Multifunktionsmöbel : Praktisch ist alles im Wandel

Multifunktionsmöbel sind für Überraschungen gut. In ihnen steckt oft mehr, als zunächst sichtbar ist.

Judith Jenner
"Piazza Duomo" (Flou) von Guilio Manzoni ist Sofa und Bett in einem.
"Piazza Duomo" (Flou) von Guilio Manzoni ist Sofa und Bett in einem.Foto: Flou

Als sich die Designer Elda Bellone und Davide Carbone zu dem Büro Scoope Design zusammentaten, entwarfen sie als erstes einen Stuhl. Der „Elda Chair“ ist genau genommen eine Fusion aus Stuhl und Leiter. Das sieht man ihm auf dem ersten Blick nicht an. Sein schlichter Auftritt begründet sich durch die hölzerne Struktur, die mit einer Farbe auf Wasserbasis lackiert wurde und somit bestens recycelbar ist. Die farbige Hülle aus hundert Prozent Wolle setzt nicht nur einen Farbakzent, sondern hat auch einen praktischen Nutzen: Wenn der Stuhl in eine Leiter verwandelt wird, dann verhindert sie Kratzer am Möbel.

Leiterstühle wie der „Elda Chair“ sind an sich nichts Neues. Schon im 18. Jahrhundert soll es derartige Stühle gegeben haben. Eingesetzt wurden sie vor allem in Bibliotheken. Mit der Leiter kam man an die obersten Bücherreihen heran.

Praktisch und platzsparend sind Multifunktionsmöbel bis heute. Und viele lassen von außen gar nicht erahnen, was in ihnen steckt. So wirkt „Scalo“ von Benedetto Quaquaro für Cerruti Baleri erstmal wie ein Beistelltisch oder eine Box. Doch im ausgeklappten Zustand verwandelt sie sich in eine Trittleiter oder in ein kleines Bücherregal. Als Vorbild stand auch hier die gute alte Leiter Pate.

Macht als Stuhl und als Leiter eine gute Figur: Der „Elda Chair“ (Scoope Design) von Elda Bellone und Davide Carbone.
Macht als Stuhl und als Leiter eine gute Figur: Der „Elda Chair“ (Scoope Design) von Elda Bellone und Davide Carbone.Foto: Scoope Design

Der Klassiker unter den vielseitigen Möbeln ist das Schlafsofa. Nicht jeder hat schließlich den Luxus, seinen Besuchern ein eigenes Gästezimmer anzubieten. Die meisten von uns müssen tricksen und verfrachten den Übernachtungsgast zum Beispiel aufs Sofa im Wohnzimmer. Glücklich ist, wer für diesen Zweck ein Modell wie „Piazza Duomo“ vorzuweisen hat. Dabei handelt es sich um ein luxuriöses Schlafsofa, das Giulio Manzoni in diesem Jahr bei der italienischen Firma Flou vorgestellt hat.

Mit wenigen Handgriffen lässt es sich in ein Einzel- oder Doppelbett und wieder zurück verwandeln. Man zieht einfach am Griff in der Mitte des Sofa-Untergestells, die Sitzfläche bewegt sich leicht nach vorn – und fertig ist das Bett für eine Person. Ebenso leicht lässt sich dank des patentierten Mechanismus die Rückenlehne zurückklappen, sodass man ein bequemes und gebrauchsfertiges Doppelbett erhält.

Konstruktionsfehler und echtes Multitalent

Manche Multifunktionsmöbel sind nicht nur praktisch, sondern auch sehr originell. Die französische Designerin Bina Baitel erfand beispielsweise „Snug“, eine Fusion aus Teppich und Leuchte. Bei dem Galerieobjekt wirkt es, als habe sich der Teppich aus dem schmelzenden Lampenschirm ergossen. Das sieht nicht nur schön aus, man könnte ihm durchaus auch einen praktischen Nutzen abgewinnen: Wer gerne auf dem Boden sitzt und liest, für den ist „Snug“ eine prima Erfindung.

Ergebnis eines Konstruktionsfehlers ist der „Two Tops Table“ von Moooi. Designer und Mitbegründer des niederländischen Labels, Marcel Wanders, befestigte die Tischplatte nämlich aus Versehen unter den Haltestäben anstatt darauf. „Auf diese Weise fand ich eine Nische, die zwar immer da war, die ich aber noch nie gesehen hatte. Ich kreierte einen Deckel, um sie zu bedecken und zu verstecken und änderte damit ein paar hundert Jahre klassischer Tischproduktion."

Hocker, Beistelltisch oder kleines Regal kann das multifunktionale Möbelstück "Scalo" (Cerruti Baleri) des Designbüros Beoc sein.
Hocker, Beistelltisch oder kleines Regal kann das multifunktionale Möbelstück "Scalo" (Cerruti Baleri) des Designbüros Beoc sein.Foto: Cerruti Baleri

Seine Neuerfindung besteht auf einem kleinen Fach an der Stirnseite des Tisches. Es ist groß genug, um darin beispielsweise ein Laptop verschwinden zu lassen und so den Schreib- zum Ess- oder Besprechungstisch werden zu lassen. Als etwas kleinere Sekretär-Variante fällt das Fach sogar noch größer aus. Im zugeklappten Modus wirkt der Tisch mit seinen verzierten Beinen recht konventionell.

Ein echtes Multitalent ist das Möbel „04 Counter“ von Knoll International. Zur Feier seines 75. Geburtstages brachte das Traditionsunternehmen, das auch Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Kollektion vertreibt, diesen Raumteiler heraus. Er besteht aus drei beweglichen Blöcken, die sich um die eigene Achse drehen und so auch als Bank nutzen lassen. Erfunden hat sie das Architekturbüro OMA, das von Rem Koolhaas mitgegründet wurde. „04 Counter“ ist Teil der „Tools for Life“-Kollektion. „Wir wollten eine Möbel-Reihe kreieren, die sehr präzise, zugleich aber auch unvorhersagbar wirkt, Möbel, die nicht nur zum Interieur, sondern auch zur Unterhaltung beitragen“, sagt der Star-Architekt.

Knolls Design-Director Benjamin Pardo ergänzt, dass die Stücke von OMA bewusst beweglich gehalten sind – genau wie die heutige Arbeitswelt. Menschen arbeiten heute überall, nicht nur im Büro, ist seine These. Und dem passen sich die Möbel dieser Kollektion an: „Viele sind leicht verstellbar, sodass die Höhe, der Standort und der Grand an Privatheit leicht angepasst werden können“, so Pardo.

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