Fliesen : Seerosen im Hausflur

Erlesene handgemachte Fliesen für wand und Boden kommen aus dem brandenburgischen Sieversdorf von der Firma Golem.

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Jugendstilfliesen in allen Varianten sind die Spezialität von Golem.
Jugendstilfliesen in allen Varianten sind die Spezialität von Golem.Foto: Inge Ahrens

In Sieversdorf in der Mark Brandenburg steht ein Gutshaus, um 1700 von der Familie von Strantz erbaut. Bevor die Nachfahren nach der Wende wiederkamen und das Erbe restaurierten, war Tomas Grzimek längst da und ist es noch. Im ehemaligen Rinderstall des einst zum Gutshaus gehörenden Wirtschaftshofes befindet sich nämlich eine der Produktionsstätten des Bau- und Kunstkeramik-Unternehmens GOLEM, das 1992 mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) begann und heute 55 Menschen am Ort und aus der näheren Umgebung ihren Lebensunterhalt sichert.

GOLEM restauriert denkmalgeschützte Bauwerke und fertigt zeitgemäße und Jugendstilkacheln sowie Fußböden aus Steinzeug mit Intarsien. Im Hof des Unternehmens stapeln sich Formziegel und Terrakotten aus früheren Produktionen. Für ein Foto nimmt Tomas Grzimek Aufstellung hinter einem beeindruckenden Adler, den GOLEM für das Kommandantenhaus Unter den Linden anfertigte. Dann verschwindet er in den Handwerkshallen. Drinnen herrscht konzentrierte Ruhe.

Stück für Stück formen die Mitarbeiter opulente Wandfliesen für ein Restaurierungsprojekt. Anschließend werden sie glasiert. „Restaurierungen sind ein Stoßgeschäft“, verrät Tomas Grzimek. Darauf kann man sich nicht verlassen. Aber die „Hackeschen Höfe“ in Berlin-Mitte kennt jeder. Die alte Pracht der Wohn- und Gewerbehöfe mit den herrlichen Jugendstilfassaden war recht verkommen, als die Mauer fiel. „Wir haben die Fußbodenfliesen in den Höfen gemacht“, erzählt Grzimek, „und auch 40 Prozent der glasierten Verblendziegel.“

„Heute sind die Fliesen der größte Brocken“

Es war eines ihrer ersten Aufträge. Das kam so: 1992 sei ein „Entwicklungshelfer“ aus dem Westen wegen einer ABM-Maßnahme vom Arbeitsamt Frankfurt/Oder gekommen. „Der war Ziegelfan.“ Hier gibt’s doch sicher jede Menge Künstler, hatte er sich gedacht und fand über den Künstlerverband die Keramiker Ulrich Schumann aus Jena und den Berliner Tomas Grzimek. Die beiden richteten eine Werkstatt ein und haben losgelegt: „Im Kuhstall, anfangs noch ohne Brennöfen. 20 unerfahrene Leute haben Ziegel gemacht und gleich mal eine Kirchenruine restauriert.“

ABM war den beiden nicht genug. Nach zwei Jahren übernahmen sie. Sie gründeten GOLEM. Ulrich Schumann arbeitet heute wieder als freier Keramiker in Berlin. Tomas Grzimek blieb dabei. Seitdem hat GOLEM nicht nur am neuen alten Glanz der Hackeschen Höfe mitgewirkt, sondern auch die Musterfassade der Schinkelschen Bauakademie geschaffen und viele andere Projekte verschönt, wie man auf der Website sehen kann. Aber nicht nur Restaurierungsaufträge stehen an. „Heute sind die Fliesen der größte Brocken.“

Auf der anderen Seite der Dorfstraße in Sieversdorf steht ein großes zweistöckiges bäuerliches Nebengebäude. Auf Tischen kann man kistenweise die herrlichen Nachbildungen der alten Jugendstilkacheln wiederfinden: Seerosen, Ackerwinden und Schwäne, aber auch jede Menge dekorative Schnörkel aus der Zeit der Jahrhundertwende. Hier werden Glasuren ausprobiert und einzelne Stücke auch bemalt. Die meisten Fliesen bestellen Hausgemeinschaften von Mietshäusern, die zur Jahrhundertwende gebaut und damals noch liebevoll dekoriert wurden.

