Barrique-Projekt : Neues Leben aus alten Fässern

Das Barrique-Projekt in der italienischen Provinz Rimini bietet jungen Menschen mit Suchtproblemen eine besondere Perspektive: Sie stellen Designermöbel her.

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In Europa ist der Hängesitz "Miss Dondola" von Angela Missoni der Knüller. Foto: promo
In Europa ist der Hängesitz "Miss Dondola" von Angela Missoni der Knüller.Foto: promo

Seit einigen Jahren sind Recyclingmöbel groß in Mode. Kein Wunder, gerade im Wohnbereich ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema geworden. Ob Tische und Stühle aus altem Schiffsholz oder Schränke und Betten aus gebrauchten Dielen, unter Möbelmachern sind „grüne“ Projekte und Produkte angesagt. Aber kaum eines ist so interessant wie das sogenannte Barrique-Projekt der Comunità San Patrignano in der italienischen Provinz Rimini.

Bekannt als das größte Drogenrehabilitationszentrum Europas bietet die Comunità jungen Menschen mit Suchtproblemen seit über 30 Jahren eine zweite Chance. Das Projekt nutzt den Weg der beruflichen Ausbildung, um ihren Schützlingen eine Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen und eine persönliche Perspektive zu bieten.

Die Ausbildungsrichtungen sind zahlreich. Es gibt Lehren für Landwirte, Grafiker, Tischler oder Winzer. Die Verbindung der Weinbauern und Tischler setzte kreative Kräfte frei. Man überlegte, aus den alten Fässern des Weinguts Möbel und Wohnaccessoires herzustellen und dem Holz auf diese Weise ein drittes Leben zu geben. „Ich hatte eine Menge Barrique vom Weingut rumliegen und wusste nicht so recht, was ich mit den angehenden Tischlern daraus machen sollte“, erzählt Marco Stefanini, Ausbildungsleiter der Tischlerei. „Eines Tages traf ich Maurizio und Davide Riva und gemeinsam entwickelten wir die Idee, das Holz der Barriquefässer in Möbel zu verwandeln. Später haben wir auch andere Designer eingeladen, sich zu beteiligen, und 2011 hatten wir dann unsere erste große Ausstellung in Mailand.“

Im Mai 2013 folgte dann eine Ausstellungsreise durch die USA, wo rund 30 Stücke aus San Patrignano noch bis Oktober einem breiten Publikum präsentiert werden.

Mittlerweile haben sich 32 international bekannte Designer, Architekten und Künstler mit Entwürfen am Barrique-Projekt beteiligt und zeigen, was man alles aus einem alten 230-Liter-Holzfass machen kann. Darunter sind Mario Botta, Matteo Thun, Angela Missioni und Daniel Libeskind, deren Entwürfe so unterschiedlich sind wie die Designer selbst.

Sinnbild für die Wiederbelebung

Pierluigi Cerri steuerte etwa eine Schale bei, die in ihrer Form an das alte Fass erinnert, aus deren Holz sie entstanden ist, während Antonio Citterio sich für einen eleganten Stuhl entschied, der durch die Entfernung der Taninreste von den Holzstücken kaum noch seinen Ursprung verrät. Paolo Pininfarina wiederum hat in seinem Entwurf die Form des Fasses erhalten und verbindet in seiner LED-Stehlampe „Single Lamp“ auf elegante Weise Tradition mit Hightech. So gibt es in der Barrique-Kollektion Beistelltische, Stühle, Bänke, Regale, eine Kinderschaukel, Lampen und sogar eine Tür.

Immer wieder entdeckt man die runde Fassform in den einzelnen neuen Stücken. Manchmal harmonieren die gebogenen Holzteile mit dem Möbel, als seien sie geradezu für dieses Stück zurechtgesägt worden. Bisweilen erzeugt die Biegung des Holzes eine gewisse Dissonanz oder lässt das Möbel eine überraschende Form einnehmen.

Die jungen Tischler lieben die Wiege „Culla Letizia“. Foto: promo
Die jungen Tischler lieben die Wiege „Culla Letizia“.Foto: promo

Ganz egal wie man es betrachtet, alle Kollektionsteile stehen sinnbildlich für die Wiederbelebung des Holzes und der Menschen, die die Entwürfe in der Werkstatt in begehrte Designermöbel und -accessoires verwandeln. „In Europa ist der Hängesitz ,Miss Dondola’ von Angela Missoni das erfolgreichste Möbel“, sagt Stefanini. „In den USA hingegen der Beistelltisch ,Arche’ von Daniel Libeskind.“

Aber den jungen Tischlern in San Patrignano liegt ein ganz anderes Stück besonders am Herzen: die Babywiege „Culla Letizia“. „Sie symbolisiert wie kein anderes Möbel die Idee eines neuen Lebens“, erklärt Marco Stefanini. Eine wichtige Bedeutung kommt ihr aber aus einem weiteren, bedeutenden Grund zu. „Ein Teil der Einnahmen aus dem Verkauf der Wiegen geht an Kinderhilfsprojekte in die Entwicklungsländer.“

So spendet und schützt die Babyschaukel in mehrerer Hinsicht neues Leben. Zu bestellen ist sie – wie alles aus der Kollektion – über die Website des Barrique-Projekts. Darüber hinaus werden limitierte Auflagen einzelner Stücke für Preise ab 1000 Dollar über einen eigenen Ebay-Shop verkauft. Wer sich also für eines dieser Designerobjekte entscheidet, bezeugt nicht nur guten Geschmack, sondern gibt vor allem jungen Menschen Hoffnung und Anerkennung.

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Immobilien

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