Alain Berteau im Interview : Ökologisch, europäisch

Das junge belgische Label Objekten von Alain Berteau produziert in Europa und kämpft gegen Wegwerfmöbel. Seit der Gründung 2011 ist es gut unterwegs Richtung Erfolg.

Foto: Julien Renault

Mit einem neuen Designlabel starten, wenn jeder über die Krise auf diesem Sektor klagt? Ist das nicht leichtsinnig? Das junge belgische Label Objekten, Schöpfung des Designers Alain Berteau, scheint unter einem glücklichen Stern geboren zu sein. Seit der Gründung 2011 sind sie gut unterwegs Richtung Erfolg. Der Ehrgeiz: nachhaltiges, zugängliches, qualitätsvolles Design, das in Europa zu einem vernünftigen Preis hergestellt wird.

Die Örtlichkeit des neuen Hauptquartiers ist beeindruckend. Objekten hat sich in den historischen Wassertürmen von Ter Kamerenbos (Bois de la Chambre), einem Denkmal im grünen Herzen Brüssels, niedergelassen. Geschäftsführer und Mitgründer Alain Berteau, 1971 in Aachen geboren, ist kein Newcomer in der belgischen Designszene. Er genießt schon seit zehn Jahren einen soliden Ruf als einen der talentiertesten und erfolgreichsten Designer des Landes. Er arbeitete unter anderem für Marken wie Montis, spHaus, Buco, Feld, lensvelt und Vange. Immer mit dem Blick für Einfachheit, Funktionalität und Umweltfreundlichkeit. Er wurde 2006 zum Designer des Jahres auf der Biennale von Kortrijk gekürt.

Was bewog Sie, Objekten zu gründen?

Die großen Firmen haben mit ihren Wegwerfmöbeln zu Niedrigstpreisen – die oft in China hergestellt werden und nicht ökologisch sind – das mittlere Segment außer Gefecht gesetzt. Ich hatte als Designer das Glück, dass ich für bessere Möbelmarken arbeiten konnte, aber ich fand es frustrierend zuzuschauen, wie sie dann mit hohen Produktionskosten ringen und vollständig im teuersten Marktsegment festsitzen. Ich hatte mir vorgenommen, mit dem Klagen aufzuhören. Ich wollte nachdenken über bessere Wege, um qualitatives und innovatives Design mit bestehenden modernen europäischen Produktionsmethoden abzustimmen. Meine Idee war: Lasst uns einfach versuchen, ein relevantes neues Modell zu finden.

Als kreativer Kopf die Rolle des Unternehmers auf sich zu nehmen, geht nicht immer gut.

Ja, es wäre natürlich viel einfacher für mich, wenn ich weiter so arbeiten würde wie die meisten Designer das tun, aber ich finde das Unternehmertum doch sehr spannend. Es ist mit Risiken verbunden, aber es ist auch super interessant und liefert auch viel Genugtuung. Ich muss übrigens sofort ergänzen, dass ich diesen Schritt niemals ohne die Unterstützung meiner fähigen und vermögenden Partner gewagt hätte. Es ist ein harter Kampf, aber ich bin nicht allein, wir bilden ein tolles Team.

Sahen Sie es nicht als extra großes Risiko, um in der heutigen unsicheren Zeit eine neue Marke zu starten?

Nein, denn unser Projekt ist wichtig und der heutigen Marktsituation und den Bedürfnissen angepasst.

Objekten arbeitet auch mit externen Designern. Welchen Kriterien müssen sie genügen?

Die Idee ist, dass sie ihre Entwurfsideen entwickeln und unseren Produktionsmöglichkeiten anpassen, bestimmt nicht umgekehrt.

Was muss ein Entwurf leisten, um in die Kollektion von Objekten zu passen? Vertreten sie einen bestimmten Stil?

Die Zeiten ändern sich, unser Leben verändert sich. Eine neue Wirtschaft, Familienstrukturen, Arbeitsformen, all das sorgt für neue Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Wir wollen neue Lösungen anbieten. Wir versuchen ganz unbescheiden, bestehende Objekte in Frage zu stellen und neu zu erfinden. Selbst wenn es um so einfache Dinge geht wie Kissen, Schlüsselanhänger, Puffs, Hocker, Regale oder Schreibtische. Das alles hat nichts mit Stil oder Status zu tun. Es geht um einen innovativen Aspekt des Gebrauchs, einen funktionalen Mehrwert, eine Geschichte, einen Grund für alltägliche Zufriedenheit. Und es hat natürlich auch mit industrieller Relevanz zu tun, hier, im Herzen Europas.

