Wohnen : "Hooligans verderben die Atmosphäre"

Seine Erscheinung ist unauffällig, und er entwirft unauffällige Dinge. Ist das der Schlüssel zum großen Erfolg? Der britische Designer Jasper Morrison im Interview zu seiner Retrospektive "Thingness" in Belgien.

Chris Meplon
Pariser Brasseriestühle inspirierten Morrison zu dem "Alfi Chair" für den US-amerikanischen Hersteller Emeco.
Pariser Brasseriestühle inspirierten Morrison zu dem "Alfi Chair" für den US-amerikanischen Hersteller Emeco.Foto: Emeco

Natürlich wäre es schön, wenn "Thingness" auch nach Deutschland reisen könnte, sagt Jasper Morrison. Seine größte retrospektive Ausstellung, die unlängst im belgischen Hornu zu sehen war, entstand im Auftrag des CID (Centre d’innovation et de Design, Grand Hornu); Anlass war die Ernennung der Stadt Mons zur Kulturhauptstadt Europas 2015. "Thingness" wird im Februar 2016 auch noch ins Museum für Gestaltung in Zürich kommen. Weitere Ausstellungsorte stehen noch nicht fest.

Das deutsche Publikum kann sich derweil anhand seines neuen Buches "A Book of Things" (Lars Müller Publishers, Zürich 2015) ein Bild von Morrisons Arbeit machen. Der Brite ist Deutschland verbunden. 1984 studierte er mit einem Stipendium an der damaligen Hochschule der Künste Berlin (HdK), heute UdK. Seine frühe Installation "Some new Items for the Home", die 1988 in der DAAD-Galerie in West-Berlin ausgestellt wurde, gilt noch immer als ein Schlüsselmoment seiner Karriere.

Jasper Morrison 2008 mit einem Korkstuhl.
Jasper Morrison 2008 mit einem Korkstuhl.Foto: Vitra/Nicole Bachmann

Während der Möbelmesse Mailand im April wurden einige seiner neuen Projekte vorgestellt - unter anderem für Flos, Cappellini, Emeco, Maruni und Punkt. Stück für Stück illustrieren sie seinen typischen, sehr konsequenten Blick auf Design. Morrison schwört auf das Anonyme, das Alltägliche, das "Supernormale". Wie weit er dabei zu gehen wagt, zeigt sich bei seinem Aufsehen erregenden Nachttisch "Crate" von 2006 für die exzentrische britische Marke Established & Sons. Er basiert auf einer alten hölzernen Weinkiste, die jemand zufällig in Morrisons spärlich möbliertem Pariser Appartement zurückgelassen hatte. Der Designer stellte die Kiste neben sein Bett und merkte nach einiger Zeit, dass er das improvisierte Nachttischchen äußerst praktisch fand. Als Established & Sons ihn bat, etwas für sie zu entwerfen, beschloss er, die Kiste mit minimalen Anpassungen einfach zu kopieren.

Der Nachttisch "Crate" (2006) für Established & Sons - inspiriert durch eine Weinkiste - spaltete die Designwelt.
Der Nachttisch "Crate" (2006) für Established & Sons - inspiriert durch eine Weinkiste - spaltete die Designwelt.Foto: Established & Sons

Diese "simple" Entwurfsentscheidung schien fast ein Scherz im Kontext der superteuren britischen Trendmarke und sorgte für heftige Debatten in der Designwelt. Gegner fanden es zynisch und beleidigend, dass ausgerechnet einer der einflussreichsten Industriedesigner seiner Zeit sich nicht einmal die Mühe machte, selbst kreativ zu werden. Befürworter folgten der Morrison-Logik: Was kann oder muss noch an einer schönen, soliden, perfekt funktionellen hölzernen Kiste erneuert werden, die seit Jahrhunderten ihren Wert und Nutzen beweist?

Herr Morrison, was sehen Sie nach mehr als 35 Jahren als die zentrale Botschaft des Buches und der Übersichtsausstellung?

