Debatte über ein Werbeverbot für Zucker : Es geht um die Leben von Millionen Menschen

Die Marketingumwelt macht es uns schwer, gut zu essen. Das muss sich ändern, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Diabetesgesellschaft.

Dietrich Garlichs
Gutes Essen und Sport von der Kita an können ärmeren und bildungsfernen Schichten helfen, sagt Dietrich Garlichs. Diese Kinder essen Kaiserschmarrn mit Apfelmuß.
Gutes Essen und Sport von der Kita an können ärmeren und bildungsfernen Schichten helfen, sagt Dietrich Garlichs. Diese Kinder...Foto: dpa

Die gesundheitlichen Folgen von Armut sind unbestritten: Ärmere und bildungsferne Schichten sind dreimal so häufig von Übergewicht und Adipositas betroffen; bereits in Schuleingangsuntersuchungen sehen wir bei Kindern aus ärmeren Stadtvierteln ein zehnfach erhöhtes Risiko von Übergewicht gegenüber denen aus wohlhabenderen Vierteln. Diese Entwicklung setzt sich im Erwachsenenalter fort und zeigt bei den Lebensstilkrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-, Krebs- und Atemwegserkrankungen eine deutliche soziale Asymmetrie. Das Ergebnis ist, dass die wirtschaftlich Schwächsten 20 Prozent unserer Gesellschaft etwa zehn Jahre kürzer leben als die wirtschaftlich Stärksten.

 Ärmere Schichten sind dreimal so häufig von Übergewicht und Adipositas betroffen und leben deutlich kürzer

Angesichts dieses gesellschaftlichen Skandals sollte man eine intensive politische Debatte darüber erwarten, wie wir die gesundheitliche Chancenungleichheit am besten korrigieren können. Eine solche Debatte findet aber bislang in Deutschland, anders als auf internationaler Ebene, kaum oder nur in Ansätzen statt. Würden wir es mit ansteckenden Krankheiten zu tun haben, hätten wir längst eine intensive Diskussion und würden viele Millionen oder Milliarden Euro ausgeben, um die Epidemie unter Kontrolle zu bringen.

Es wird immer wieder übersehen, dass die nichtübertragbaren Krankheiten heute etwa 80 Prozent der Krankheiten und vorzeitigen Todesfalle verursachen. Das individuelle Leiden und die volkswirtschaftlichen Schäden sind enorm.

Jetzt versucht die Bundesregierung mit einem Präventionsgesetz eine Antwort zu finden. Über die Risikofaktoren ist man sich einig: Es geht um schlechte und zu kalorienreiche Ernährung, zu wenig Bewegung, Rauchen und übermäßigen Alkoholgenuss. Die entscheidende Frage ist, wie man diese Risikofaktoren zurückdrängen kann.

 Mit dem Präventionsgesetz appelliert die Bundesregierung an die Vernunft - das ist schon früher gescheitert 

Das Präventionsgesetz versucht diesen dramatischen Entwicklungen mit verstärkten Präventionsangeboten entgegenzutreten. Die Krankenkassen sollen vermehrt Gesundheitskurse in den sogenannten Lebenswelten wie Betrieben und Kommunen anbieten. Die Arbeit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung soll erweitert werden und Ärzte sollen die Patienten verstärkt zur gesundheitlichen Vorbeugung anhalten, alles in allem ein Appell an die Vernunft des Einzelnen, seinen Lebensstil zu ändern.

An die individuelle Verantwortung zu appellieren ist allerdings schon in der Vergangenheit gescheitert. Sonst hatten wir nicht die Explosion der Adipositaswelle und den damit verbundenen Tsunami der chronischen Krankheiten. Ganz offensichtlich erreichen Ermahnungen und Angebote zur Verhaltensprävention vor allem diejenigen, die sie nicht brauchen, während die nicht so gesundheitsbewussten, ärmeren und bildungsfernen Schichten von dieser Strategie nicht erreicht werden.

