Tipps für Zugezogene : Ach hör ma uff: So tickt der Berliner

Was Neuberliner im Umgang mit eingeborenen und assimilierten Hauptstadtbewohnern beachten sollten. Beachtlich ist zum Beispiel, mit welch stoischer Ruhe der Berliner es erträgt, dass alle so werden wollen wie er.

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Das ist ein ernstzunehmendes Bekenntnis zu dieser Stadt: Der Bär und der Fernsehturm, zwei Wahrzeichen eines Originals.
Das ist ein ernstzunehmendes Bekenntnis zu dieser Stadt: Der Bär und der Fernsehturm, zwei Wahrzeichen eines Originals.Foto: Britta Pedersen/dpa

Zum Start die drei gängigsten Entgegnungen des Berliners auf einen Gesprächsanfang: Wat willste? Ick gloob, ick spinne. Ach, hör ma uff! Ist das Barschheit, Kleinmut oder Größenwahn? Das fragen sich Generationen von Nicht-Berlinern, Neu-Berlinern und Irgendwann-Berlinern und verdaddeln über die Antwort im Nu ein ganzes Ethnologiestudium in einer Kreuzköllnwedding-WG oder wenigstens eine Drei-Tage-Nacht im Berghain.

Dabei liegt die Antwort darauf, wie ein Berliner so tickt und wie man vielleicht selber ein richtiger werden kann, nicht hier, wo alle diese Stadt suchen, die sie aus dem Fernsehen („Berlin Tag und Nacht“) oder von Twitter (#ditisBerlin) zu kennen glauben. Erst recht nicht liegt sie in Klein-Bonn, der Regierungseinöde am sogenannten Hauptbahnhof – aber das nur am Stadtrande.

Meckern in Kiezhausen

Das Geheimnis des Berliners, um das er kein Geheimnis macht, offenbart sich auf kleineren Bühnen mit beschränkter Öffentlichkeit und eingeschränkter Haftung: beim Blasmusikfest in seiner Kleingartenanlage („Mädel, hier gibt's kein Eis, nur Eisbein!“), in der Bierschlange bei Hertha („Is det ne Plörre heute wieder“) oder jeden Morgen im M48, der Buslinie des Grauens (Durchsage der Busfahrerin: „Ihr müsst nich aus der Tür raustreten, ick hab Zeit, ihr nich“). Das kleine Kiezhausen wird zum großen Ganzen, wenn der Berliner tut, was er am besten kann: meckern mit Würze und in Kürze. Oder loben, wie man es nur hier tut: Kannste nich meckern.

Er genießt den Moment der Stille, wenn er gesprochen hat – als echter Berliner, der er ist und der andere nicht. Das hilft ihm darüber hinweg, dass es von seinem Schlage immer weniger gibt. Vor allem in Berlin. Ja, ein Berliner braucht Bewunderung. Zuneigung zu zeigen, sich einem anderen zuzuneigen, fällt ihm dagegen sichtlich schwer. Er hat es ja auch nicht nötig. Schließlich ist der Eingeborene im täglichen Behauptungskampf auf der Straße oder in der S-Bahn unbesiegter Großstadtkönig und will es auch bleiben. Dabei ist völlig egal, wie er aussieht. Insbesondere ihm selbst. Wat willste?

"Kontakt durch Konflikt"

Im Wappen der Stadt prangt ein Bär: ein ebenso gefährliches wie gemütliches Tier. Zur hier beheimateten Gattung Mensch hat der Teilzeit-Berliner Giovanni di Lorenzo kürzlich treffend gesagt: „Berliner suchen den Kontakt durch Konflikt.“ Davor haben nicht nur alle Zugezogenen Angst, sondern auch der Senat im seit Ewigkeiten Roten Rathaus, der mit rührender Vergeblichkeit versucht, so zu tun, als sei diese Stadt regierbar.

Doch was ein Berliner bloß verlangt, ist Respekt für seine Leistung, in der einzigen Metropole Deutschlands halbwegs normal zu bleiben. Und natürlich ein kleines bisschen Anerkennung (stummes Nicken genügt) dafür, dass er die Mauer überstanden hat, dass er die besten schlechten Witze macht, dass er auf märkischem Sand den schönsten Balkon/Garten/Hinterhof hat, dass er noch immer ohne Großflughafen auskommt, dass er barfuß durch Parks voller Scherben und Scheiße läuft, dass er nicht mehr umziehen kann, ohne draufzuzahlen, dass andauernd sein Fahrrad geklaut wird, dass er nirgendwo mehr allein oder zu zweit sein kann (nicht mal am Brandenburger Tor), dass er verkannt wird als Mensch ohne offene Arme.

Berliner Hinterhöfe
Hof eines alten Fabrikgebäudes in der Kochstraße, Kreuzberg. - Foto: ands78 (CC: BY 2.0)Weitere Bilder anzeigen
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15.02.2016 10:58Hof eines alten Fabrikgebäudes in der Kochstraße, Kreuzberg. - Foto: ands78 (CC: BY 2.0)

Vor allem sollte man einem Berliner bitteschön Respekt dafür erweisen, mit welch stoischer Ruhe er es erträgt, dass alle so werden wollen wie er, nur weil sie hier in dieser Stadt hängen geblieben sind (wo auch sonst?), der einzigen Metropole, in der es keine Gegenwart ohne die Narben der Vergangenheit gibt und keine Zukunft ohne das kleine große Kiezhausen. Was es da alles zu erzählen gäbe. Ach, hör ma uff!

Zum Abschluss also die Frage: Wie soll man in aller Öffentlichkeit (die Berliner übrigens nie interessiert) auf die ortsübliche Barschheit reagieren? Tipp für Anfänger: gar nicht. Für Fortgeschrittene: kurz und schmerzlos. Ick gloob, ick spinne. - Ick gloob ooch.

Dieser Beitrag erschien im Tagesspiegel-Magazin „Neu in Berlin und Potsdam“.

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