Thora in Frankfurt an der Oder : Ein wundervolles Pergament

Erstmals besitzt eine jüdische Gemeinde in Brandenburg wieder die Thora. Seit der Pogromnacht vor 70 Jahren hat es das hier nicht mehr gegeben.

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - So viele singende und tanzende Menschen jüdischen Glaubens hat Frankfurt (Oder) seit 70 Jahren nicht mehr erlebt. Gestern zogen rund 300 Frauen, Männer und Kinder jubelnd durch das Zentrum, vom Platz der in der Pogromnacht 1938 zerstörten Synagoge zum heutigen Gebetshaus, das vor einigen Jahren in einer ehemaligen Kindertagesstätte eingerichtet worden war. Grund für den mit Fackeln und Fähnchen begleiteten Umzug war die Freude über die erste Thora-Rolle für eine jüdische Gemeinde des Landes Brandenburg. Dieses handgeschriebene Pergament, erster Hauptteil der hebräischen Bibel, enthält die fünf Bücher Mose und ist ein wichtiger Bestandteil des Gottesdienstes. Diese nun im Betraum der Gemeinde aufbewahrte Schriftrolle war vom Jüdischen Bildungszentrum „Chabad Lubawitsch“ in Berlin gespendet worden.

„Wir feiern das Geschenk den ganzen Tag und die ganze Nacht“, verkündete der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Brandenburg, Nachum Presman, und lud alle Anwesenden auf der teilweise gesperrten Karl-Marx-Straße zum Mittanzen ein. Die aus ganz Deutschland angereisten Gäste ließen sich nicht lange bitten, 30 Studenten aus Chicago gaben den Ton an. Ausgelassen trotzten alle dem Regen, hakten selbst einige verdutzt blickende Spaziergänger zum Mitmachen ein. Die mit einem kostbaren Tuch geschützte Thora- Rolle wurde abwechselnd von Einheimischen und Gästen getragen. Im festlich geschmückten Betraum rollte der Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal als Vertreter der Spender ein Stück des wertvollen Werkes aus.

„Außenstehende können die Bedeutung dieser ThoraRolle für die vor neun Jahren in Frankfurt gegründete Gemeinde vielleicht nicht nachvollziehen“, sagte Rabbiner Nachum Presman. „Es beginnt für uns damit eine neue Zeit. Endlich haben wir dieses Wunder geschafft.“ Schließlich seien die Mitglieder der Gemeinden in Brandenburg fast alle aus der Sowjetunion gekommen. Sie wählten als ihre Heimat ein Land, das sie einst vollständig vernichten wollte.

Frankfurt (Oder), wo heute 600 der rund 2000 Mitglieder der jüdischen Brandenburger leben, spielte vor dem Holocaust eine wichtige Rolle als Standort einer großen Druckerei jüdischer Schriften. Aus der Stadt stammt der jüdische Architekt Konrad Wachsmann, der für Albert Einstein das Sommerhaus in Caputh entwarf. Ohne die Zuwanderer aus dem Osten wäre an eine Wiederbelebung des Judentums nicht zu denken gewesen. „Unsere Familie siedelte sich 1701 in Frankfurt an“, erzählte der zur Zeremonie aus Berlin angereiste Raimund Wolf. „Sie erwarb sich mit Buchdruck Ansehen. In den dreißiger Jahren zog ein Familienmitglied als Arzt sogar in den Stadtrat ein .“ Als er als Jude nicht mehr das sein konnte, was er war, habe er sich das Leben genommen. Das letzte Familienmitglied sei von den Nazis aus der Straße, wo heute der Gebetsraum stehe, deportiert worden. Nach dem Krieg lebte kein einziger Jude mehr in Frankfurt.

„Ich empfinde große Freude über die Rückkehr der Jüdischen Gemeinde“, sagte Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU). „Auch unsere Stadt hat einst zugelassen, dass sie verschwindet. Nun aber ist sie glücklicherweise wieder ein wichtiger und nutzbringender Teil unseres Lebens.“ Während aus dem Gebetshaus noch lange Gesänge und Musik nach außen drangen, wachte die Polizei auf den Straßen mit mehreren Streifenwagen. Mehrfach war der Gedenkstein für die zerstörte Synagoge geschändet worden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben