Die Wahlkampfbeobachter (26) : Zug um Zug - zum Kanzler?

Peer Steinbrück spielt liebend gerne Schach. Ihn fasziniert „der rasende Verstand im Kopf“, sagt er. Was seine Leidenschaft über den Kanzlerkandidaten der SPD verrät.

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Steinbrücks Leidenschaft. Das Schachspiel.
Steinbrücks Leidenschaft. Das Schachspiel.Foto: dpa

Das Spiel hat er von seiner dänischen Oma gelernt. Da war er sechs Jahre alt. Sieben Jahre später gewann er seine erste Partie gegen sie. Ehrgeiz und Ausdauer habe ihn das gelehrt, sagt Peer Steinbrück heute. Aber das ist nicht alles. Schach ist seine Leidenschaft. Gegen den früheren Weltmeister Wladimir Kramnik hielt er mehr als dreißig Züge lang durch. Dass er seinen Bauern damals im 26. Zug nicht offensiver setzte, ärgert ihn bis heute. Dennoch: „Die angespannte Stille im Raum und der rasende Verstand im Kopf faszinieren mich immer wieder.“

„Der rasende Verstand im Kopf“: Ist dieses Spiel, das manche gar Sport nennen, ein Schlüssel zum Verständnis des „Spitzenheinis“ der SPD, wie Steinbrück sich selbst gern nennt? Vor dreißig Jahren erschien auf Deutsch das Buch „Die Psychologie des Schachspielers“ von Reuben Fine. Der Autor war ein führender Psychoanalytiker und zugleich einer der großen Schachspieler seiner Zeit. Seine Studie gilt bis heute als Klassiker.

Beim Schach gewinnt stets der Bessere

Fine befasste sich zunächst mit der Tatsache, dass Schach hauptsächlich von Männern gespielt wird – Zahlenverhältnis 100 zu 1. Es sei ein emotional intensiv geführter Wettstreit zwischen zwei Männern, der sich durch eine starke Beteiligung des Ich auszeichne. „In gewisser Weise rührt das Spiel ganz sicher an Konflikte im Umkreis von Aggression, Homosexualität, Masturbation und Narzissmus.“

Die zentrale Figur ist der König. Er ist unentbehrlich, von überragender Bedeutung, gleichzeitig aber schwach und schutzbedürftig. Er dürfte daher vor allem auf jene Männer Anziehungskraft ausüben, „zu deren Selbstbild die Unentbehrlichkeit, Bedeutsamkeit und Unersetzbarkeit der eigenen Person gehören“.

Doch im König trete noch ein anderer charakteristischer Zug des Schachspielers zutage, schreibt Fine, die Tendenz zur Heldenverehrung. „Gleichgültig, auf welchem Gebiet er zu Hause ist, meistens gelingt es dem Schachspieler, einen Mann zu finden, dem er außerordentliche Bewunderung entgegenbringt und nach dessen Vorbild er sich zu formen versucht.“ Das dürfte im Falle Steinbrücks Helmut Schmidt sein, in gewisser Weise sein ebenfalls Schach spielender Mentor. „Zug um Zug“ lautet ihr gemeinsames Buch. Beide in Hamburg geboren, beide im Sternzeichen Steinbock (das nur am Rande).

Er gehört zur Gruppe der "Nicht-Helden"

Weil das Glück beim Schach keine Rolle spielt, gewinnt stets der Bessere. Die Qualität des Besseren ist rein geistig. Beim Schach werde Handeln durch Denken ersetzt, schreibt Fine. „Im Gegensatz zu anderen Sportarten, etwa Boxen, kommt es zu keinerlei körperlicher Berührung. Es gibt nicht einmal die vermittelte Form der Berührung, wie sie uns im Tennis oder im Handball begegnet, wo zwei Männer den gleichen Gegenstand schlagen bzw. werfen.“ Ein Schachspieler darf die Steine seines Gegners nicht berühren. Eine hohe Form der Sublimation.

Auf dem Brett versuchen die Spieler, die Herrschaft über das Denken des anderen Ich zu erlangen. Sadistische Impulse sind nicht selten. Bobby Fischer hat in jungen Jahren einmal gesagt: „Ich sehe gern, wie sie sich winden.“ Und später dann: „Ich zerbreche das Ich des anderen.“

Ergänzend zur Gruppe der Exzentriker (aggressiv, narzisstisch, mit Allmachtsphantasien) wie Fischer, Paul Morphy, Wilhelm Steinitz oder Alexander Aljechin (allesamt Weltmeister, von Steinitz heißt es, er habe behauptet, in elektrischer Verbindung zu Gott zu stehen, und er könne Gott mit einem Bauern und einem Zug Vorgabe schlagen) -, gibt es natürlich auch die Gruppe der „Nicht-Helden“, zu denen zweifellos Steinbrück gehört. Für sie ist das Schachspiel bloß eine unter mehreren intellektuellen Beschäftigungen, ein Ventil „libidinöser Energien“.

Anders als im Wahlkampf gibt es eine letzte Hoffnung

Über die Nicht-Helden schreibt Fine: „Der Schachspieler vermag ein großes Maß an Angst zu tolerieren, er kann sich von dem Verlangen nach den eigentlichen Objekten lösen, er kann seine Triebenergien neutralisieren und sich für reale Leistungen frei machen. Die Ichschwäche liegt vor allem in einer Akzentuierung des narzisstischen Moments.“

Im Unterschied allerdings zur Lage der SPD im Endspurt des Wahlkampfes gibt es im Schach so etwas wie eine letzte kleine Hoffnung. Dem Unterlegenen gelingt gegen eine erdrückende Übermacht ein Patt: Er kann keinen gültigen Zug machen, und sein König steht nicht im Schach. Das führt automatisch zum Remis.

Was das Schachspiel nun genau über Steinbrück aussagt, wissen wir immer noch nicht. Auf dessen Dilemma wiederum, dass sein Gegenüber bei der Bundestagswahl kein Mann, sondern eine Frau ist – und was eine Niederlage gegen Angela Merkel für sein Ich bedeutet -, gehen wir am Abend des 22. September gesondert ein. Außerdem sind wir jederzeit bereit für ein fünfrundiges Blitzschachduell gegen ihn.

Autor

Die Wahlkampfbeobachter

Auf der Straße, im Fernsehen, im Netz - Die Wahlkampfmaschinen der Parteien laufen. Und die Wahlbeobachter von Cicero Online und Tagesspiegel schauen genau hin, wie sie funktionieren. Die Kolumne zur Wahl.

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