Kinderpornografie, das reicht von posierenden nackten Kindern bis zur Abbildung aller denkbaren sexuellen Handlungen.“

Doch schon über den Begriff muss man sprechen. Das Wort „Kinderpornografie“ ist an sich interpretationsoffen: Kinder und Pornografie, das sind Beschreibungen ohne Wertung. Der Begriff ist so neutral, dass er nicht nur von der Öffentlichkeit benutzt wird, sondern auch von den Tätern. Die offizielle Beschreibung der Polizei lautet deshalb: dokumentierter Missbrauch von Kindern. Weil jedes Bild, jedes Video exakt das ist: eine Aufzeichnung eines Missbrauchs. Und jede gefundene Datei kann auch ein Anfangsverdacht sein, dass da gerade tatsächlich ein Missbrauch stattfindet, irgendwo in Berlin, in Deutschland oder weltweit, der sofort gestoppt werden muss. Andersherum ist aber nicht jeder Missbrauch eine Vergewaltigung. Missbrauch beginnt früher, subtiler, nicht erst mit Gewalt. Und nur die allerwenigsten Konsumenten von Kinderpornografie vergewaltigen oder missbrauchen selbst Kinder. In ganz Deutschland gab es 2015 insgesamt 117 Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften.

Beschlagnahmte Computer.
Beschlagnahmte Computer.Foto: Heinrich Holtgreve

Deswegen sagt Judith Dobbrow den zweiten Satz, der überrascht: „Kinderpornografie ist etwas Nebulöses“, sagt sie. „Und das Problem mit Dingen, die man nicht kennt, von denen man aber hört, ist: Sie werden im Kopf noch furchtbarer, als sie in Wirklichkeit sind - ohne das jetzt beschönigen zu wollen.“

Und dann ist da noch der dritte Satz. „Ein Großteil unserer Täter ist nicht ausschließlich pädophil. Viele können und wollen auch andere sexuelle und emotionale Beziehungen führen, auch mit erwachsenen Frauen. Und es gibt Täter, die aus einer Depression heraus anfangen, nach Extremerfahrung zu suchen und irgendwann bei Kinderpornografie landen.“

Und der vierte. „Die meisten unserer Täter sind kooperativ. So wie ein Alkoholiker weiß, dass es falsch ist zu saufen, wissen viele unserer Täter auch, dass falsch ist, was sie machen. Wir hatten schon Täter, die sich bei uns nach der Verurteilung regelrecht bedankt haben - weil sie endlich gezwungen waren, ihr Leben zu ändern, was sie alleine nie geschafft hätten.“

An den Schränken in Dobbrows Büro hängen, neben Fotos ihrer Kinder, eine gezeichnete Diddl-Maus und ein Poster mit schottischen Schafen. Außerdem ein Plakat des Disney-Films „Die Unglaublichen“, ein Plakat einer Gemäldeausstellung zum Thema Melancholie und eine Postkarte, auf der zu lesen ist: „Don't cry - work“. Etwas, das man sich vermutlich immer wieder selbst sagen muss, wenn man jeden Tag in die tiefsten menschlichen Abgründe blickt. Die Abgründe stehen gegenüber von Dob-brows Schreibtisch. Konfiszierte Rechner. Hohe schwarze und kleine weiße, manche schlicht, andere mit lustigen Klebern versehen. Beweismittel in den sogenannten Konsumentenfällen.

Sie müssen sich jedes Bild ansehen, jeden Film

Das Gros der Verdachtsmomente, sagt Judith Dobbrow, kommt heute aus den USA. Seitdem NCMEC, das National Center for Missing & Exploited Children, in den letzten Jahren gemeinsam mit Google, Microsoft, Yahoo und anderen Internetdienstleistern einen Automatismus etabliert hat, nach dem Verstöße gegen die amerikanische Kinderpornografie-Gesetzgebung an NCMEC gemeldet und von dort an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet werden, landen immer mehr Verdachtsmomente erst beim Bundeskriminalamt, dann in der Keithstraße.

Frau Dobbrows Kollegen bewerten die Beweislage, der Staatsanwalt beantragt gegebenenfalls einen Durchsuchungsbeschluss bei einem Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Tiergarten. Der Ermittlungsrichter drückt seinen Stempel darauf. Dann steigen die Kriminalbeamten der Abteilung 131 wieder in ihren Minivan und klingeln irgendwo in Berlin. Dann werden Festplatten mitgenommen, dann werden sämtliche Bilder auf sämtlichen Festplatten durch eine Datenbank gejagt. Stimmen die Hash-Werte O eine Art digitales Wasserzeichen O der gefundenen Bilder mit bekanntem kinderpornografischen Material überein, geht alles ganz schnell. Wenn nicht, sitzen die Polizeibeamten der Abteilung 131 tatsächlich selbst vor jedem Bild und vor jedem Film, müssen sich den Missbrauch ansehen und dessen Schwere bewerten. Dann geht die rote Akte zur Staatsanwaltschaft, die entscheidet, ob Anklage erhoben wird.

In einem großen und einem kleinen Lagerraum in einem etwas tristen, aber freundlichen 70er-Jahre-Bau in der Kirchstraße in Moabit stapeln sich diese roten Akten. Einen Flur weiter haben Andrea Lepping und Norbert Winkler ihre Büros. Die Staatsanwälte bringen ausschließlich Kinderpornografie- und Missbrauchsfälle vor Gericht. Winkler und Lepping sehen ein bisschen aus wie ein Ermittlerduo aus einer amerikanischen Komödie der 70er Jahre: Er groß, offen und lustig. Sie klein, nachdenklich und skeptisch. Lepping arbeitet seit bald zwölf Jahren in der Abteilung 284 der Berliner Staatsanwaltschaft, Winkler seit drei Jahren.

Wichtig ist die Konfrontation des Täters mit sich selbst

„Die typischen Verfahren zu entsprechendem Material wurden bis vor Kurzem mit Strafbefehlsverfahren abgeurteilt“, sagt Winkler. Das bedeutet: Nach der Hausdurchsuchung verlief der Prozess ausschließlich schriftlich, am Ende bekam der Angeklagte einen Geldstrafenbescheid, per Post. „Das war für alle relativ angenehm: Die Staatsanwaltschaft konnte die Fälle schnell und effektiv abarbeiten, die Richter ebenfalls. Besonders angenehm aber war diese Praxis für die Täter. Weil die gar nicht aus der Deckung raus mussten.“

Mittlerweile, sagt Winkler, kommt es deshalb auf Druck der Pädophilie-Therapie-Ambulanz „Kein Täter werden“ fast immer zur Hauptverhandlung, zu einem Prozess im Gericht, mit Strafverteidiger, Staatsanwalt, Richter. Was einen irrsinnigen Aufwand für alle Beteiligten bedeutet. Nicht, weil das am Ende gesprochene Urteil gerechter wäre. Sondern weil der Prozess selbst wichtig ist. Damit die Täter nicht einfach mit einer Überweisung in Höhe von etwas über hundert Tagessätzen des persönlichen Durchschnittsnettoeinkommens davonkommen.

„Wenn wir es schaffen, dass die Täter nicht nur verurteilt werden, sondern sich dazu auch noch von Fachleuten beraten lassen oder eine ambulante Therapie machen - das ist für mich persönlich ein Erfolg“ sagt Norbert Winkler. Die Strafe ist, wenn man so will, nur die Pflicht des Verfahrens. Es muss eine Strafe geben, weil es das Gesetz so will. Weil es für die moralische Intaktheit einer Gesellschaft wichtig ist, dass Dinge, die nach bestem Wissen und Dafürhalten falsch sind, auch bestraft werden. Viel wichtiger aber ist der Prozess selbst. Die Konfrontation der Täter. Nicht mit den Opfern oder der Öffentlichkeit. Sondern mit sich selbst.

Im Gerichtssaal.
Im Gerichtssaal.Foto: Heinrich Holtgreve

Die Besucherbänke des Gerichtssaals 455 im Amtsgericht Moabit sind leer: zwei lange, knallorange Reihen vor furnierverkleideten Wänden. Es ist ein sonniger Freitagmorgen, durch die Milchglasscheiben des Saals scheint die Sonne, von draußen dringen die Rufe der Strafgefangenen aus dem Hof der JVA Moabit, die direkt an das Gericht grenzt.

Vorne, vor dem Richter, zwischen dem Verteidiger auf der einen und Norbert Winkler auf der anderen Seite, steht ein kleiner, schmächtiger, sehr freundlich dreinschauender junger Mann, vielleicht Anfang 30, mit weichem Gesicht, Glatze, buschigem Vollbart und hochrotem Kopf: der Angeklagte.

Ich habe angefangen, mir Kinderpornografie anzusehen, als ich depressiv und alleine war, aus Langeweile, sagt er.