Ich will etwas bringen, das hoffentlich angenehm und inspirierend ist. Mein Blick auf Design ist simpel. Objekte müssen in alltäglichen Situationen gut funktionieren, sie müssen zu einer angenehmen Atmosphäre beitragen und lange ein nützliches Leben führen.

Morrison-Fans legen auch viel Wert auf die minimalistische Ästhetik. Zurecht?

Ich habe vor langer Zeit entdeckt, dass Dinge, die zu expressiv sind, eine schlechte Wirkung auf den Raum haben, in dem sie stehen. Es gibt so etwas wie eine Art Gesellschaft der Dinge, ein wenig so wie unsere. Die Dinge müssen miteinander auskommen. Sitzt ein Hooligan dazwischen, verdirbt das die Atmosphäre. Was man entwirft, muss eine Art Naturell haben, es muss auf eine stille Weise etwas Gutes von ihm ausgehen, um zu einer guten Atmosphäre beizutragen.

Inwiefern schließt diese universelle Qualität, die Sie anstreben, beim Modernismus an?

Ich denke, dass wir heute in der Lage sind, ein wenig weiter und tiefer zu gehen als die Art von Funktionalität, nach der die Modernisten bis in die 20er Jahre strebten. Vor allem der Effekt der Zeit spielt eine Rolle. Wenn wir heute über Funktionalität sprechen, denke ich nicht nur daran, wie ich einen Gegenstand benutze, sondern auch daran, wie ich mit ihm lebe, wie er sich in meinem Haus "benimmt" - auch in Momenten, in denen ich ihn nicht benutze.

Und ich frage mich, wie das wohl in 20 Jahren sein wird. Habe ich mich dann schon lange an ihm satt gesehen oder schätze ich ihn mehr als je zuvor? Solche Fragen haben die Modernisten noch nicht beschäftigt. Was gut ist, wird mit den Jahren besser. Das ist auch der Grund, warum viele Designer nie in die neuen Designrestaurants gehen. Sie gehen lieber in eine alte italienische Trattoria oder ein gemütliches Bis-tro, wegen der guten Atmosphäre. Vielleicht war die Atmosphäre noch nicht da, als der Laden öffnete. Zeit bringt mehr Wärme und Menschlichkeit. Mein wichtigstes Ziel ist es, dies als Designer auch zu erreichen.

Sie werden oft als einer der ersten großen nicht-italienischen Designer bezeichnet, die in Mailand Erfolg hatten. Wie stehen Sie zur italienischen Designtradition?

Ich besuchte 1979 zum allerersten Mal die Mailänder Möbelmesse. In dieser Zeit war noch kaum die Rede von britischen oder französischen Designern. Die Italiener haben die Bühne beherrscht: Vico Magistretti, Achille Castglioni, Mario Bellini, Enzo Mari. Ich kenne ihr Werk. Es hat mich geformt, es hat mit darüber bestimmt, wie ich über Design denke.

Wie stehen Sie als in den Anfängen steckender Designer zu der rebellischen Memphis-Bewegung von Ettore Sottsass? (Gekennzeichnet durch ausufernden Farbgebrauch, wilde Motive und einen Mix historischer Stile und Materialien, Anm. d. Red.)?
Ich erinnere mich noch lebhaft an meine erste Konfrontation mit Memphis in Mailand. Memphis war ein totaler Schock. Ich war damals über meine Ausbildung, die sehr steif und altmodisch britisch war, sehr unglücklich. Wir wurden verpflichtet, Skizzenblöcke mit sehr dünnen Blättern zu benutzen, in denen wir immer hinten beginnen mussten. Wenn wir eine erste, primitive Analyse eines funktionellen Problems skizziert hatten, mussten wir darüber das folgende Blatt legen. So mussten wir Schritt für Schritt alles nach festen Regeln weiter ausarbeiten, um zu einer Lösung zu kommen. Es gab keinen Raum für Zufall oder Improvisation. Ich litt wirklich darunter, mein Gehirn war dafür nicht geeignet. Und dann so etwas wie Memphis. Das ging für mich viel zu weit in die entgegengesetzte Richtung. Ich fühlte mich zwischen zwei Extremen zerschmettert. Im Nachhinein ist das mein Glück gewesen. Danach wusste ich selber, in welche Richtung ich wollte. Es sollten niemals teure, künstlerische Dinge für Galerien oder Museen werden. Aber es sollte auch nicht die trockene systematische Herangehensweise werden. Ich stand für das Menschliche und das Alltägliche.

