Kolumne "Sicherheit/Freiheit" : "Ich zog mich leise an und kam nie wieder"

Mirna Funk, wann mussten Sie sich zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden?

Mirna Funk
Foto: Ériver Hijano

Als ich bei meiner Mutter auszog, war ich noch klein. Gerade mal 17. Ich packte einen grünen Seesack und verschwand einfach. Drei Straßen weiter, zu meinem Freund. Der war schon groß. 27 nämlich. Heute denke ich, dass mit einem 27-Jährigen nicht alles richtig läuft, der mit einer 17-Jährigen zusammenzieht. Damals wusste ich das noch nicht.

In seiner Wohnung hatte ich ein eigenes kleines Zimmer. Trotz Beziehung wollten wir keinen bürgerlichen Schlafzimmer-Wohnzimmer-Alptraum, sondern einander das eigene Leben lassen. Die große Freiheit. Ich war damals in der zwölften Klasse. Morgens saß ich in der Schule, am Nachmittag auf dem Schoß des alten Mannes. Am Abend kellnerte ich in einer Bar, im Berlin der neunziger Jahre interessierte sich niemand für mein Alter. Und so schlief ich wenig und tänzelte zwischen den Welten hin und her. Aber keine passte zur anderen.

Nach ein paar Monaten, in den Sommerferien 1999, schlug mein Freund vor, eine Weltreise zu machen. Er hatte gerade sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg abgeschlossen und war frei, ich steckte noch mitten drin. Dein Abitur oder ich, sagte er. Ich könne es ja auch auf dem zweiten Bildungsweg nachmachen. Und ich stellte mir vor, wie ich, 27-jährig, mit anderen Erwachsenen an meiner Zukunft feile, während zu Hause ein 17-jähriger Junge auf mich wartet, um sich auf meinen Schoß zu setzen.

An einem Spätsommertag, kurz bevor die Schule wieder anfing, stand ich morgens aus seinem Bett auf. Früh, weil ich nicht schlafen konnte, halb sechs oder sogar fünf, zog mich leise an und kam nie wieder. Ich nahm mir meine erste eigene Wohnung und wiederholte die zwölfte Klasse. Ich arbeitete nur noch am Wochenende, stand in der Woche früh auf, ging früh ins Bett und wurde diszipliniert. Es fühlte sich gut an. Weil da niemand mehr war, der sein Leben über meines stellte.

Mirna Funk wurde 1981 in Ost-Berlin geboren. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und schreibt über Kultur und ihr Leben zwischen Berlin und Tel Aviv. 2015 erschien ihr Debütroman „Winternähe“. Ihr neuer Roman ist auch schon fertig und soll bis 2018 erscheinen.

Dieser Text ist zuerst gedruckt im Magazin "Tagesspiegel Berliner" erschienen, das Sie hier online lesen und herunterladen können.

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