Sind Universitäten unregierbar? : Partizipation ist das Zauberwort an Unis

Wollen Präsidenten ihre Universität nach vorne bringen, müssen sie vor allem die Mitglieder ihrer Hochschule einbinden, sagt Margret Wintermantel, Präsidentin des DAAD.

Margret Wintermantel
Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD).
Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD).Foto: dpa

Dieser Text ist Teil unserer Debatte zur (Un)regierbarkeit von Universitäten. Hier finden Sie die übrigen Debattenbeiträge.

Wenn man die Tätigkeit des Rektors/der Rektorin, des Präsidenten/ der Präsidentin einer Universität als „regieren“ im Sinne etwa der Anordnungsbefugnis über eine militärische Einheit, oder als Führung eines Unternehmens versteht, dann ist die Antwort klar: nein, so nicht. Wenn man aber an die konsensorientierte Steuerung in einem demokratisch legitimierten Rahmen denkt, dann kommt man der Sache schon näher.

Die Ziele einer Uni seit 600 Jahren: Forschung und Lehre auf hohem Niveau

Die Ziele einer Universität sind seit 600 Jahren die gleichen, ohne dass der/die Rektor, Rektorin, Präsidentin oder Präsident dies verändern könnte: Forschung und Lehre auf hohem Niveau zu betreiben. Und hierfür sind die Forschenden und Lehrenden selbst verantwortlich.

Das Prinzip der akademischen Freiheit ist ein hohes Gut, das nicht infrage gestellt werden darf und das sicherstellt, dass niemand dem Wissenschaftler/der Wissenschaftlerin vorschreibt, was er/sie zu forschen hat. Daneben gilt das Prinzip der Partizipation, das eine demokratische Entscheidungskultur in der Universität garantiert. In allen Gremien sind die verschiedenen Gruppen vertreten und an den Entscheidungen beteiligt. So gesehen, ist das "Regieren" offensichtlich keine adäquate Beschreibung der Tätigkeit des Präsidenten/der Präsidentin, des Rektorin/der Rektor einer Universität.

Die Herausforderungen an diese Personen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten in allen europäischen Ländern, so auch in Deutschland, erheblich verändert. Mehr Autonomie mit entsprechend gestiegener Verantwortung, notwendige Profilbildungen und Schwerpunktsetzungen in und zwischen den Fakultäten, ein ständiger Kampf um die auskömmliche Finanzierung, das Umsetzen der Bologna-Reform, die Beteiligung an der Exzellenzinitiative – alles dies vor dem Hintergrund der im internationalen Wettbewerb dringend notwendigen Steigerung der Leistungsfähigkeit in Forschung und Lehre. Mehr strategische Kompetenz und Führungsstärke sind offensichtlich gefordert.

Ein Präsident sollte nicht im Alleingang handeln

Die Haupttätigkeit der Rektoren/Rektorinnen und Präsidenten/ Präsidentinnen findet jedoch nicht am Reißbrett statt, auf dem im Alleingang neue Strategien für die Universität entworfen werden. Tatsächlich berichten die Personen an der Spitze mit hoher Übereinstimmung, dass sie ihre wichtigste Aufgabe in der Kommunikation mit den Mitgliedern der Universität sehen. Sie einzubinden in die notwendigen Veränderungsprozesse und ihnen gleichzeitig die Bedingungen zu garantieren, die sie für ihren eigenen Erfolg benötigen, ist unabdingbar, wenn man die Universität nach vorne bringen will.

Dabei muss nicht alles in länglichen Gremiensitzungen zerredet werden. Stattdessen sollten die Individualität, die Kreativität, der offene Diskurs unterstützt werden. Nur so wird man auch der Aufgabe gerecht, die Studierenden darauf vorzubereiten, in der Zukunft Probleme zu lösen, von denen man heute noch keine Ahnung hat.

Die Person an der Spitze einer Universität repräsentiert auch die Institution nach außen: sie gibt ihr für Politik, Gesellschaft und Wissenschaft ein Gesicht, ihren Belangen und Interessen eine Stimme. Er/sie vermittelt zwischen Außenwelt und Gesamtinstitution. Wohlwissend, dass sich auf beiden Seiten selbstbewusste Positionen und hohe Erwartungen gegenüberstehen.

Universitäten sollen Zukunftsfragen beantworten

Die Gesellschaft sieht die Universitäten in der Pflicht, Wissen und Erkenntnis zu erzeugen und zu vermitteln; zukünftige Fach- und Führungskräfte sollen zu ihren Aufgaben befähigt werden.

Seit einiger Zeit rücken Universitäten darüber hinaus in den politischen Diskussionen nach vorne, weil man verstärkt von ihnen maßgebliche Beiträge zur Lösung der großen Zukunftsfragen sowie für die Innovationsfähigkeit und den Wohlstand der Nation erwartet. Nicht selten sieht sich der Rektor/ die Rektorin, der Präsident/ die Präsidentin einem scheinbar unauflöslichen Konflikt zwischen der Freiheit der Wissenschaft auf der einen und dem Legitimationsdruck, der sich aus der Verwendung öffentlicher Gelder ergibt, auf der anderen Seite gegenüber.

Eine Vision für die Uni muss von allen akzeptiert sein

Auch hier benötigt die Person an der Spitze der Universität diplomatisches Geschick ebenso wie ein festes Ziel, das sie mit dem Blick auf das Machbare standfest vertreten muss. Dies kann nur gelingen, wenn sie tatsächlich für ihre Organisation sprechen kann. Eine Vision für die Zukunft der Universität muss von allen akzeptiert sein. Nur so kann sie nach außen wirksam vertreten werden. Auch hier ist die Leitung einer Universität gut beraten, die Entscheidungen nach innen transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Ein „Durchregieren“ im Sinne eines Alleingangs würde dem Präsidenten/der Präsidentin, dem Rektor/ der Rektorin schnell den Boden unter den Füßen wegziehen.

Universitäten gibt es in Deutschland seit über 600 Jahren. Dass sie als Organisationen trotz aller politischen und gesellschaftlichen Veränderungen bestehen konnten, verdanken sie auch den Verantwortlichen, die verstanden haben, dass sie ihre Universität nur durch stetigen Wandel und Modernisierung bewahren können.

- Prof. Dr. Margret Wintermantel ist Sozialpsychologin und seit 2012 Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Zuvor war sie Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz und Präsidentin der Universität des Saarlandes. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben