Ernährungsforscher zur Zucker-Debatte : Jede Maßnahme für ein besseres Ernährungsverhalten macht Sinn

Ein Werbeverbot für Süßigkeiten sollte erst dann erwogen werden, wenn belegt ist, dass sie Kinder zu mehr Zuckerkonsum verleitet und ein Verbot das verhindern kann. Meint die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Wie gesunde Ernährung aussehen soll, versucht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit ihrem "Ernährungskreis" zu erklären.
Wie gesunde Ernährung aussehen soll, versucht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit ihrem "Ernährungskreis" zu erklären.Foto: DGE

Die nahezu ständige Verfügbarkeit schmackhafter energiedichter Lebensmittel macht es vielen Verbrauchern und auch schon Kindern und Jugendlichen heute schwer, ihre Ernährung im Alltag dauerhaft so einzustellen, dass sie dem individuellen Energiebedarf angemessen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Lebensmittel mit hoher Energiedichte relativ preiswert sind. Das heißt, sie liefern viel Energie zu geringem Preis, während bei weniger energiedichten Lebensmitteln die Energiemenge einen höheren Preis hat (€ pro Kilokalorien). Das begünstigt vor allem bei Verbrauchern mit geringem Einkommen eine erhöhte Energiezufuhr und trägt möglicherweise zum häufigen Vorkommen von Übergewicht in der Bevölkerung bei. Zudem ist offensichtlich, dass energiedichte Lebensmittel häufig beworben werden. Ist ein Verbot von Kinderwerbung für zuckerhaltige Lebensmittel also sinnvoll?

Zusammenhang zwischen Werbung und Konsum erforschen

Der Bereich Kinderwerbung wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) nicht kontinuierlich wissenschaftlich betrachtet, sodass Ausmaß, Methoden, Strategien und die Wirkung von Kinderwerbung von uns nicht erfasst werden. Internationale Studien deuten darauf hin, dass Lebensmittelwerbung Kinder und deren Lebensmittelvorlieben, Kaufverhalten und Konsum beeinflussen kann. Grundsätzlich bedürfte es jedoch zur Wirkung von Kinderwerbung einer evidenzbasierten Bewertung der vorhandenen Literatur und möglicherweise weiterer Studien.

Sollte sich insgesamt keine Evidenz für einen problematischen Zusammenhang zwischen Werbung und Ernährungsverhalten ableiten lassen, wäre ein Werbeverbot kaum zielführend. Würde ein belegbarer Zusammenhang festgestellt werden, müsste geprüft werden, ob regulatorische Maßnahmen ein erfolgsversprechendes Instrument sein könnten.

Qualitätsstandards für die Verpflegung von Kindern

Schon jetzt trägt die DGE als wissenschaftliche Fachgesellschaft mit Maßnahmen der Verhaltens- und der Verhältnisprävention dazu bei, die Ernährungssituation in Deutschland zu verbessern. Mit den DGE-Qualitätsstandards für die Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder und für die Schulverpflegung wurden Instrumente entwickelt, um die Qualität der Außer-Haus-Verpflegung für Kinder und Jugendliche zu sichern. Das ist ein aktiver Beitrag zur Gestaltung eines gesundheitsfördernden Lebensumfelds, um Krankheiten vorzubeugen, die durch das Ernährungsverhalten ausgelöst oder zumindest mit beeinflusst werden.

Das ist umso wichtiger, als die Ernährungsgewohnheiten eines Menschen in den ersten Lebensjahren geprägt werden. Zur Unterstützung der körperlichen und geistigen Entwicklung von Kindern muss daher bereits in früher Kindheit der Grundstein für eine ausgewogene Ernährungsweise mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst und Vollkornprodukten gelegt werden. Tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Eier liefern besonders viel hochwertiges Eiweiß und fettarme Milch und Milchprodukte tragen zur Calciumversorgung bei. Pflanzliche Fette sollten bevorzugt werden. So kann in der Wachstums- und Entwicklungsphase eine optimale Versorgung mit allen Nährstoffen sichergestellt werden.

Nur ein halbes Croissant, aber schon die volle Kaloriendosis

Die Realität sieht leider anders aus. Schon bei Kindern und Jugendlichen sind Übergewicht und Adipositas heute weit verbreitet. Ein wesentliches Ernährungsproblem, das dazu beiträgt, ist aus Sicht der DGE ein übermäßiger Verzehr besonders energiedichter Lebensmittel. Eine hohe Energiedichte haben vor allem kohlenhydrat(zucker)- und fettreiche Lebensmittel. Eine Ernährung mit niedriger Energiedichte kann helfen, das Körpergewicht zu halten beziehungsweise zu senken und somit Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen vorzubeugen. Lebensmittel mit niedriger und mittlerer Energiedichte (bis 225 Kilokalorien pro 100 Gramm) sollten daher Basis der täglichen Ernährung sein. Dazu zählen naturbelassene pflanzliche Lebensmittel, vor allem Gemüse und Obst. Um 150 Kilokalorien zuzuführen, können sechs Möhren (450 Gramm), zwei Äpfel (250 Gramm) oder 300 Gramm Joghurt mit 1,5 Prozent Fett gegessen werden.. Lebensmittel mit hoher Energiedichte (über 225 Kilokalorien pro 100 g) sind häufig unter Zusatz von Fett und Zucker verarbeitete Produkte wie Kartoffelchips, Gebäck und Süßwaren. Mit ihnen werden bereits bei kleineren Mengen 150 Kilokalorien verspeist, nämlich mit knapp einem halben Croissant (30 Gramm), einer Laugenbrezel (55 Gramm) oder 130 Gramm Sahnejoghurt.

Sei es Aufklärung, Ernährungsberatung oder ein Werbeverbot - die DGE würde jede Maßnahme begrüßen, die wirksam zu einer Verbesserung des Ernährungsverhaltens beitragen kann.

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