International wird daher seit Jahren ein Paradigmenwechsel von der Verhaltensprävention hin zur Verhältnisprävention gefordert – um es mit dem Slogan der WHO zu sagen: „to make the healthy choice the easier choice“. Wenn wir als Gesellschaft eine zunehmend „adipogene“ und gesundheitsschädigende Umwelt geschaffen haben, dann sollten wir sie so verändern, dass dem Einzelnen gesundheitsförderliche Entscheidungen leichter fallen.

Wir müssen die Umwelt verändern, die Adipositas fördert - damit dem Einzelnen gute Entscheidungen leichter fallen

Entsprechende Vorschläge der WHO und UN umfassen zum Beispiel eine Steuer auf dick machende Lebensmittel mit besonders hohem Zucker-, Fett- und Salzanteil und – als sozialen Ausgleich – eine entsprechende Steuerentlastung für gesunde Lebensmittel. Alkopops verschwanden sehr schnell nach der Einführung einer entsprechenden Steuer und die Halbierung der Raucherquote unter Jugendlichen haben wir erst durch die massive Erhöhung der Tabaksteuer erreicht, nicht durch Aufklärung und Information. Auch die Einführung einer täglichen Stunde Sport in Kita und Schule würde alle Kinder in einem frühen Alter erreichen, unabhängig von ihrem sozialen Milieu.

Von den liberalen Befürwortern der „Eigenverantwortlichkeit“ werden solche verhältnispräventiven Maßnahmen abgelehnt. Sie befürchten eine Ausweitung von staatlicher Gängelei, Paternalismus und Überregulierung. Dabei werden entscheidende Dinge übersehen.

Das Festhalten an der „Eigenverantwortung“, so richtig dies im Prinzip ist, führt zu der skizzierten sozialen Verwerfung und Ungerechtigkeit mit den katastrophalen Folgen für den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Und es gibt keine „Waffengleichheit“ zwischen Gesundheitsinformationen und massivem Marketing der Lebensmittelindustrie. Für Süßwaren werden hundertmal so viele Werbegelder ausgegeben wie für Obst und Gemüse. Und das Budget der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beträgt nicht einmal ein Prozent allein der Süßwarenwerbung.

Paternalismus? Es geht um den vermeidbaren Tod von Millionen von Menschen

Auch wird übersehen, dass die Gesellschaft eine Verpflichtung zur Gefahrenabwehr hat. Im Straßenverkehr ist das selbstverständlich. Autofahrern verordnen wir eine Gurtpflicht, Motorradfahrermüssen einen Helm tragen. Aber bei dem „Massenkiller“ der nichtübertragbaren Krankheiten tun wir uns ausideologischen Gründen schwer, wirksame Maßnahmen umzusetzen.
Natürlich ist jede Überregulierung zu vermeiden und die Vielzahl an Detailregelungen, auch in der Gesundheitspolitik, ist ein Übel. Da haben die Marktliberalen völlig recht. Aber hier geht es um Krankheit und vorzeitigen – vermeidbaren– Tod von Millionen von Menschen. Gefragt ist also eine intelligente Präventionsstrategie, die sich nicht im Klein-Klein von Einzelmaßnahmen der Krankenkassen und immer mehr Projektitis ergeht, sondern die in der Lage ist, auch die sozial Schwächeren vor Krankheit und vorzeitigem Tod zu schützen.
Gesundheitsförderung und Krankheitsvermeidung sind ein gesamtgesellschaftliches Projekt, das, so scheint es, den Gesundheitsminister und auch die Verantwortlichkeit eines Großteils der Bevölkerung überfordert. Eine Zucker-/Fettsteuer wäre eine intelligente Strategie, die dem Einzelnen via Preissignalhelfen wurde, gesündere Kaufentscheidungen zu treffen, und die der Lebensmittelindustrie Anreize böte, gesündere Produkte zu entwickeln. Angesichts der explodierenden Kosten im Gesundheitssystem wird uns früher oderspäter gar nichts anderes übrig bleiben. Und die ideologischen Bedenken der Konservativen werden schnell beiseite geschoben werden, wenn erst der Druck der Wirtschaft wächst, angesichts deszunehmenden Arbeitskräftemangels endlich dem Tsunami der chronischen Krankheiten wirkungsvoll zu begegnen.

Dietrich Garlichs ist Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar