Umziehen nach Berlin: Die Schule : Lehrreiches Abenteuer

Familien, die mit Kindern in die Stadt ziehen, sollten bei der Wahl des Wohnorts an die Bildung denken. Nicht immer ist die nächstliegende Schule die beste, und viele andere mit gutem Ruf sind sehr gefragt.

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Schulkinder (10-13) sitzen in Klassenzimmer lernen und melden sich.
ollOb öffentliche oder private Schule, Eltern legen Wert auf einen guten Ruf der Lehranstalt.Foto: Imago

Wenn sie an ihren Umzug von Frankfurt am Main nach Berlin denkt, verzieht Tina Grosse das Gesicht. »Als wir nach Berlin kamen, kannte ich mich überhaupt nicht aus. Furchtbar war das! 1000 Schulen - wer sollte da durchblicken? Wir haben dann einfach eine Privatschule genommen.« Für zwei Kinder im schulpflichtigen Alter suchte die Familie nach passenden Schulen. Was die Suche dann erleichterte: Die Familie hatte genug Geld, um die Gebühr für eine teure internationale Einrichtung aufzubringen.

Wer diese 500 bis 1000 Euro pro Monat nicht erübrigen kann oder will, muss sich einlassen auf das Abenteuer der Schulsuche. Aber wie jedes richtige Abenteuer ist das in Berlin nicht nur kompliziert und anstrengend, sondern auch ausgesprochen lehrreich. Denn es gibt derart viel zu entdecken, dass es sich durchaus lohnt, den vielen guten öffentlichen Schulen oder kostengünstigen Angeboten der konfessionellen oder kleinen Träger eine Chance zu geben.

Berlins Schulen sind besser als ihr Ruf. In jeder Region können auch anspruchsvolle Eltern fündig werden. Allerdings ist die Suche wohl schwieriger als in vielen anderen Städten: Die verhältnismäßig hohe Arbeitslosigkeit sowie der im Bundesvergleich überproportional hohe Anteil bildungsferner Migranten mit Sprachdefiziten führen dazu, dass an fast jeder dritten öffentlichen Schule Kinder aus sozial prekären Verhältnissen in der Überzahl sind. Dies drückt das Leistungsniveau und beschert Berlin einen festen Platz auf den hinteren Rängen sämtlicher Bildungsstudien. Daran konnte auch der Reformmarathon des langjährig sozialdemokratisch geführten Schulressorts nichts ändern.

Um kein Risiko einzugehen, suchen Eltern nach Schulen, wo die soziale Mischung stimmt und ihr Kind nicht schon deshalb in eine Außenseiterrolle rutscht, weil die Eltern Arbeit haben. Je prekärer die soziale Lage im Wohnumfeld ist, desto schwieriger ist die Schulsuche. Anders ausgedrückt: In bürgerlichen Regionen wie Zehlendorf oder Köpenick haben fast alle Schulen eine ausgewogene soziale Mischung, während es in den zwar aufregend-urbanen, aber eben auch sozial prekären Stadtteilen wie Kreuzberg oder Nord-Neukölln davon nur wenige Schulen gibt. Wer hier wohnen will, muss viel Glück bei der Suche haben oder weite Schulwege in Kauf nehmen.

Das Internet ist bei der Suche unverzichtbar, denn die Bildungsverwaltung stellt Schulporträts ins Netz. Dort findet man die erzielten Notendurchschnitte und oftmals auch den Bericht der Schulinspektion. Die Veröffentlichungspflicht gilt jedoch erst seit wenigen Jahren. Wenn die Inspektion also längere Zeit zurückliegt, steht der Bericht nur dann im Netz, wenn die Schule dies will.