Gegen die dekorativen Übertreibungen von Memphis reagierte Jim Morrison mit einer extrem nüchternen Installation 1988 in der DAAD-Galerie in West-Berlin: „Some New Items fort he Home“.
Gegen die dekorativen Übertreibungen von Memphis reagierte Jim Morrison mit einer extrem nüchternen Installation 1988 in der...Foto: Studio Jim Morrison

1988 reagierten Sie gegen das Übermaß von Memphis mit einer extrem kargen Installation in Berlin: "Some New Items for the Home". Aus der gleichen Periode stammt der ikonographische "Thinking Man’s Chair", der von Cappellini (1988) aufgenommen wurde. Sind das für Sie die Schlüsselwerke, die Ihre weitere Karriere bestimmten?

"The Thinking Man’s Chair" scheint im Nachhinein ein ziemlich eigenartiges Objekt zu sein, mit sehr expressiven Kurven. Nach diesem Entwurf fühlte ich mich total erschöpft. Ich musste zeichnen und immer wieder zeichnen, um ihn gut hinzubekommen. Als er fertig war, dachte ich: So etwas tue ich nie mehr, das ist zu intensiv, und es ist noch nicht einmal das, was ich will, es ist für mich zu dekorativ, zu künstlerisch.

Der "Thinking Man's Chair" (1986) hat Jasper Morrison für Capellini entorfen.
Der "Thinking Man's Chair" (1986) hat Jasper Morrison für Capellini entorfen.Foto: Capellini

Sie schrieben auch einige einflussreiche Texte wie "The Unimportance of Form" (1991), in dem Sie um Aufmerksamkeit für andere Qualitäten von Designobjekten bitten als nur die Formensprache.

Es ist schön, diesen Text wieder zu lesen, weil ich in jungen Jahren schon schrieb, was noch immer relevant ist. Der Text atmet schon den Geist von "Super Normal", der Ausstellung, die ich 2006 mit dem japanischen Industriedesigner Naoto Fukusawa organisierte, um der Schönheit normaler Gebrauchsgegenstände, die sowohl von anonymen als auch berühmten Designern entworfen wurden, mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie haben drei Designstudios, in London, Paris und Tokio. Kann man das gut organisieren?

Die Leute fragen mich immer wieder, ob das nicht viel zu kompliziert ist, aber es macht meine Arbeit im Gegenteil einfacher. Die Tür meines Studios hinter mir zu schließen, betrachte ich als die wichtigste Phase des Designprozesses. Mit drei Studios kann ich viel öfter weggehen und die alltäglichen Verantwortlichkeiten und die Bürokratie hinter mir lassen. Ich bin dadurch viel öfter frei um mich umzuschauen und nachzudenken. Das ist mein Geheimnis (lacht).

Wie stehen Sie zu all den neuen modischen und oft abstrakten Bedeutungen, die gegenwärtig dem Design beigemessen werden?

Jede Definition von Design ist sehr subjektiv. Vielleicht bin ich mit vielen dieser Meinungen nicht einverstanden, aber es ist gesund, dass verschiedene Herangehensweisen und Meinungen bestehen.

Das eine oder andere scheint auf einen wachsenden Abstand zwischen jungen, radikalen Designern und der Designindustrie hinzuweisen. Erfahren Sie die Entwicklungen in der Industrie eher positiv oder negativ?