Nach alten Mustern

Die stolzen Besitzer möchten ihre nur noch fragmentarisch vorhandenen Flurfliesen wieder in voller Gänze sehen. Aber auch Bewohner von Jugendstilvillen finden Preziosen bei GOLEM, und immer mehr Architekten interessieren sich vor allem auch für die einfacheren handgemachten Fliesen ohne Muster. Seerose sucht Zwilling, – wenn eine historische Fliese fehlt, sollte man für Sonderanfertigungen auf jeden Fall ein altes Original vorlegen oder ein exzellentes Foto. Dann kann in Sieversdorf auch eine Form geschaffen werden.

In der Werkstatt unterm Dach herrscht Spitzweg-Atmosphäre. Die gelernten Keramiker tüfteln an den alten Mustern bis ins Detail. Das kostet natürlich, denn die eleganten Fliesen werden Stück für Stück in Heimarbeit von Fliesenmalerinnen vollendet. Ornamentale, in Serie gefertigte Fliesen gibt es ab 15 Euro das Stück. Die passen sowohl in Farbe als auch in Größe aber fast nie in die alten mit den Zeitläuften unvollständig gewordenen Originalverkleidungen.

Einfarbige Exemplare sind schon für 100 Euro pro Quadratmeter zu haben. Einfache Fußbodenfliesen kosten ab 100 Euro pro Quadratmeter. Sind sie mehrfarbig, muss der Kunde mindestens 4,50 Euro pro Stück hinlegen. Fußbodenfliesen sind nämlich eine Spezialität von GOLEM. Sie sind aus Steinzeug und dicht wie Porzellan. Und sie erinnern an ihren Erfinder aus Mettlach, Eugen von Boch, der Mitte des 19. Jahrhunderts von den römischen Mosaiken in Trier inspiriert worden war.

Mit Stilgefühl und Sinn für Farben

Eine Technik, die fast verloren gegangen war und die GOLEM jetzt vervollkommnet. Die am Ende nicht glänzende Fliese besteht aus einer Tonmischung. Trockenes Granulat wird mittels einer Schablone zum Dessin gepresst, bis auf 1200 Grad erhitzt und neun Stunden im Ofen gebrannt. Das gibt dem Produkt ein wunderschönes verwaschenes Aussehen, als sei es schon Jahrhunderte alt. „Sie ist härter als Granit“, sagt Tomas Grzimek. „Nicht mal mit Stahl kann man sie ritzen.“

Grzimek ist als Unternehmer in seinem Element, obwohl er als freier Keramiker kaum noch arbeitet. Mal abgesehen von einigen Künstlerfliesen mit Frauenakten, die er auch im eigenen Sortiment hat. In Berlin-Wilmersdorf 1948 geboren, machte er eine Lehre bei Ostdeutschlands populärer und 2001 verstorbener Keramikerin Hedwig Bollhagen in Velten. In Weissensee studierte er Kunst und lebte fortan im Oderbruch eine Weile von seinen Keramiken.

In seinem Sieversdorfer Büro steht wie eine Mahnung noch eine sehr schöne Teegarnitur mit silbrig glänzender Salzglasur auf der Fensterbank. Ein Schmuckstück! „Das was ich jetzt mache, ist genau so spannend, als würde ich mir neue Pötte ausdenken“, betont Tomas Grzimek. „Die Firma sähe anders aus, wenn ich kein Künstler wäre. Stilgefühl und Sinn für Farben sind da. Man hat eben ein geschultes Auge.“

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