Prediger der Nachhaltigkeit : Ehrlich bleiben

Der belgische Architekt und Designer Vincent van Duysen entwirft alles, von der Türklinke über Möbel bis zum Hochhaus.

Chris Meplon
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12.11.2010 13:48Vincent van Duysen

Der Antwerpener Architekt Vincent Van Duysen verbuchte seine ersten internationalen Erfolge mit Inneneinrichtungen. 2010 erschien bei Thames & Hudson in London eine luxuriöse Monografie mit einer Übersicht über seine zwanzigjährige Karriere. Inzwischen hat er auch eine ausgezeichnete Reputation als Architekt erworben. Er baut in Mailand, London, New York, Dubai und Saudi-Arabien. Aber auch für Möbel findet er immer noch Zeit. Designprojekte von ihm wurden bei B&B Italia, Pastoe, Toscoquattro und Swarovski vorgestellt.

In der Nachkriegsblüte des italienischen Designs fand es jedermann ganz normal, dass Architekten in der Design-Industrie eine führende Stellung einnahmen. Die „maestri“ des iatlienischen Designs waren fast alle Architekten. Berühmte Beispiele sind die Brüder Castiglioni, Vico Magistretti, Ettore Sottsass oder Alessandro Mendini. Auch früher war es für Architekten selbstverständlich, Möbel und Gegenstände für die Wohnung zu entwerfen. Sie dachten noch nicht wirklich darüber nach, ob diese Objekte auch dazu geeignet waren, um sie in großen Serien zu produzieren. Die Idee war vielmehr, sie in die Architektur zu integrieren, sodass sie mit ihr ein Ganzes formen würden. Der in Antwerpen geborene Architekt und Designer Henry Van de Velde, unter anderem bekannt als Direktor der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar, ging selbst so weit, dass er außer Möbeln auch Tafelsilber, Vorhänge, Teppiche und sogar die Kleider für die Dame des Hauses entwarf.

Vincent Van Duysen überlässt das Entwerfen von Kleidern gerne seinen berühmten Stadtgenossen, die einen Steinwurf von seinem eigenen Haus entfernt prächtige Showrooms haben, wie die Modedesignerin Ann Demeulenmeester und Dries Van Noten, aber abgesehen davon hat er doch deutlich einige Züge von Van de Velde. Er entwirft Sessel, Steingut und Schränke. Seine Realisierungen reichen von der Türklinke bis zum Wolkenkratzer.

Gegenwärtig werden meistens schärfere Linien zwischen dem Beruf des Architekten, des Inneneinrichters und des Möbeldesigners gezogen. Das ergibt manchmal Missverständnisse über die Position von Vincent Van Duysen. Er wird oft in der Lifestyle-Presse als Designer aufgeführt, aber diese Sicht auf seine Aktivitäten ist etwas eingeschränkt. „Als junger Architekt bin ich umgekehrt an die Arbeit gegangen. Ich habe mich erst in die Frage vertieft: Wie lebt und wohnt der Mensch in seinem Haus? Erst als ich diese Erfahrung gemacht hatte, habe ich angefangen zu bauen“, erklärt er.

Wenn er Möbel oder Objekte entwirft, verliert er nie die Beziehung zur Architektur aus dem Auge. Als Architekt vergisst er andererseits nie das Innere des Gebäudes und bleibt unter allen Umständen stark auf die Frage konzentriert, ob sich die Menschen in einem Raum wohlfühlen. Schlagwörter seines Ansatzes sind: Ruhe, Abgeklärtheit, Klarheit, Integrität, Gleichgewicht, Empfindsamkeit und unstreitig auch Luxus, Geschmack und Verfeinerung im Detail.

Seine Arbeit trägt oft spartanische Züge. Er arbeitet mit maximaler Strenge, wird oft gesagt. Aber er legt auch viel Gefühl in seine Arbeit. Van Duysen hegt eine deutliche Vorliebe für natürliche Qualitätsmaterialien: ehrlich, etwas brutal und am liebsten unbehandelt, mit einer großen Taktilität. Er scheut das Ästhetische nicht. „Schön“ ist für ihn ein natürlicher Bestandteil des Wohlgefühls und der Lebenskunst, die emotionale Seite der Architektur. Auch typisch sein Sinn für Dauer und Kontinuität. Er betrachtet die Vergangenheit mit einem Augenzwinkern.

Seine besondere Laufbahn erklärt, warum er zum Beispiel zum „Designer des Jahres 2009“ auf der 20. Scènes d'Intérieur, dem exklusiven und luxuriösen Ableger des Pariser Salons Maison & Objet ausgerufen wurde. Maison & Objet ist eine französische Messe mit einer typischen französischen Interpretation der Lebenskunst und der Atmosphäre. Dass solch ein Salon Vincent Van Duysen wählt, beweist, wie stark sein Werk mit einem bestimmten Lebensstil verwoben ist.

Es ist immer noch sehr ungewöhnlich, dass ein Belgier international als Designer oder Architekt Aufsehen erregt. Belgien hat noch immer keine allzu große Reputation als Design- oder Architekturland, auch wenn einige außergewöhnliche Talente wie Vincent van Duysen und der verstorbene Maarten Van Severen (1956-2005) diese Reputation gegen Ende der 90er Jahre zum Positiven hin ändern konnten.

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