Die Wahlkampfbeobachter (5) : Die Veggie Days der anderen Parteien

Beim „Veggie Day“ hat der Boulevard aus einer uralten grünen Forderung einen Skandal gebastelt. Das könnte man dutzendfach wiederholen: Auch in anderen Programmen findet sich allerlei Taugliches. Wir haben es einmal ausprobiert.

Petra Sorge
Immer montags bis freitags erscheint die Kolumne "Die Wahlkampfbeobachter". Grafik: Cicero/Daxer
Immer montags bis freitags erscheint die Kolumne "Die Wahlkampfbeobachter".Grafik: Cicero/Daxer

Eigentlich sollen Nachrichten Neuigkeiten vermitteln. Zum Beispiel, dass draußen jetzt Wahlplakate hängen oder welche neuen Details es in der NSA-Affäre gibt. Manchmal aber schleicht sich auch Uraltes unter die Top-News. Vor einer Woche etwa vermeldete die Bild-Zeitung, dass die Grünen uns „das Fleisch verbieten“ wollen. Dabei war die Nachricht des „Veggie-Days“ so abgestanden wie stundenlang im Gastrobehälter köchelndes Gemüse: Die grüne Forderung eines fleischfreien Tages ist drei Jahre alt; im April fand sie Eingang ins Wahlprogramm. Wie also konnte die harmlose Veggie-Day-News gerade jetzt hochgehen?

Es war ein geschicktes Ping-Pong zwischen Boulevard und politischem Gegner – mit mehreren Spielzügen. Erstens: der Zeitpunkt. Während Wahlhelfer die ersten Plakate  an Litfaßsäulen und Straßenlaternen anbrachten, suchten die Strategen in den Parteizentralen nach einem für sie günstigen Auftaktthema. Die Bild-Zeitung lieferte dieses. Der Veggie-Day fügte sich, zweitens, auch bei den Nachrichtenagenturen in den Rahmen des politischen Tagesthemas „Wahlkampfauftakt“. So griffen die Dienste gierig zu. Dritte Spielregel für das perfekte Skandal-Süppchen: Nachladen. Die Bild-Zeitung drehte die Geschichte weiter, indem sie Oppositionspolitikern eine Bühne bot. Bundesregierung und FDP warfen den Grünen prompt Bevormundung der Bürger vor. Astreine Wahlkampfrhetorik: Im FDP-Programm taucht der Begriff „Bevormundung“ in verschiedenen Flexionen sechsmal, bei CDU und CSU fünfmal auf.

Als ein FDP-Politiker den Veggie Day dann auch noch mit einem Nazi-Vergleich bedachte, konnten auch überregionale Zeitungen, Radio und Fernsehen das Thema nicht mehr ignorieren. Ein Skandal über eine Nicht-Nachricht war geboren.

Dabei ist nicht nur das grüne Wahlprogramm ein Buffet für skandalhungrige Medienmacher. Nein, auch bei den anderen Parteien lassen sich Phrasen und Forderungen prima in Boulevard-Zeilen übersetzen. Wir haben mal nachgeschaut – und gleich die passenden Überschriften gebastelt:

Denglisch-Irrsinn! Union verpfuscht unserer Sprache!

Im Wahlprogramm der Union findet sich das Bekenntnis zur Pflege der deutschen Sprache. Die Partei wolle „daher auf unnötige Anleihen zum Beispiel aus der englischen Sprache verzichten sowie auf verständliche Texte achten“. Was natürlich nicht für management speaking gilt, denn das ist ja so important für unsere booming economy, dass die CDU gleich von der Kampagne „German Mittelstand“ spricht oder Gründungsberatung von den „Business Angels“ empfiehlt.

Übrigens zeigt sich auch die SPD erfinderisch: Aus dem „Leibwächter“ wird dort der „Doorman“ – das Wort „Bodyguard“ war den Programmschreibern offenbar zu simpel…

Studenten bald in Gammel-Buden? Union will Akademiker in leere Wohnungen zwingen

CDU und CSU wollen studentischen Wohnraum in Hochschulstädten schaffen. Dafür sollen auch „ungenutzte Räumlichkeiten zu Studentenunterkünften“ umgewandelt werden. Von Sanierung keine Rede. Wer einmal in Leipzig, Chemnitz oder manchen Städten im Ruhrgebiet unterwegs war, ahnt, wie heruntergekommen manch leer stehende Gebäude aussehen.

Bald auch EU-Panzer an Diktatoren? Merkel sieht deutsche Rüstung als Vorbild in Europa

Die Bundesregierung hat sich mit dem Export von Panzern nach Saudi-Arabien wiederholt Kritik eingehandelt. Die Union bleibt stur: Sie will „hochwertige Arbeitsplätze“ in der deutschen wehrtechnischen Industrie sichern und setzt sich „für eine Angleichung der Rüstungsexportrichtlinien innerhalb der EU ein“. Dass die laxen deutschen Richtlinien an etwaige strengere Richtlinien im EU-Ausland angepasst werden sollen, steht dort nicht.

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Die Wahlkampfbeobachter

Auf der Straße, im Fernsehen, im Netz - Die Wahlkampfmaschinen der Parteien laufen. Und die Wahlbeobachter von Cicero Online und Tagesspiegel schauen genau hin, wie sie funktionieren. Die Kolumne zur Wahl.

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