Sind Universitäten unregierbar? : Unichefs müssen kooperieren, mitfühlen - und führen

Universitäten stehen unter einem enormen Druck, sich zu wandeln. Leiten kann man sie nur nach dem Prinzip der wissenschaftlichen Teamarbeit, sagt Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin.

Steffen Krach
Steffen Krach ist seit Dezember 2014 Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin.
Steffen Krach ist seit Dezember 2014 Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin.Foto: Promo

Dieser Text ist Teil unserer Debatte zur (Un)regierbarkeit von Universitäten. Hier finden Sie die übrigen Debattenbeiträge.

In einer Welt, die sich immer schneller wandelt, sind Universitäten Stabilitätsanker und Beschleuniger zugleich. Sie sind als die zentralen Einrichtungen des Wissenschaftssystems maßgeblich für den technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt verantwortlich. Zugleich haben sie als Einrichtungen mit jahrhundertealter Geschichte und Tradition viele Stürme und gesellschaftliche Einschnitte überdauert.

Ein historisches Erfolgsmodell, aber nicht mehr steuerbar?

Wenn man sich also nun mit der Frage konfrontiert sieht, ob die Universitäten heute noch regierbar sind, so sollte man vielleicht mit einer Gegenfrage antworten: Warum sollten sie es nicht sein? Was ist es denn, dass zu der These führt, dass ein solch historisches Erfolgsmodell wie die Universität nun grundsätzlich nicht mehr steuerbar sein soll?

Als Beleg taugt sicher nicht, dass die Besetzung des Präsidentenamtes an der Humboldt-Universität zu Berlin etwas länger dauert als geplant. Aus diesem vielleicht für die Humboldt-Universität nicht hilfreichen, aber letztlich nicht ungewöhnlichen Vorgang eine Krise der Universität abzuleiten, wirkt nach einem kurzen Moment des Innehaltens eher abstrus denn plausibel. Die Humboldt-Universität zu Berlin ist und bleibt eine national und international herausragende Universität.

Ihre neuen Freiheiten sind für Unis Chance und Risiko

Natürlich ist nicht zu leugnen, dass sich die Anforderungen an eine Universitätsleitung wandeln. Die Veränderungen und Herausforderungen sind immens und lassen sich hier nicht in Gänze darstellen, aber exemplarisch seien ein paar Entwicklungen aufgeführt, auf die eine Universitätsleitung reagieren muss.

Die Finanzierung der Universitäten diversifiziert sich, insbesondere ist der Anteil an so genannten wettbewerblich vergebenen Drittmitteln, auch wenn dies meist auch öffentliches Geld ist, stark gestiegen. Damit einher geht eine veränderte Wirtschaftsführung. Zugleich hat die Politik veränderte Formen der Steuerung etabliert, in Berlin beispielsweise durch die Hochschulverträge. Diese geben den Universitäten Planungssicherheit und Autonomie zugleich, dafür erwartet die Politik die Erreichung grundsätzlicher Ziele. Eine Detailsteuerung wie in früheren Jahrzehnten findet nicht mehr statt, was für die Universitäten und ihre jeweilige Leitung Chance und Risiko gleichermaßen ist.

Ein Umbauprozess mit gravierenden Auswirkungen

Außerdem stehen die Universitäten stärker im Wettbewerb untereinander, nicht zuletzt durch Programme wie die so genannte „Exzellenzinitiative“. Auch wird von Universitäten mittlerweile erwartet, dass sie ihre Leistungen und Forschungsergebnisse öffentlich verkaufen, dass sie Wissenschaft verständlich machen. Und selbstverständlich haben sich auch die Anforderungen an die Organisation von Studium und guter Lehre gewandelt – aufgrund steigender Studierendenzahlen und Studienstrukturreformen.

Die Veränderungen sind immens und die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen. Betrachtet man das Gesamtbild, ist wohl zu konstatieren, dass sich die Universitäten in einem grundlegenden und schon weit fortgeschrittenen Umbauprozess befinden, der gravierende Auswirkungen auf das Management von Universitäten hat.

Ein Präsident braucht Empathie und Führungsqualitäten

Oft wird daher davon gesprochen, dass Universitäten nun unternehmerisch geführt werden müssten, wobei das aufgrund der nach wie vor gravierenden Unterschiede zwischen öffentlichen Universitäten und Wirtschaftsunternehmen schlicht falsch ist. Es geht vielmehr um die sinnvolle Übertragung einzelner Managementtechniken - unter Beibehaltung akademischer und demokratischer Rationalitäten neben der ökonomischen.

Der skizzierte grundlegende Wandel der Universitäten belegt aber nicht die These von ihrer „Unregierbarkeit“.

Eine erfolgreiche Universitätsleitung muss allerdings zwei Bedingungen erfüllen. Erstens: Der Präsident oder die Präsidentin einer Universität muss wissenschaftliche Reputation, Qualitäten als Wissenschaftsmanager sowie politische Sensibilität nach innen und außen mitbringen. Zweitens: Der Präsident oder die Präsidentin muss die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kooperation haben sowie Empathie und Führungsqualitäten vorweisen.

Das Kanzlermodell ist nicht der einzige Weg zum Erfolg

Denn ebenso wie mittlerweile die Wissenschaft selber auf Teamwork basiert, ist auch die Leitung einer Universität nur als Gemeinschaftsaufgabe denkbar. Nur so kann es gelingen, die unterschiedlichen Interessengruppen zu vereinen, eine gemeinsame Identifikation mit der Universität zu entwickeln und die unterschiedlichen Aufgaben auf kompetente Persönlichkeiten zu verteilen.

Erfolgreiche Universitätssteuerung ist damit keine Frage von Machtbefugnissen eines Präsidenten oder einem Governance-Modell mit Kanzler (statt Vize-Präsidenten Haushalt und Personal). Auch wenn sich das Kanzlermodell landläufig etabliert hat und erfolgreich ist, ist es nicht der einzige Weg zum Erfolg. Es gibt für beide Modelle hervorragende Beispiele bundesweit, so dass Strukturargumente für die angebliche „Unregierbarkeit“ einer Universität letztlich vom Kern des Pudels ablenken.

Die Führung einer Universität ist keine leichte Aufgabe. Aber das war sie noch nie und wird sie auch nie sein.

Steffen Krach (SPD) ist seit einem Jahr Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin.

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