Auch die Nachfrage nach Plätzen gibt Aufschluss über die Schulqualität. Die Anmeldezahlen werden aber nicht vollständig veröffentlicht. Man muss sich daher direkt in der Schule erkundigen. Grundsätzlich gilt: Eltern sollten die Schule gemeinsam mit ihrem Kind besuchen. Oft bemerkt man schon im Sekretariat, welcher Geist an einer Schule herrscht. Auch die Atmosphäre auf dem Schulhof, der Umgang der Schüler miteinander ist aufschlussreich. Wenn eine Schule sehr schmutzig wirkt, ist Vorsicht geboten. Hingegen sagt der marode Zustand der Bausubstanz weniger über die »inneren Werte« einer Schule aus als über die Berliner Finanzmisere.

Schulpflichtig werden Kinder in Berlin in dem Jahr, in dem sie das sechste Lebensjahr vollenden - auch wenn der Geburtstag erst am 31. Dezember ist. Ab 2016 wird die Schulpflicht um drei Monate verschoben. Stichtag ist dann der 30. September. Neben der frühen Schulpflicht hat die Berliner Grundschule noch eine weitere Besonderheit: das Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL). JüL bedeutet, dass die Kinder mehrerer Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Eine weitere Berliner Eigenart besteht darin, dass die Grundschule in der Regel sechs Jahre dauert. Die erste Fremdsprache ist normalerweise Englisch und wird ab Klasse 3 gelehrt. Einzelne Grundschulen bieten auch Klassen an, die mit Französisch beginnen.

Wer sein Kind bilingual erzieht, findet dafür in Berlin deutschlandweit einmalige Bildungsangebote. Neben den kostspieligen internationalen Schulen mit ihren englisch-deutschen Curricula gibt es die staatlichen Europaschulen, die von Klasse 1 bis zum Schulabschluss führen und ihren Schülern ebenfalls ein komplett bilinguales Programm bieten - und zwar in neun Sprachen von Englisch bis Griechisch. Dieses anspruchsvolle Projekt empfiehlt sich vor allem für Kinder aus zweisprachigen Familien. Darüber hinaus gibt es noch das Französische Gymnasium, das Romain-Rolland-Gymnasium und die private Moser-Schule für Kinder, die sowohl das französische als auch das deutsche Abitur ablegen möchten.

Beim internationalen Profil mit Englisch als Hauptsprache gibt es die größte Auswahl. Auf staatlicher Seite stehen da die John-F.-Kennedy-Schule und die Staatliche Internationale Nelson-Mandela-Schule. An der Kennedy-Schule lassen sich der Highschool-Abschluss und das deutsche Abitur erwerben, die Mandela-Schule bietet das deutsche und das Internationale Baccalaureate (IB). Beide Schulen sind kostenlos und haben lange Wartelisten.

Seitdem Berlin Hauptstadt wurde, haben sich etliche freie Träger auf eine mobile Klientel spezialisiert und bieten unter ihrem Dach meist auch einen Kindergarten mit Englischprofil. Ab Klasse 1 werden mehrere Fächer auf Englisch unterrichtet. Auf der Berlin International School (BIS) etwa können Schüler nach der zehnten Klasse den Mittleren Schulabschluss (MSA) ablegen, danach führt der Weg allerdings nicht zum deutschen Abitur, sondern nur zum Internationalen Abitur (IB). Dagegen bieten die Berlin Cosmopolitan School und die International School Villa Amalienhof nach dem MSA sowohl das deutsche als auch das IB. Gleich zweimal in Berlin gibt es die Phorms-Schule. Sie führt zum MSA und zum deutschen Abitur.

Wer eine ganz bestimmte öffentliche Grundschule wünscht, muss in ihrem Einzugsbereich wohnen, um einen Platz sicher zu haben. Ansonsten muss jede öffentliche Schule Kinder aufnehmen, sofern sie freie Kapazitäten hat. Private Schulen haben eigene Aufnahmekriterien: Für die konfessionellen Schulen kann das unter anderem die Religionszugehörigkeit sein, die Waldorfschulen bewerten die Eignung der Kinder für den anthroposophischen Bildungsansatz, an anderen Schulen werden hohe Gebühren fällig.

An allen öffentlichen Sekundarschulen und Gymnasien kann man sich frei bewerben: Falls es mehr Plätze als Bewerber gibt, muss jeder Schüler unabhängig von seinen Leistungen aufgenommen werden. Bei Übernachfrage gelten meist die Grundschulnoten als Auswahlkriterium. Ein Drittel der Plätze wird per Losverfahren vergeben.

Die sechsjährige Dauer der Berliner Grundschule kann Neuberliner vor Probleme stellen, falls die betreffenden Kinder zuvor die fünfte oder sechste Klasse einer weiterführenden Schulen besucht haben: Sie wollen in Berlin gewiss nicht zurück auf eine Grundschule. Einen Ausweg bieten Gymnasien, die ab Klasse 5 beginnen (siehe unten). Komplizierter wird es, wenn ein Kind vor dem Umzug die fünfte oder sechste Klasse einer Haupt- oder Realschule besucht hat: Beide Schulformen wurden in Berlin zur Sekundarschule zusammengefasst, die normalerweise mit der siebten Klasse beginnt. In diesem Fall kann eine der über 20 Gemeinschaftsschulen eine Alternative sein, denn sie beginnen in der Regel bereits mit Klasse 1 und führen bis Klasse 10 oder 13. Das macht den Quereinstieg für Zuziehende leichter, weil sich ihre Kinder nicht in die Grundschule zurückgestuft fühlen müssen. Allerdings sind leistungsstarke Gemeinschaftsschulen wie die Evangelische Schule Berlin-Zentrum, die Wilhelm-von-Humboldt-Schule in Pankow oder die Heinrich-von-Stephan-Schule in Moabit sehr gefragt. Für zuziehende Gymnasiasten ist es einfacher, in der fünften oder sechsten Klasse in Berlin Fuß zu fassen, da hier die Auswahl an Schulen größer ist.

Wenn der Sohn oder die Tochter nach der 10. Klasse eine berufliche Orientierung wünscht, bietet sich ein Oberstufenzentrum an: Hier können Jugendliche eine Berufsausbildung oder eine Fachschulausbildung beginnen. 15 Oberstufenzentren bieten außerdem die Möglichkeit, nach drei Jahren die allgemeine Hochschulreife zu erlangen.

Wer ein Kind mit Förderbedarf hat, ist in Berlin gut aufgehoben, denn das Angebot an spezialisierten Sonderschulen ist groß. Zudem ist die Integration weit fortgeschritten: An den Grundschulen gehört der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung seit Langem zum Alltag, und an den Sekundarschulen wird ein Kontingent von Plätzen für Förderschüler freigehalten. An der Inklusion wird gearbeitet.

Mehr als 30 Berliner Gymnasien dürfen schon mit Klasse 5 beginnen. Dies gilt etwa für die altsprachlichen Schulen. Zu den angesehensten zählen das Gymnasium Steglitz - dem Günther Jauch sein gutes Allgemeinwissen verdankt - , das traditionsreiche Gymnasium zum Grauen Kloster in Wilmersdorf und auch das Canisius-Kolleg der Jesuiten in Tiergarten. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nehmen das Herder-Gymnasium in Westend und das Friedrichshainer Heinrich-Hertz-Gymnasium schon ab der fünften Klasse Schüler auf. In den Hauptfächern sollte man möglichst Einsen und Zweien vorweisen können.

Für hochbegabte Schüler gibt es 20 ausgewiesene Grundschulen mit Hochbegabtenförderung und sieben Schnelllerner-Gymnasien. Diese Gymnasien beginnen ebenfalls mit Klasse 5 und bieten zusätzliche Lerninhalte. Dazu zählt etwa das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow oder das Humboldt-Gymnasium in Tegel. Im Allgemeinen aber sind auch hochbegabte Schüler an allen Gymnasien, die ab Klasse 5 beginnen, gut aufgehoben, weil hier die leistungsstärksten zehn Prozent eines Jahrgangs versammelt sind - also nichts wie los ins Berliner Schulabenteuer.

 

Susanne Vieth-Entus ist Bildungsexpertin beim Tagesspiegel und schreibt regelmäßig für die Schulseite – jeden Dienstag im Berlinteil.

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