Zeitung im Salon mit Stephanie Nannen : Henri Nannen und sein "Stern"

Stephanie Nannen hat ein Buch über ihren Großvater Henri Nannen geschrieben, den Gründer und langjährigen Chefredakteur des „Stern“. Am 30. Januar stellt sie es im Tagesspiegel vor.

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Stephanie Nannen, Enkeltochter des Stern-Gründers.
Stephanie Nannen, Enkeltochter des Stern-Gründers.Foto: Michael Rauhe

Henri Nannen konnte gnadenlos sein in seinem Urteil. „Ihre Geschichte hat eine starke und eine schwache Seite“, sagte er zu einem Stern-Redakteur, der ihm hoffnungsvoll einen Text vorlegte. „Sie fängt sehr schwach an, und dann fällt sie ganz stark ab.“ Es kam auch vor, dass der Chefredakteur mit Papierkörben warf oder brüllte: „Scheiße ist das. Wo haben Sie schreiben gelernt?“ Kein Wunder, dass „der Alte“ in der Stern-Redaktion nicht nur geliebt, sondern auch gefürchtet wurde. Im Zorn konnte er sogar einen Mitarbeiter feuern – und am nächsten Tag fragen: „Wo ist denn der Herr Soundso?“ — „Den haben Sie gestern rausgeschmissen, Herr Nannen.“ Darauf der Patriarch: „Ach, aber das hat der doch wohl nicht ernst genommen?“

Mehr als 30 Jahre lang war Henri Nannen Chefredakteur des Magazins, das er 1948 gegründet hatte. Unter seiner Leitung wurde es zum auflagenstärksten Magazin Europas – und zum bekanntesten neben dem amerikanischen „Life“ und der französischen „Paris Match“. Die Zeitschrift prägte das Lebensgefühl der Bundesrepublik vor allem in den sechziger und siebziger Jahren. Wie hat er das geschafft? „Der Nannen hatte das alles in seinem Bauch“, sagen Zeitgenossen: Er war ein Geschichtenerzähler mit einem untrüglichen Gespür für gute Geschichten und die Interessen von Lieschen Müller.

Am 25. Dezember dieses Jahres wäre Henri Nannen 100 Jahre alt geworden. Seine Enkelin Stephanie Nannen hat sich aus diesem Anlass auf seine Spuren begeben, hat mit Weggefährten, Freunden und Politikern gesprochen, in Archiven gegraben – und ein Buch über ihren berühmten Großvater geschrieben: „Henri Nannen. Ein Stern und sein Kosmos“ (C. Bertelsmann, 400 Seiten, 19,99 Euro). Im Januar wird sie es im Gespräch mit Chefredakteur Lorenz Maroldt im Tagesspiegel-Salon vorstellen. Stephanie Nannen, die von 2002 bis 2006 Tagesspiegel-Redakteurin war und jetzt als Autorin und Journalistin in Hamburg arbeitet, hatte ein enges Verhältnis zu ihrem Großvater. Als er 1996 starb, war sie 25 Jahre alt.

„Mein Großvater wurde im Alter häufig gebeten, seine Memoiren zu schreiben“, erzählt sie. „Er lehnte das immer ab. Damals schon dachte ich manchmal: ,Das machst du irgendwann.‘ Zum 90. Geburtstag Henri Nannens bat mich Giovanni di Lorenzo – damals noch Chefredakteur des Tagesspiegels –, einen Text für diese Zeitung zu schreiben. Zum 100. dann ein Buch, dachte ich. So ist es nun auch gekommen.“

