Wandgestaltung : Bühne frei

Die in Berlin lebenden Künstler Inka Gierden und Julian Collieux bemalen Wände fürs Leben.

Inge Ahrens
Inka und Julien verwandeln Altbauwohnungen in märchenhafte Gärten.
Inka und Julien verwandeln Altbauwohnungen in märchenhafte Gärten.Foto: Wandlungen

Grafen wohnten so. Künstler sowieso. In Schlössern oder Ateliers, deren Wände Geschichten erzählen. Farbe wurde direkt auf den nassen (Fresco) oder trockenen (al secco) Putz gebracht oder auf Leinwand gemalt: Vögel. Pflanzen. Faune. Fantastereien. Manchmal kann man in alten Gemäuern noch Fragmente dieser Bilder sehen. Schon ganz märchenhaft verblichen, zeugen sie von scheinbar besseren Zeiten, zaubern Geschichten in den Raum, regen unsere Fantasie an. Wandmalereien sind kein schnöder Trend. Sie taugen für ein Leben. Die Künstlerin Inka Gierden und ihr Mann Julian Collieux verstehen dieses Kunsthandwerk und brachten es schon in viele Häuser und Wohnungen.

Inka (44) und Julien (37) haben seit zehn Jahren ein Atelier für Wandgestaltung in einem lauschigen Berliner Hinterhof. Die dekorativen Arbeiten der Badenerin und des Südfranzosen kann man in vielen privaten Räumen Berlins und auch woanders finden. Da ziehen schon mal watteweiße Wolken über einen babyblauen Himmel und bringen eine Wohnküche gleichsam zum Schweben.

Zarte Gräser wachsen auf lindgrünem Grund und verwandeln die hohen Wände einer Altbauwohnung in einen Garten. Im „Berliner Zimmer“ regnet es gar puderrosa Rosen von der Decke bis zum glänzenden Parkett. Gierden und Collieux lassen gigantische Radieschen auf Schlaggold gedeihen und dicke Karpfen durch den Raum schwimmen. Der Fantasie von Künstlern und Auftraggebern sind kaum Grenzen gesetzt.

Weg von der Raufaser! Hin zur Bühne! Wandmalerei nahm als Höhlenmalerei ihren Anfang und verlor erst nach der Jugendstilära an Bedeutung, weil die Architekten der Klassischen Moderne sowohl zum Monochromen als auch zu hellen Farben bis hin zum Weiß tendierten. Irgendwann kam es allerdings wie es kommen musste. Weiß wurde vielen zu fad. Raufaser? Zu kleinbürgerlich. Die Sehnsucht nach dem Schlossgefühl machte sich bis in die städtischen Mietshäuser breit. Alte Bücher wurden studiert. „Wenn man auf den Putz malt, öffnen sich die Räume“, findet Inka Gierden. Der kann glatt sein oder schrundig, nass oder trocken.

Nasser Putz verbindet sich am innigsten mit der dekorierenden Farbe. Die mit natürlichen Pigmenten versetzte Mineral-, Kasein- oder Leimfarbe wird mit dem dicken Quast aufgetragen. In den spröden Quarzfasern bricht sich das Licht und lässt die zweimal aufgetragene Tönung samtig erscheinen. Bleibt die Wand uni, wird sie nach dem zweiten Auftrag anschließend mit einem Tuch gewachst. „Das macht es später leichter, mit einem feuchten weichen Schwamm Schmutz zu entfernen“, verrät Inka.

Manchmal malen die beiden auch auf dicker Vliestapete oder auf Leinwand. Sie sind doch Künstler, auch wenn ihre Bildhauerei mit dem Bemalen der Wände in den Hintergrund getreten ist. Leinwand, die wegen der Geschmeidigkeit mit Latex grundiert ist, wird in einen Rahmen gespannt und kann bei einem Umzug einfach mitgenommen werden.

Erdige Töne schaffen Behaglichkeit, Blau vergrößert Räume

Die Talente des Paares sind gut verteilt. Inka hat ein starkes Gefühl für Farben. Julien weiß mehr über die Zusammensetzung und alles Technische. Blaue Farbe unterlegen sie gern mit Goldocker. Das schimmert dann zart durch und gibt dem Ort mehr Wärme. Auf jeden Fall macht Blau den Raum größer. Grün wirkt sonniger, wenn es auf gelbem Grund basiert. Es ist, als hole man sich die Natur nach drinnen. Alle erdigen Töne schaffen Behaglichkeit. Mehrere Farben übereinander und ineinander gerieben bringen noch zusätzlich schöne Effekte.

Kennengelernt haben sich die beiden schon als Studenten an der damaligen Hochschule und heutigen Universität der Künste in Berlin. Inka hatte schon mit befreundeten Theatermalern gearbeitet. Das prägte sie. „Wir lebten in einem Haus mit Sternenhimmel auf Pariser Blau.“ Heute wohnen sie mit ihren Kindern in einer großen Schöneberger Altbauwohnung, in der jedes Zimmer anders gestaltet ist. „Unser Zuhause ist auch eine Art Bühne“, findet Inka.

Mit ihrem „Atelier für Wandgestaltung“ starteten sie vor zehn Jahren auf den Kunstmärkten Berlins, wo sie ihre Mappen und auch Farbproben auslegten, um sensible Menschen mit Lust am Wohnen einzufangen. Bekannte und Freunde trauten sich zuerst. Das sprach sich rum. Meist besuchen sie ihre Kunden zuhause, um sich einen Eindruck von den Lichtverhältnissen zu verschaffen und um dann im Atelier Farbmuster auf große Bretter zu malen, „weil die Vorstellungskraft einfach nicht ausreicht bei den winzigen Farbkarten, die die Industrie liefert“, weiß Inka Gierden.

Die Kunden kommen aus allen Schichten, und sie wohnen beileibe nicht nur in teuren Altbauwohnungen. Auch in modernen Räumen mit geraden Linien schaffen die Bildergeschichten schöne Kontraste. „Farbe, bewusst eingesetzt, erschlägt niemanden, sondern bringt Leben“, erklärt Julien. Nur Primärfarben wie Blau, Rot oder Grün seien für heimische Wände nicht empfehlenswert „Das ist einfach nur hart! Piet Mondrian hin oder her.“

Wenn wir ausziehen, können wir das doch gar nicht mitnehmen, beklagen Kunden schon mal und entscheiden sich dann für ein Bild ohne Rahmen, für ein kleines Motiv oder eine Wandgestaltung auf Leinwand. Je nach Darstellung, – die entweder mit einer Schablone oder aus der freien Hand gemalt wird –, kostet ein von „Wandlungen“ geschaffener Raum ohne Motiv mindestens 900 Euro. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Es entscheiden Größe und verwendetes Material. „Wir machen einen Festpreis“, sagt Inka Gierden. „Und dabei bleiben wir dann auch.“ Gute Tapeten seien schließlich auch sehr teuer. Manchmal sogar teurer als eine Arbeit von Inka Gierden und Julien Collieux. Die sind der Meinung, dass mit einer gelungenen Farbgestaltung ein Raum viel weniger Schnickschnack brauche: „Auf einer schönen Wand kommen Gemälde und auch das davor Platzierte einfach mehr zur Geltung.“ Bühne frei!

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