Kolumne "Sicherheit oder Freiheit" : Meret Becker: "Ich lag da wie ein Schnee-Engel"

Die Musikerin und Schauspielerin Meret Becker erzählt, wann sie sich einmal zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden musste.

Meret Becker.
Meret Becker.Foto: Marlen Mueller

Ich glaube nicht an Freiheit und Sicherheit, das ist eine Sehnsucht. Aber natürlich wähle ich im Zweifel die Freiheit. Wenn etwas zu sicher wird, mache ich es kaputt, versuche es durcheinanderzubringen, weil es sonst zu gefällig wird, zu nett. Es gibt diesen Raum auf der Bühne, wo beides merkwürdig gleichzeitig sein kann. Schon als Kind war das Theater der sicherste Raum für mich. Da hat keiner gesagt: "Du bist falsch" oder "Du gehörst hier nicht hin". Bei Konzerten komme ich manchmal der Freiheit sehr nahe. Wenn ich mich nicht von der Angst überwältigen lasse, wenn ich es schaffe, mich in den Sound fallen zu lassen, die Vibration meiner Stimme beim Singen wahrzunehmen, dann ist das wie Fliegen. Dann habe ich alle Freiheit und alle Sicherheit.

Vor etwa zehn Jahren habe ich mit Bob Rutman ein Konzert in der Unsicht-Bar in Kreuzberg gespielt - das ist eins dieser Restaurants, wo es komplett finster ist und man von Sehbehinderten bedient wird. Bob ist ein alter amerikanischer Künstler, der Instrumente erfindet - zum Beispiel das bow chime: eine Art Metallsegel, wie ein Bogen gespannt, klingt wie ein Dampfer. Wir hatten gelernt, alle Instrumente im Dunkeln zu bedienen. Doch irgendwann ist Bob der Stick runtergefallen, der das bow chime in Spannung hält. Ich hörte nur, wie hinter mir das Ding runterschallerte und er leise "Shit" sagte. Da habe ich mich auf den Rücken gelegt und auf dem Boden dieses Ding gesucht. Wie ein Schnee-Engel lag ich da und habe dabei weiter meinen freien Impro-Gesang gemacht. Das war für mich der sensationellste Moment, ich habe mich so frei gefühlt, weil ja niemand gesehen hat, was ich da mache. Und dann klingt die Stimme ganz anders, wenn es dunkel ist, man hört das viel intensiver, und auf dem Rücken singst du eh viel entspannter. Das war einer der tollsten Momente meines Lebens und der freiste Moment, den ich jemals vor einem Publikum hatte - es hat nur leider keiner gesehen.

Meret Becker, geboren 1969 in Bremen, ist Schauspielerin (etwa die Berliner "Tatort"-Kommissarin Nina Rubin) und Sängerin der Band The Tiny Teeth.

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