Gleich das erste Kapitel ist mit „Der Bauch“ betitelt und schildert die raumgreifende Präsenz, mit der Nannen auf- und für seine Ideen eintrat. Dabei kannte er wenig Hemmungen: Beim historischen Moskaubesuch Konrad Adenauers 1955 etwa mogelte er sich zu den Würdenträgern hinzu, indem er schlicht „ein befugtes Gesicht“ aufsetzte. Der Polizistensohn und studierte Kunsthistoriker, 1913 im ostfriesischen Emden geboren, wollte stets am Puls der Zeit sein. Als er 1948 die Lizenz für eine Jugendzeitschrift namens „Zick-Zack“ erhielt und daraus den „Stern“ entwickelte, zusammen mit zuerst nur sechs Leuten, schrieb er: „Der Stern will eine lebensbejahende und optimistische Zeitschrift sein.“ Sie solle nicht belehren, sondern erzählen – von Sensationen und Katastrophen, Präsidentenwahlen und Modeschauen, Autorennen und Filmbällen ebenso wie von der „geistigen und gefühlsmäßigen Entwicklung der Zeit und ihrer Menschen“.

Nannen war als Kriegsberichterstatter beim Angriff auf die Sowjetunion dabei gewesen, er hatte als Propagandist in Italien die gebotenen Lobsprüche auf den Führer geschrieben: Zum Widerstandskämpfer war er nicht geboren. Aber auch nicht zum Ideologen und schon gar nicht zum Antisemiten: Seine Freundin war Jüdin, er wurde angezeigt, weil er Juden gegen Pöbler verteidigte. Dennoch: Das Gefühl, nichts gegen die Barbarei unternommen zu haben, wurde zu einem Ansporn für ihn, die junge Demokratie in der Bundesrepublik zu stärken. Er unterstützte die sozialliberale Ostpolitik, war ein Verehrer Willy Brandts, warb für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und dafür, die DDR als souveränen Staat anzuerkennen und die ehemaligen deutschen Ostgebiete endgültig für verloren zu erklären.

„Er hat mit großer Kraft auf seine Zeit und auf unser Land eingewirkt“, sagt Stephanie Nannen. „Er ist Vater eines Lebensgefühls all derer, die heute zwischen vierzig und achtzig sind. Er hat Sichtweisen verändert, Grenzen verschoben, Tabus gebrochen.“ Etwa im Juni 1971, als 374 deutsche Frauen sich im „Stern“ outeten, sie hätten gegen den Paragrafen 218 verstoßen: „Wir haben abgetrieben“.

1983 dann der journalistische GAU mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern – da war Nannen schon nicht mehr Chefredakteur. Er fühlte sich aber schuldig, das Debakel nicht verhindert zu haben. Stephanie Nannen schildert dramatische Szenen, die sich damals in der Redaktion abspielten und Nannen tief enttäuscht zurückließen. Im Alter kehrte er zu seinen Ursprüngen, der Kunst, zurück und stiftete in seiner Geburtsstadt Emden eine Kunsthalle, in der seine Kunstsammlung hängt.

Stephanie Nannen nähert sich der Persönlichkeit ihres Großvaters von vielen Seiten, und es entsteht ein schillerndes Bild mit vielen Widersprüchen. Der Kraftprotz, der vor einem Interview mit Sadat so aufgeregt war, dass er sich übergeben musste. Der Frauenheld, der seine Gattin betrog, bis sie es nicht mehr aushielt und nach München zog, und der darüber bis zum Lebensende Schmerz verspürte. Der Vollblut-Journalist, der die Interessen von Lieschen Müller erspürte, nicht aber die Bedürfnisse seiner Angehörigen. Und der Machtmensch, der ganz unkonventionell sein konnte. In einer hitzigen Diskussion mit Herbert Wehner sagte er: „Darf ich Ihnen mal was Privates sagen? Sie können nie eine Wahl gewinnen, dafür müssten Sie erst mal zum Zahnarzt gehen.“ Das war zu viel: Wehner schmiss ihn raus.

Donnerstag, 30. Januar 2014, Beginn 19.30 Uhr. Eintritt inkl. Sekt und Zweigangmenü 18 Euro. Am Flügel: Johannes Kersthold. Anmeldung unter Telefon 29021-520 oder online hier. Foto: Michael Rauhe

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