• Tag der offenen Tür an der UdK Berlin: Wo sich Fuchs und Künstler gute Nacht sagen

Tag der offenen Tür an der UdK Berlin : Wo sich Fuchs und Künstler gute Nacht sagen

Ohne Kaffee geht hier gar nix: Nicht nur vor dem Rundgang sind die UdK-Studenten rund um die Uhr aktiv

Lorna Lüers
Gesicht zeigen. Die Studentin Angélica Lizarazo aus der Fachklasse für Illustration von Professor Henning Wagenbreth hat das Rundgang-Motiv 2016 gestaltet.
Gesicht zeigen. Die Studentin Angélica Lizarazo aus der Fachklasse für Illustration von Professor Henning Wagenbreth hat das...Foto: Ptomol

Die Sonne geht gerade unter, als ich gegen 21.30 Uhr auf das Gebäude der UdK Berlin in der Hardenbergstraße zugehe. Zum Rundgang strömen jedes Jahr tausende Besucher in die Ausstellungsräume, doch um diese Zeit herrscht hier kein Andrang. Nachts dürfen nämlich nur die Studenten hinein. Für sie ist die Hardenbergstraße als einziges der vielen UdK-Gebäude rund um die Uhr geöffnet. Was passiert hier nachts hinter den Türen der Ateliers und Werkstätten? Stimmt die Vorstellung vom Künstler, der zu nachtschlafender Zeit an der Leinwand steht, weil ihn die Inspiration ganz plötzlich überkommen hat?

Um eine Antwort auf diese Fragen zu bekommen, habe ich mich mit Marta Djourina verabredet, die Bildende Kunst studiert. Unsere erste Anlaufstelle ist die Pförtnerloge im Foyer. Dort sitzt heute Nacht Herr Konak, der uns Atelier- und Werkstattschlüssel über den Tresen reicht. Dann geht es durch die große Halle und die Quergalerie in den Innenhof, zum Ruinengarten. Es ist still, vom Trubel des Rundgangs fühlt man sich weit entfernt. „Ich wollte heute eigentlich tagsüber in die Lithographiewerkstatt, aber alle Plätze waren belegt“, erzählt Marta. Spätabends oder nachts finden in den Werkstätten natürlich keine Pflichtkurse statt, dann haben die Studierenden mehr Raum zum Arbeiten. „Viele kommen aber auch deshalb nachts, weil es einfach ruhiger ist. Es sind nicht so viele Leute da, man verquatscht sich weniger schnell und schafft mehr“, sagt Marta und grinst. Ganz pragmatische Gründe also für das Arbeiten bei Nacht.

Der Ruinengarten liegt im Halbdunkel, aber die Luft ist noch warm, ein lauer Sommerabend. Von nebenan aus dem UdK-Gebäude in der Fasanenstraße hört man Klaviermusik und Gesang herüberwehen. Marta zeigt nach oben auf die großen Atelierfenster im zweiten Stock: „Bei uns brennt Licht, es ist also doch noch jemand außer mir da.“ Wir wollen gerade aufstehen, da steht plötzlich ein Fuchs vor uns. Ganz leise hat er sich angeschlichen, kommt bis auf ein paar Meter heran. Ich bin überrascht, Marta hingegen lacht und sagt: „Den habe ich hier schon oft gesehen, allerdings selten so nah!“ So schnell wie er gekommen ist, hat sich der Fuchs auch schon wieder ins Gebüsch verdrückt.

Oben angekommen, öffnen wir die Tür zu einem riesigen, hell erleuchteten Raum, in dem Martas Kommilitonin Jenny sich gerade über mehrere kleinformatige Leinwände beugt. Die Balkontür steht offen, überall liegen Materialien, Pinsel und Farben herum. Jenny ist heute Abend hier, um einige ihrer Bilder zu verpacken, zu katalogisieren und einzulagern. Schon wieder geht die Tür auf: Michael, der wie Marta und Jenny in der Klasse von Christine Streuli studiert, wird heute Nacht hier an seinen Kunstwerken arbeiten, weil er tagsüber in seinem Nebenjob Geld verdienen muss. „Wir haben Anfang August eine Klassenausstellung, und außerdem steht ja bald der Rundgang an. Dafür bereiten wir uns auch schon vor“, erzählt Marta.

Marta hat mit einem Laser auf Fotopapier "gemalt"

Die Studierenden der Malerei-Klasse teilen sich zwei große Atelierräume. Trotzdem kann es eng werden, nicht nur beim Rundgang, sondern auch während des Semesters. „Aber irgendwie geht es immer“, erzählt Marta. „Ich überlasse gerade meinen Arbeitsplatz einer Kommilitonin, weil sie an großformatigen Werken arbeitet und ich sowieso viel mehr in den Werkstätten bin.“ Jenny widmet sich nun wieder dem Einpacken ihrer Bilder und Michael, der erstmal Musik an- und eine Flasche Club Mate aufgemacht hat, beginnt zu arbeiten.

Im zweiten Atelierraum der Klasse zeigt Marta einige ihrer Arbeiten. Neben einem Lithographie-Druck auf einer fünf Meter langen Papierrolle sind das vor allem analoge Fotoarbeiten. So hat sie zum Beispiel mit einem Laser auf Fotopapier „gemalt“. Dabei entstehen filigrane Netze auf dem Papier, die erst nach der Entwicklung zu erkennen sind. „Das ist Malen mit Licht, insofern passt es, dass ich in einer Malerei-Klasse bin, obwohl ich viel mit Fotos mache“, sagt Marta.

Gegen 23 Uhr geht es in die Lithographiewerkstatt im Erdgeschoss. Im Gang hören wir Musik und blicken über das Geländer ins Treppenhaus hinunter: Drei Studenten haben sich wohl gerade auf den Heimweg gemacht, einer spielt leise Töne auf dem Akkordeon, die sich langsam entfernen. Bald hören wir nur noch das Nachhallen unserer eigenen Schritte in den langen Gängen. In der Lithographiewerkstatt ist der typische Geruch nach Terpentin und Farbe, der einen in der Hardenbergstraße ständig begleitet, noch stärker. Marta öffnet ein Fenster und macht sich an die Arbeit. Sie muss ihre Druckplatten abschleifen, damit sie sie wieder für neue Drucke nutzen kann. Der Kalkschieferstein wird dazu mit Wasser befeuchtet und mit Schleifsand bestreut. Dann setzt Marta die zweite Platte darauf und reibt sie in kreisenden Bewegungen aneinander. Diesen Vorgang muss man mit immer feiner werdendem Schleifsand mehrfach wiederholen. Eine fast meditative Arbeit, „gut um den Kopf frei zu bekommen“, sagt Marta. Eine Weile lang hört man nur das Reiben der Steine, sonst ist es still in der nächtlichen UdK. Aber nicht lange: Aus dem hinteren Gebäudetrakt hören wir auf einmal laute Rockmusik, eine Band probt irgendwo. Wir sind also doch nicht so allein, wie wir uns das vielleicht gedacht haben.

Pförtner Herr Konak ist nachts die Schaltzentrale

Marta ist für heute fertig, sie hängt ihren Kittel auf und schließt die Werkstatt ab. Der Blick auf die Uhr zeigt inzwischen Mitternacht. Zusammen gehen wir nach vorne zu Herrn Konak. „Gutes Durchhalten!“ wünscht mir Marta noch, dann nehme ich in der Pförtnerloge Platz.

„Möchten Sie einen Kaffee? Milch, Zucker?“ fragt Herr Konak. „Ohne Kaffee geht hier nachts gar nichts“, sagt er und lacht. Kann er genau sagen, wie viele Leute gerade noch im Gebäude sind? „Ziemlich genau kann man das sagen, ja“, sagt er. Er zeigt auf die Liste, in die sich die Studenten eintragen müssen. „Ich habe um null Uhr Inventur gemacht, da waren noch 14 Schlüssel ausgeliehen.“

Seit vier Jahren sitzt Herr Konak als Mitarbeiter der Firma WISAG, die von der UdK beauftragt wurde, an der Pforte in der Hardenbergstraße. Natürlich auch mal tagsüber, aber vor allem nachts. „Nachts sind wir im Prinzip die Schaltzentrale, der erste Kontakt, falls mal etwas sein sollte“, sagt er. Dann sind die Studenten hier meist unter sich. Werkstattleiter oder Lehrende dürfen zwar auch hinein, sie kommen aber eher selten so spät in die Uni. „Sie haben sich eine sehr ruhige Nacht ausgesucht“, sagt Herr Konak.

Anders ist es, wenn Ausstellungen aufgebaut werden oder der Rundgang vorbereitet wird. „Dann packen alle mit an und es ist richtig voll“, erzählt Herr Konak. „Ich finde es schön, wenn ich dann mit kleinen Dingen aushelfen kann, zum Beispiel mal einen Schraubenzieher ausleihen oder so.“

Die Rockband spielt nicht mehr - „ich glaube, die schlafen alle“

Es ist jetzt viertel vor eins. Tatsächlich kommen um diese Zeit noch ein paar Studenten und leihen sich Schlüssel aus, andere verlassen das Gebäude und verabschieden sich. Viele Gesichter kennt Herr Konak inzwischen: „Einige seit Anfang ihres Studiums, die werden jetzt bald fertig.“ Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Ich weiß noch, wie sie damals zur Bewerbung ankamen und ihre Mappen abgeben wollten.“ Um halb zwei brechen wir zu einem Kontrollgang auf. Einen vorgeschriebenen Weg gibt es nicht, aber Herr Konak hat seine Route fest im Kopf. Erst vorne im Erdgeschoss herum, dann in den hinteren Gebäudetrakt, bei den Klassen der Bildhauerei vorbei, schließlich nach oben und im Kreis zurück nach vorne – eine gute Stunde dauert das. Jetzt ist es noch stiller als zuvor, auch die Rockband spielt nicht mehr. „Ich glaube, die schlafen alle“, sagt Herr Konak mit einem Augenzwinkern.

Das ist in manchen Nächten anders: „Sicher, es gibt auch mal die eine oder andere Party. Da müssen wir natürlich aufpassen, dass nichts passiert. Aber seitdem ich da bin, ist noch nie etwas Schlimmes vorgefallen.“ Den Fuchs, den Marta und ich am Abend im Ruinengarten gesehen haben, kennt Herr Konak auch. „Erst letzte Woche saß ich nachts hier, schaue hoch – und da steht er hier direkt vor mir, mitten in der Eingangshalle und guckt mich an“, erzählt er. Wir lachen beide angesichts so viel tierischer Unerschrockenheit. Ich packe schließlich meine Sachen und bedanke mich für den Kaffee. „Nichts zu danken“, sagt Herr Konak, der sich gerade noch eine neue Tasse eingegossen hat. Er hat schließlich noch ein paar Stunden vor sich, bis die Sonne aufgeht und seine Ablösung kommt. Jetzt, um kurz vor drei Uhr morgens, sind die Atelierfenster mit Blick zur Hardenbergstraße alle dunkel. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn: Laut Herrn Konaks Liste sind immer noch zwölf Schlüssel ausgeliehen.

Beim Rundgang zeigen Marta Djourina und ihre Kommilitonen der Klasse Streuli ihre Arbeiten in den Atelierräumen 222 und 228 im zweiten Stock der Hardenbergstraße 33. Der Fuchs wird dann allerdings wohl nicht anwesend sein.

UdK Rundgang: Tage der offenen Tür vom 22. bis 24. Juli 2016

Am 22. Juli beginnt der diesjährige UdK-Rundgang Zum Ende des Sommersemesters öffnet die Universität der Künste Berlin für drei Tage die Ateliers, Werkstätten, Studios, Bühnen und Probenräume fast all ihrer Gebäude: Von Wedding bis Wilmersdorf, von Charlottenburg bis Schöneberg können Berlinerinnen und Berliner – und natürlich auch alle anderen – die Arbeiten der jungen UdK-Künstlerinnen und Künstler anschauen. Geboten wird Kunst aller Sparten: Malerei, Plakatdesign, Tanz, Musik, Mode, Architektur, Schauspiel und vieles mehr. Es gibt Führungen, die Studienberatung ist vor Ort, das Berlin Career College der UdK Berlin informiert über Weiterbildungsangebote und die Summer School, und im Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz wird ein Bewegungsworkshop angeboten.

Das Motiv, mit dem der Rundgang in der Stadt und im Netz beworben wird, stammt von der Studentin Angélica Lizarazo aus der Fachklasse für Illustration von Henning Wagenbreth. Eine Auswahl der Entwürfe, aus denen eine Jury das Siegermotiv auswählte, ist in der Bilderleiste dieser Beilage, aber auch im Medienhaus der UdK in Schöneberg zu sehen. Zu ihrem Motiv sagt Angélica Lizarazo: „Die Zunge rauszustrecken ist eine Geste, die Freude und Ärger zugleich auslösen kann, die in jedem Falle aber persönlich ist.“

Und persönlich soll es auch bei den Besucherinnen und Besuchern werden. Denn seit kurzem ist die UdK Berlin auch auf Instagram unterwegs. Unter #udkrundgang können alle, die Lust haben, ihre persönlichen Eindrücke der Tage der offenen Tür an der UdK Berlin teilen.