Der Tagesspiegel : Tierische Familienbande

Claus-Dieter Steyer

Zwei Nasenbärenbabys ohne Mutter, eine Hündin mit einer eingebildeten Schwangerschaft und eine Tierpflegerin mit Leib und Seele: Schon ist die Kuriosität perfekt. Denn die jungen Raubtiere werden von einem Weibchen der Chihuahua-Art aufgezogen, die zu den kleinsten Hunderassen der Welt gehört. "So etwas gibt es nicht noch einmal", versichert der Direktor des Eberswalder Zoos, Bernd Hensch. Allein der Zufall habe die unglaublich scheinende Gemeinschaft zusammengeführt. "Hier geschieht wirklich ein kleines Wunder", so Hensch.

Und das hat vor vier Wochen mit der Geburt von zwei Nasenbären begonnen. Die Aufregung unter den Pflegern der Raubtieranlage des Zoos in Eberswalde war groß. Normalerweise finden Geburten bei diesen aus Südamerika stammenden Bären im Frühjahr oder im Frühsommer statt - und nicht im späten Herbst. Prompt erfüllten sich die schlimmsten Befürchtungen der Fachleute: In dieser untypischen Jahreszeit kümmert sich das Muttertier überhaupt nicht mehr um den Nachwuchs. Die kleinen Exemplare von gerade mal 70 Gramm Körpergewicht waren also sich selbst überlassen. Stündlich wurden die Überlebenschancen der Babys geringer.

Doch Tierpflegerin Brigitte Schmiederer erkannte die Gefahr und hatte eine "verrückte Idee", wie sie heute sagt.

Und die ging so: "Meine Chihuahua-Hündin ist regelmäßig scheinträchtig", erzählt sie. Dann bilde Hündin Vicky sich ihre Nachkommen nur ein, entwickle aber ihren Hormonhaushalt und die Milchdrüsen entsprechend. "Es kam also auf den Versuch an", erinnert sich die 44-Jährige. Sie nahm die Mini-Nasenbären aus der Anlage und trug sie in Absprache mit dem Zoodirektor in ihre nicht weit entfernte Plattenbauwohnung. Dort geschah das Unglaubliche. Nach einer kurzen Schnupperphase nahm die Hündin die beiden Nasenbären an, die sich wiederum die Chance auf Muttermilch nicht entgehen ließen. Da aber die Chihuahua-Dame schon zehn Jahre zählt, also umgerechnet 70 Menschenjahre, hilft Frauchen im warmen Wohnzimmer mit der Milch aus der Flasche nach.

"Die drei vertragen sich ausgezeichnet", meint Brigitte Schmiederer, die seit 29 Jahren im Zoo arbeitet. Auch junge Leoparden und Schnee-Eulen habe sie schon mit der Flasche aufgezogen. "Aber dass sich meine Hündin so gut mit den Nasenbären versteht und diese als ihre Kinder ansieht, hätte niemand gedacht." In den vier Wochen seit ihrer Geburt hätten die Babys "Victoria" und "Vincenz" schon um mehr als 200 Gramm zugenommen.

Besucher des Eberswalder Zoos, der im Vorjahr zur besten Anlage Deutschlands gewählt worden war, können die kleinen Nasenbären im Frühjahr sehen. Dann kommen sie zurück in die 400 Quadratmeter große Raubtieranlage. Spannend wird das Zusammentreffen mit der leiblichen Mutter sein, die den späten Nachwuchs einfach ignoriert hatte.

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