Man kann auch in den Kletterpark gehen oder Go-Kart fahren, sagt Winkler.

Ich war ein großer Anime- und Manga-Fan, darüber bin ich da reingeraten, sagt der Angeklagte.

Konkret geht es an diesem Morgen um drei Dateien: bluehearts.jpg, web_cute00137.avi und sabrinaandherson.jpg.

Ich würde die betroffenen Dateien gerne in Augenschein nehmen, sagt Winkler. Er reicht dem Richter eine Mappe mit ausgedruckten Screenshots.

Haben Sie auch onaniert? fragt Winkler.

Das wollen wir nicht beantworten, sagt der Verteidiger des Angeklagten.

Der Angeklagte starrt auf seine Finger

Der Gutachter geht penibel alle einzelnen Schritte durch: Wie der Angeklagte ein einschlägiges Forum für Kinderpornografie aufgerufen hat. Wie er einen Forumsbeitrag geöffnet hat. Wie er erst die Vorschaubilder betrachtet, dann den Link ausgewählt und schließlich auf den Download geklickt hat. Wie er den Link zu seinen Browser-Lesezeichen hinzugefügt hat. Welche Begriffe sich in seinem Suchverlauf fanden. Der Angeklagte starrt auf seine Finger.

Haben Sie eine Vorstellung, was an Ihrem Verhalten falsch ist?, fragt Norbert Winkler.

Der Angeklagte stockt. Sein Schweigen ist jetzt sehr laut.

Weil sich das nicht gehört. Weil Kinder noch nicht zu sexuellen Handlungen fähig sind, sagt der Angeklagte.

Nach dem Schluss der Beweisaufnahme setzt Winkler zu seinem Schlussplädoyer an.

„Der Angeklagte hatte Kinder- und Jugendpornografie im aktiven Bereich seines Computers. Das steht unter Strafe und wird mit Freiheitsentzug bis zu drei Jahren geahndet. Auf der Habenseite rechnen wir an, dass sich der Angeklagte geständig gezeigt, sich freiwillig in Therapie begeben hat und bereit war, reinen Tisch zu machen - und dass sich Umfang und Qualität des Materials im relativ unteren Bereich bewegten. Aber es gibt auch Einschränkungen: Das Interesse an Manga, über das der Angeklagte dazu gekommen sein will, das ist Quatsch und eine Schutzbehauptung. Der Angeklagte hat gezielt nach Kinderpornografie gesucht. Im gelöschten Bereich des Computers gab es weitere Dateien, die im Prozess gar nicht eingebracht wurden. Der Angeklagte ist einfach ein vorsichtiger Nutzer. Dazu kommt: 2013 gab es ein erstes Verfahren wegen Kinderpornografie. Das hatte eine Warnfunktion, dass das kein Bagetelldelikt ist. Deshalb braucht es jetzt ein deutliches Zeichen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung.“

Er schweigt und lächelt nicht ein einziges Mal

Dann spricht der Verteidiger sein Plädoyer. Der Richter zieht sich zurück.

Etwas später sitzt Norbert Winkler in der sehr weißen, sehr hellen Kantine im Dachgeschoss des Neubaus des Amtgerichts. Vor wenigen Augenblicken ist der Prozess zu Ende gegangen. Letztlich entschied sich der Richter, keine Haftstrafe zu verhängen - aber auch nur, weil sich der Angeklagte freiwillig in Therapie begeben hat. Jetzt sitzt Norbert Winkler vor einem kleinen Cappuccino, schweigt und lächelt nicht ein einziges Mal.

Stimmt der Eindruck, dass die Angeklagten, die man sich meist als Monster und Sadisten vorstellt, häufig ganz arme Schweine sind?

„Ja“ sagt Winkler, der Staatsanwalt, und schaut aus dem Fenster. Draußen fliegen die ersten Vögel durch den blauen Himmel und durch kleine weiße Wolken. „Aber es sind arme Schweine, die unheimliches Leid anrichten.“

Am nächsten Morgen gegen fünf Uhr werden sich wieder zwei, drei Polizisten des LKA 131 in der Keithstraße treffen, ihre Waffen aus dem Waffenschrank holen und das Frühstück aus dem Rucksack räumen. Werden wieder durch das Treppenhaus ins Erdgeschoss und über den Hinterhof gehen, werden wieder in einen Minivan steigen, werden durch den frühen Morgen fahren. Werden wieder parken, wieder kurz innehalten und wieder an einer Tür klingeln.

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