Kolumne „Sicherheit oder Freiheit“ : Bettina Köster: Sechs Militärs mit Sonnenbrillen

Die Musikerin Bettina Köster erzählt, wann sie sich einmal zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden musste.

von
Die Musikerin Bettina Köster.
Die Musikerin Bettina Köster.Foto: Ériver Hijano

"

In meiner Musik entscheide ich mich immer für die Freiheit. Ich kümmere mich nicht um Regeln, beurteile nicht, was ich spiele, ich lasse es einfach kommen. Im Jahr 1999 aber habe ich mich für Sicherheit entschieden. Ich entschied, nicht im Burmesischen Dschungel zu sterben. Damals drehten die Regisseurin Isabel Hegner und ich einen illegalen Dokumentarfilm über das Militärregime - Journalisten durften eigentlich gar nicht ins Land. Es war wie ein Kriegsgebiet. So viel Elend und Missbrauch habe ich nie wieder gesehen. Dann hörte ich von einem faszinierenden Brauch im Chin-Staat, der im Westen des Landes liegt. Dort wurden die schönsten Mädchen von den Dorfältesten mit Falten, Spinnweben und Tränen im Gesicht tätowiert, damit böse Götter nicht eifersüchtig werden. Das musste ich sehen.

Der bescheuerte Häkelhut

Chin aber war militärisches Sperrgebiet. Isabel und ich überlegten also, wie wir dorthin kommen könnten. Auf eigene Faust, heimlich? Aber wir hörten von einem, der das versucht hatte und nie wiedergekommen war. Also ließen wir uns von einem Spion eine Sondergenehmigung beschaffen, samt Eskorte: sechs finstere Militärs mit verspiegelten Brillen und Maschinengewehren, die am Fluss auf uns warteten. Während der Bootsfahrt trug ich einen bescheuerten orangefarbenen Häkelhut, um wie eine Touristin auszusehen. So ließen die Soldaten uns sogar filmen. Als wir nach einem langen Marsch durch den Urwald ankamen, erwartete uns bereits das ganze Dorf. Unverhohlene Neugier und eine große Welle von Fröhlichkeit schlug uns entgegen, die all meine Ängste einfach wegspülte. Alle Anspannung löste sich auf, von da an wurde nur noch gelacht. Bei den tätowierten Frauen konnte ich sehen, dass sie einmal wunderschön gewesen sein müssen. Sie umringten uns, waren frech und total fasziniert von unserer Haut. Ich sollte ihnen auch meine Brüste zeigen, da waren sie sehr interessiert. Ein Tattoo habe ich mir aber nicht machen lassen."

Bettina Köster, geboren 1959 in Herford, kam als Kind nach Berlin, gründete in den Achtzigern die Bands Mania D und Malaria!, später arbeitete sie als Solokünstlerin. Wegen ihrer tiefen, rauchigen Stimme wurde sie „Hildegard Knef des Punk“ genannt. Kürzlich ist ihr neues Album „Kolonel Silvertop“ erschienen.

Aufgezeichnet von Ronja Ringelstein.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben