Pläne für "Fahrrad-Autobahn" : Fahrradnetz soll für Pendler ausgebaut werden

170 000 Brandenburger fahren täglich nach Berlin zur Arbeit, umgekehrt sind es 70 000 Menschen: Zeit, dass sich die Verkehrsplaner neue Ideen einfallen lassen. Ihr Blick richtet sich speziell auf die Fahrradfahrer.

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Für Fahrrad-Pendler fehlen Richtung Innenstadt vernünftige Anbindungen - das soll sich nun durch die Zusammenarbeit von Berlin und Brandenburg ändern.
Für Fahrrad-Pendler fehlen Richtung Innenstadt vernünftige Anbindungen - das soll sich nun durch die Zusammenarbeit von Berlin und...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin und Brandenburg wollen ihre Radroutennetze verknüpfen. Mit schnellen und kreuzungsarmen Strecken sollen Menschen aus dem Umland und vom Stadtrand aufs Rad umsteigen und das Auto stehen lassen. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf und das angrenzende Umland planen nun einen „Korridor“ für Radfahrer. „Bislang passen die Radroutennetze von Berlin und Brandenburg nicht zusammen“, sagte Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU), „die Engpässe müssen beseitigt werden.“

Derzeit untersuchen Planer, wie die benachbarten Orte Kleinmachnow und Stahnsdorf besser angebunden werden können. Finanziert werden soll das Projekt aus Fördertöpfen für Elektromobilität. Denn mit „Pedelecs“ – also Räder mit elektrischem Hilfsmotor – können auch ungeübte oder ältere Menschen größere Distanzen zur Arbeit überwinden. Der „Pedelec-Korridor Berlin-Brandenburg“ ist Teil eines von bundesweit vier „Schaufenstern der Elektromobilität“, die im vergangenen Jahr aus 23 Bewerbungen von der Bundesregierung ausgewählt wurden. Die Entscheidung über die Fördermittel erwartet Dominique Sevin von der „Berliner Agentur für Elektromobilität“ im März dieses Jahres.

Angesichts der äußerst geringen Verkaufszahlen von Elektroautos rücken nun die Radfahrer in den Fokus der Forscher – das Pedelec für Pendler. In Mecklenburg-Vorpommern hat eine im vergangenen Jahr erstellte Studie ergeben, dass Fahrrad oder Pedelec für Pendler das geeignetste Verkehrsmittel ist. Und zwar aus vielerlei Gründen: Die Kosten sind viel geringer als beim Auto, zudem fördert man automatisch die Umwelt und die eigene Gesundheit – und oftmals ist das Rad schneller als das Auto. Wer mehr an Sport denkt, nimmt das Fahrrad, wer bequem und unverschwitzt ankommen möchte, nutzt das Pedelec – so das Fazit der Studie.

Doch dazu bedarf es schneller und vor allem kreuzungsfreier Wege, also „Autobahnen“, wie sie bislang aus Holland oder Dänemark bekannt sind. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums sind in den Niederlanden bereits eine Million Menschen auf Pedelecs unterwegs. Zehn Prozent aller niederländischen Fahrradkilometer  werden auf einem E-Bike zurückgelegt. Auf einem E-Bike werden pro Woche in Holland durchschnittlich 31 Kilometer gefahren; auf einem gewöhnlichen Rad sind es 18 Kilometer. Nach Angaben des Fahrradclubs ADFC haben Pedelecs „das Potenzial, auch längere innerstädtische motorisierte Fahrten zu ersetzen“. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes pendeln derzeit 179 000 Menschen nach Berlin und 70 000 Berliner nach Brandenburg.

Um Pendler aufs Pedelec zu bekommen, bedarf es aber nach Angaben von Bezirksbürgermeister Kopp auch sicherer Abstellanlagen für die bis zu 2000 Euro teuren Räder. „Wir wollen die großen Arbeitgeber in Steglitz-Zehlendorf überzeugen, sich zu engagieren“, sagte Kopp. Er denkt an die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) und die Freie Universität. Abstellmöglichkeiten für viele Fahrräder entstehen auch im Norden: In Bernau, direkt am S-Bahnhof, wird ein Fahrradparkhaus – das erste in Brandenburg – errichtet. Kapazität: 600 Räder. Kosten: fast zwei Millionen Euro.

Der Club um Eva-Maria Scheel, Chefin des Berliner ADFC, fordert seit langem „Radschnellwege“ mit grüner Welle, auf der Radler auch größere Distanzen überwinden können. Sinnvoll wäre zum Beispiel innerstädtisch ein Schnellweg auf der Ost-West-Achse über Kaiserdamm und Bismarckstraße in Charlottenburg. Dafür müsste eine der vielen Autospuren umgewidmet werden.

Nach Angaben der Senatsverkehrsverwaltung scheidet die Stammbahn im Südwesten als Trasse für einen Radweg Richtung Teltow und Kleinmachnow aus, weil die vor Jahrzehnten stillgelegte Trasse zwischen Zehlendorf und Düppel und weiter Richtung Potsdam noch nicht entwidmet ist, rechtlich also weiterhin eine Eisenbahnstrecke ist. Grundsätzlich seien Radwege auf Eisenbahntrassen aber sinnvoll, weil sie nur selten von Straßen gekreuzt werden. Bislang wurden alte Strecken vor allem aus touristischen Gründen zu Radwegen umgebaut, in Brandenburg zum Beispiel zwischen Fehrbellin und Paulinenaue.

Radschnellwege existieren auch in Berlin – auch wenn sie nicht so genannt werden. So gibt es entlang der Autobahn nach Schönefeld und parallel zur Avus ausgezeichnete Radwege, auf denen ampelfrei schnell große Entfernungen zurückgelegt werden können. Für Pendler fehlt aber eine vernünftige Anbindung Richtung Innenstadt.

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Tagesspiegel-Magazin

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