Das Gute ist, dass alles sehr viel professioneller geworden ist. Wir können heute viel genauer arbeiten als früher. Es gibt nicht mehr all dieses Durcheinander zwischen dem Designer, dem Produzenten und dem Hersteller der verschiedenen Formen. Wir können nun eine 3D-Skizze anfertigen, die exakt in einen Prototyp umgesetzt wird. Wir sehen sofort das Resultat dessen, was wir am Bildschirm geplant haben. Wenn wir daran Veränderungen vornehmen wollen, können die exakt ausgeführt werden. Auch in finanzieller Hinsicht hat sich viel verändert. Vor 20 Jahren stand dein neuester Entwurf schon auf der Möbelmesse noch bevor jemand über die Herstellungskosten gesprochen hatte. Jetzt achten wir neben kulturellen Aspekten mehr auf die geschäftlichen. Es herrscht mehr Realismus.

Der "Low Pad Chair" für Cappellini aus dem Jahr 1999.
Der "Low Pad Chair" für Cappellini aus dem Jahr 1999.Foto: Cappellini

Einige technisch bahnbrechende Entwürfe sind mit Ihrem Namen verbunden, wie der "Air Chair" für Magis (1999), bei dem zum ersten Mal eine Gasinjektions-Technologie für Möbel angewandt wurde. Sind Sie immer der neusten Technik auf der Spur?

Überhaupt nicht. Der Chef von Magis kam mit einem Stück ovaler Röhre auf mich zu. Er bat mich, daraus einen Stuhl zu entwerfen. Ich stellte mir die Röhre erst als Stuhlbein vor und entwickelte danach den Rest. Das war sehr interessant, aber für mich kann ein Projekt mit einer bestehenden Technologie genauso interessant sein. Es geht mir darum, etwas zu entwerfen, das für diese Technologie geeignet ist. Wenn das dann innovativ ist, ist das ein schöner Nebeneffekt. Aber ich finde, dass die Innovation zu stark betont wird, was zur Folge hat, dass zu viel forcierte Innovation keine Überlebenschancen hat. In diesem Sinn ist Erneuerung manchmal Verschwendung.

Was würden Sie noch gerne entwerfen, um Ihre Lorbeeren zu ergänzen?

Ich habe noch nie davon geträumt, Schuhe oder eine Uhr oder einen Kühlschrank oder einen Fernseher oder einen Füller zu entwerfen - bis mich jemand bat, genau das zu tun. In der Regel mache ich mich nicht selbst auf die Suche, ich lasse die Ideen lieber von außen auf mich einströmen. Um was Menschen mich bitten, finde ich viel aufregender als das, was ich mir selber ausdenken würde.

Und Sie haben kein Problem damit, wieder und wieder gebeten zu werden, einen Stuhl zu entwerfen?

Nein, ich liebe Stühle. Die Variationen sind unendlich. Meiner Ansicht nach habe ich noch nie dieselbe Art von Stuhl zweimal entworfen, sie haben alle ihre Eigenheiten. Ergonomie und Komfort bleiben immer interessant. Stühle entwerfe ich vielleicht am liebsten.

Wie stellen Sie sich idealerweise Ihre berufliche Zukunft vor?

Ich hoffe auf eine noch lange Karriere, an der ich lange Freude haben darf. So wie der italienische Designer Vico Magistretti (1920- 2006). Einmal kreuzten sich zufällig unsere Wege auf dem Flughafen von Linate. Wir stiegen eine Treppe hinauf und Magistretti sagte strahlend: "Was haben wir doch für ein großes Glück mit unserem Beruf, nicht wahr? Ist es nicht fantastisch, dass wir tun können, was wir wirklich gerne tun, ist das nicht unvorstellbares Glück und Freude im Leben?" Damals fand ich meinen Job gar nicht so schön und war erschüttert, weil dieser Kerl von über 70 Jahren daran noch so viel Freude hatte. Ich merkte: Da stimmt etwas nicht. Auf dem Höhepunkt meiner Karriere war ich nicht glücklich mit meinem Job. Das hat mich ernsthaft nachdenken lassen und ich habe meine Arbeitsweise gründlich analysiert. Doch vor kurzem dachte ich mir: Vielleicht war es einfach so, weil er älter war. Mit den Jahren wiegt die Verantwortung nicht mehr so schwer. Du musst dir selbst nichts mehr beweisen. Du kannst dich entspannen.

Aus dem Niederländischen von Rolf Brockschmidt

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