Erkenntnis : Am Anfang steht die Sprache

Kulturpolitik ist Friedenspolitik, Außenpolitik par excellence. Doch zuerst gilt es, sich selbst zu erkennen.

Martin Rennert
Professor Martin Rennert - der Präsident der Universität der Künste Berlin
Professor Martin Rennert - der Präsident der Universität der Künste BerlinFoto: Fein

Man sagt, die Welt sei kleiner geworden. Zu den Möglichkeiten physischer Mobilität gesellten sich in den letzten zehn Jahren neue Medien, durch die wir zu jeder Zeit meinen erfahren zu können, was auf der anderen Seite des Globus geschieht. Wenn man in wenigen Stunden nach Paris, New York oder Sydney fahren kann, wenn man in wenigen Schritten eine Kamera am Piccadilly erreicht, Informationen zu Wetterdaten in Brasilien oder Auskunft über die Lage in der Ostukraine bekommen kann, bleibt das aber bei aller Gewöhnung ein Wunder, welches wir jedoch zumeist ohne besondere Verwunderung in den Alltag integriert haben.

Aber nicht nur die Technik ist uns wenig geläufig. So wie Telekommunikation in all ihren Spielarten unser Verhalten ganz beiläufig auf den Kopf gestellt hat, so prägen durch sie vermittelte Inhalte ein nicht unproblematisches Weltbild schneller und nachhaltiger als wir denken; sie selbst werden zu einer Herausforderung. Es hat Jahrzehnte gedauert, nicht nur die Vorzüge, sondern auch die Problematik der Mobilität zu erkennen; nun wäre es gut, wenn man sich an der Informationsfront etwas früher Gedanken machte.

Denn die Reise auf der kleinen Welt von Berlin nach London, New York und Paris ist eine Tour der Selbstbestätigung; jede Selbstgewissheit nähme aber Schaden, ginge die Reise nach Khartoum, Mumbai oder Monrovia. Noch vor 100 Jahren wussten nur wenige Menschen von wirklich fremden Ländern zu berichten. Reisen waren teuer, vor allem aber dauerten sie lange, und sieht man von Feldzügen ab, auf welchen es ja nicht um Erforschen und Verstehen ging, war man ohne Übersetzer und Erklärer hilflos.

Diese mussten Realität vermitteln – auf der Basis dessen, worauf sich der Fremde gedanklich einzulassen in der Lage war. Weltsprachen waren hilfreich, Sprache alleine aber nicht genug: Wichtiger war die eingesetzte Zeit, der Unterschied zwischen Tagesausflug und mehrmonatiger Reise. Sich auf eine Kultur einzulassen ist nun einmal die Voraussetzung für jede transkulturelle Kommunikation; und dieses Einlassen erfordert spezielle Bedingungen.

"Ich weiß, dass ich nichts weiß"

Wie Sokrates zu "wissen, dass man nichts weiß" ist die Grundlage aller brauchbarer Überlegungen zu metakulturellem Verstehen – und dieses Verständnis wäre sinnvolle Grundlage internationaler Politik, die auf der Akzeptanz der Tatsache beruhen muss, dass es an verschiedenen Orten und Kulturen immer unbekannte Koordinatensysteme geben wird. Historische Irrtümer als Warnung gibt es viele.

Was sagt uns dies? Sollte man heute den Respekt vor Kulturen in Stellung bringen, um etwa auf den Versuch zu verzichten, Frauen auch außerhalb unseres kleinen Kulturkreises Zugang zu Bildung und Selbstbestimmung zu verschaffen? Ist es denn falsch, emanzipatorische Bestrebungen unterdrückter Völker zu unterstützen, sollten wir gar in der "Fremde" unsere Werteordnung verleugnen, die dem Schutz des Lebens und der Gleichheit höchsten Stellenwert einräumt? Oder kann es sein, dass unser Kulturkreis, auch ohne Kenntnis (und wirklichem Interesse an) der jeweilig anderen Situation, ohne Wissen um historische Kontexte und ohne eine Bewertung mittelfristiger Folgen, nur entschlossen ist, entweder eigenen Weltsichten treu zu bleiben, koste es was es wolle, oder sich ermattet zurückzuziehen?

Nein, Paralyse oder selektive Prinzipientreue sind angesichts für uns alle existenzieller Fragen nicht der richtige Schluss. Aber man muss bedenken: Sichtlich waren weder Worte noch Taten bisher dazu angetan, den größten Teil der Welt von der Uneigennützigkeit unserer – europäischer, amerikanischer – Absichten zu überzeugen. Weder die lingua franca Englisch, noch die scheinbar kleiner gewordene Welt haben dazu geführt, dass westliche Absichten – zwar wenig durchdacht, oft aber nicht vor allem böse – für den Rest der Welt verständlich wurden. Hier zeigt sich, dass der vom Netz begünstigte, kulturhegemoniale und folgenlos bleibende Anspruch, wir seien ja "in Wahrheit alle Brüder und Schwestern", meist auf Desinteresse und Kurzschlüssen beruht.

Im Gegenteil; offenbar wirken die Absichten höchst bedrohlich. Fazit: So lange man sich daran abarbeitet, dass man nicht verstanden wird, so lange wird man nicht darauf kommen, dass es an einem selbst wäre, sich auf andere Geschichte und andere Kultur einzulassen, diese zu ergründen, um zugleich eine Grundlage zu suchen, auf der man in einen für beide Seiten brauchbaren Dialog finden kann.

Zurück zum Anfang: Eine Sprache ist eine gute Basis – entscheidend für ein Gespräch über kulturelle Grenzen hinweg sind aber glaubhaftes Interesse und Zeit. Billigflieger und Internet in Ehren, aber sie sind Ausdruck des Seins, nicht Katalysatoren des Wissens. Gegenwärtig verschärfen sich Fehldeutungen, entstehen fatale Missverständnisse und ist verschämtes Wegducken zu sehen, und auf einer tatsächlich kleinen Welt ist all dies gefährlich.

"Kultur ist kein Harmoniebrei, Kunst kein Kuscheltier, die Welt keine Knetmasse"

An einer Universität wie der UdK muss es darum gehen, Aussagefähigkeit zu entwickeln, zu üben und schärfen. Wir pflegen die uns umgebende Kultur, aber nicht aus Blindheit, sondern weil nur Kenntnis der eigenen Differenziertheit dazu befähigen kann, Anderes als anders, Neues als neu zu erkennen. Kultur ist kein Harmoniebrei, Kunst kein Kuscheltier, die Welt keine Knetmasse. Aus dünnen Brettern des schläfrigen Wohlwollens, wie man sie etwa bei der "Weltmusik" findet, wird nie ein Haus gebaut werden können, das dem scharfen Wind babylonischen Stimmengewirrs widerstehen kann. Der Künste inhärentes Wissen zu suchen ist unser auf Unendlichkeit angelegtes Unterfangen; zu Tage gefördert wird aber im besten Fall nur unser Wissen aus unseren Künsten. Gut, denn in allen Erkenntnissen wird so deutlich bleiben, dass sich anderswo Entscheidendes unserem Auge verbirgt.

Kulturpolitik ist zentral. Sie ist Friedenspolitik, Gleichberechtigungspolitik, Wirtschaftspolitik, Außenpolitik par excellence. Um sie fruchtbar werden zu lassen, muss man sich jedoch zunächst selbst erkennen – ein schmerzlicher Prozess. Dann sich vermitteln, sich die Zeit nehmen, andere zu verstehen. Zuletzt auf dieser Grundlage selbstbewusst und mit klaren Standpunkten, mit echtem Interesse und Intelligenz agieren.

Der Autor ist Präsident der Universität der Künste Berlin.

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