Die Wahlkampfbeobachter (17) : Angst vorm roten Mann

Klar, Angela Merkel bleibt Kanzlerin, so denken fast alle. Aber nach dem 22. September könnten Farbenspiele ins Gesichtsfeld rücken, die vorher als unwahrscheinlich, ja unmöglich galten. Vor allem Rot-Rot-Grün.

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Watte-Wahlkampf. CDU-Chefin Angela Merkel am Montag auf einer Kundgebung im sächsischen Zwickau
Watte-Wahlkampf. CDU-Chefin Angela Merkel am Montag auf einer Kundgebung im sächsischen ZwickauFoto: dpa

Langweilig! Dieser Wahlkampf ist langweilig! Lang-wei-lig!! Es gibt Weniges, worüber sich die politische Szene in Berlin derart einig ist. Und hat sie nicht ausnahmsweise mal recht, die Szene? In Kneipengesprächen herrscht Ratlosigkeit: Also diesmal weiß man ja  wirklich nicht, wen man wählen soll! Auf den Marktplätzen dominiert die ungewegte Miene. Spannung kommt in  Gesichter immer nur dann,   wenn einer seinen Smartphone-Bildschirm anstarrt: Ist es diesmal was geworden, mein ganz privates Wackelbild von der Prominenz da vorn auf der Tribüne?
Nehmen wir den Befund also vorläufig ernst. Ungewöhnlich ist er nicht. Viele Wahlkämpfe sind  langweilig. Wer  nach den Gründen fragt, kommt recht schnell zu einer bemerkenswert kurzen Typologie. Langeweile kommt auf, wenn es keine Personen gibt, keine Themen oder kein Rennen.  

Erstens: Keine Personen

 Angela Merkel und Peer Steinbrück sind durchaus interessante  Persönlichkeiten mit durchaus gegensätzlichen Charakterzügen.  Hier die Wortequälerin, deren Satzkonstrukte altgediente Germanisten zum Verzweifeln bringen, da der Kavallerietrompeter, der zum Angriff bläst. Aber die Unterschiede übertönen nicht die übergroße Ähnlichkeit. Da steht ja nicht die Kopfgesteuerte gegen den röhrenden Instinktmenschen. Zur Wahl stehen zwei Vernunftpolitiker mit Maß und Mitte. Daraus ist schwer  Funken schlagen.

Zweitens: Keine Themen

Dass Merkel einen Watte-Wahlkampf führt,  steht außer Zweifel. Sie hat  ihn ja auch jahrelang  vorbereitet: Der Themenklau bei der Konkurrenz war ein langes, mühsames Geschäft. Zum  Einschläfern gehören freilich immer zwei. Dass die SPD es so gar nicht schafft, Merkels Nicht-Wahlkampf ein zündendes Thema aufzuzwingen, dafür kann die CDU-Chefin nichts. Dafür, dass ein vielversprechender Anwärter wie die NSA-Affäre sich erst als wenig massenempörungstauglich erwies und dann als viel weniger skandalträchtig als gehofft, kann andererseits die SPD nichts. Aber wenn man schon kein Glück  hat, kommt bekanntlich  gerne auch noch Pech dazu.

Drittens: Kein Rennen

Wenn man normale  Leute fragt, ist die Sache gelaufen: Klar, Merkel bleibt Kanzlerin. Wenn man die Demoskopen fragt, ist die Sache  gelaufen: Schwarz-Gelb hat zwar keine Mehrheit sicher. Aber Rot-Grün ist davon derart weit entfernt, dass es viel Zweckoptimismus braucht, um an eine  Aufholjagd zu glauben. Und wenn die Demoskopen die Leute weiter fragen, dann kommt im Zweifelsfall die große Koalition heraus. Spannend? Nö.
Nur wenn man die fragt, die im Raumschiff Berlin sitzen, sieht die Perspektive plötzlich völlig anders aus. Wenn es nämlich nicht reichen sollte dazu, dass Merkel schlicht mit dem Vizekanzler Philipp Rösler weiter regiert, dann ist der Notbund der zwei Großen keineswegs beschlossene Sache. Dafür rücken Farbenspiele ins Gesichtsfeld, die vorher als unwahrscheinlich, ja unmöglich galten. „Schwarz-Grün“ zum Beispiel – nie darüber reden, immer mal kurz dran denken. Vor allem aber: „Rot-Rot-Grün“.

Immer montags bis freitags erscheint die Kolumne "Die Wahlkampfbeobachter".
Immer montags bis freitags erscheint die Kolumne "Die Wahlkampfbeobachter".Grafik: Cicero/Daxer

In den Umfragen wird das „linke Lager“ längst zusammengerechnet als wahlmathematischer Gegenpol zum bürgerlichen Dreibund CDU, CSU und FDP. Dass die Linke spätestens 2017 lange genug im Abklingbecken war, um als Bündnispartner in Frage zu kommen, gilt als ausgemacht. Fragt sich also nur,  ob sie die Kontamination mit der Vergangenheit nicht jetzt schon  im Schnellwaschgang von Koalitionsgesprächen loswerden könnte. Bei der Union geht diese Sorge derart lautstark um, dass kein Journalist sie überhören kann. Dahinter steckt sicher auch Taktik:  Mit der Angst vorm roten Mann lassen sich Schwarze und Gelbe prima mobilisieren. Aber eins ist daran ohne Zweifel richtig. Langweilig – nee, langweilig ist diese Wahl nicht. Die kann richtig spannend werden. Hinterher.

Die Wahlkampfbeobachter

Auf der Straße, im Fernsehen, im Netz - Die Wahlkampfmaschinen der Parteien laufen. Und die Wahlbeobachter von Cicero Online und Tagesspiegel schauen genau hin, wie sie funktionieren. Die Kolumne zur Wahl.

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