Wo produzieren Sie?

Ungefähr unsere ganze Kollektion wird in Deutschland und Belgien hergestellt. Wir sind flexibel, schnell und die Herkunft unserer Produkte ist nachvollziehbar.

Was ist für Sie die ideale Lebensdauer eines Designobjektes?

Wenn eine Lösung wirklich innovativ ist, dann ist sie auch nachhaltig. Jedes Objekt unserer Kollektion sollte 20 Jahre halten. Mindestens.

Haben Sie den Eindruck, dass die Öffentlichkeit Design anders betrachtet als noch vor ein paar Jahren? Gibt es positive oder negative Tendenzen?

Das einzige was ich sagen kann, ist, dass ich das Motto von Coco Chanel unterschreibe: „Wenn man nicht reich ist, wie kann man es sich dann leisten, Produkte minderer Qualität zu kaufen?“ Ein solides, schlaues, funktionales schönes und ökologisches Kissen für 70 Euro made in Europe ist meiner Ansicht nach ein besserer Kauf als ein minderwertiges Wegwerfkissen made in China für 39 Euro, oder? Das gilt auch für Schuhe, Nahrung, Autos.

Wie würden Sie das Designklima in Belgien charakterisieren?

So wie fast überall. Es herrscht eine Kluft zwischen einerseits den wirklichen ökonomischen, kulturellen und industriellen Herausforderungen und andererseits dem Trend von Künstler-Designern, die aus dem Design eine Art von Entertainment machen. Es gelingt ihnen mit Entwürfen, die nicht gut genug für die Produktion sind, anderen die Show zu stehlen. Ihre Entwürfe landen als Unikate oder kleine Auflagen in Galerien. Und das trägt leider nicht dazu bei, dass Konsumenten und Hersteller besser verstehen, was die wahren Ziele und Herausforderungen des Produktdesigns sind und was der zugefügte Wert ist.

Sie sind in Deutschland geboren. Haben Sie ein spezielles Band mit der deutschen Designkultur?

Ich bin in Aachen geboren, wo mein Vater als NATO-Offizier arbeitete. Ja klar, die meisten meiner Architektur- und Designeinflüsse sind deutsch oder deutsch-amerikanisch - die typischen modernen historischen Einflüsse wie Bauhaus, Mies van der Rohe, Marcel Breuer. Aber auch neuerlich Dieter Rams als Industriedesigner ist eine wichtige Inspirationsquelle.

Was ist ihr Bestseller und wie erklären Sie das?

Die Tische und Aufbewahrungsmöbel laufen sehr gut. Das Preis-Leistungsverhältnis und der funktionale Mehrwert spielen darin die Schlüsselrolle. Aber es ist auch sehr wichtig, dass wir sie vorrätig haben. Als Designer bin ich mir übrigens sehr wohl bewusst, dass es manchmal zwei bis drei Jahre dauern kann, bis ein neues Produkt ankommt.

Gibt es eine Reaktion auf ein bestimmtes Produkt, die Sie besonders überrascht?

Ja, die Lens Box. Es ist ein Accessoire mit einer besonderen Form, man kann darin Zeitschriften loswerden. Der unerwartet große Erfolg ist wahrscheinlich der auffallenden skulpturalen Form zu verdanken.

Was ist das Wichtigste, was Sie bis jetzt bei Objekten gelernt haben?

Wir wollen ehrliche, einfache no-nonsense Produkte liefern. Und ich stelle fest: Wenn man seinen Kernwerten treu bleibt, dann versteht und schätzt das Publikum das auch wirklich. Das ist eine sehr angenehme Lektion.

Außer Designer und Unternehmer sind Sie auch noch Designdozent. Was ist Ihre wichtigste Botschaft an künftige junge Designer?

Design dreht sich um Problemlösungen. Die kleinen alltäglichen Probleme und Ärgernisse sind eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Mein guter Freund, der große Koen de Winter, der in Kanada wohnt und lehrt, schenkte mir kürzlich ein Buch mit dem Titel "People Want Toast Not Toasters". Ich denke, dass damit alles gesagt ist.

Das Gespräch führte Chris Meplon. Aus dem Niederländischen von Rolf Brockschmidt

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