Tiernachwuchs : Nürnbergs Eisbär ist ein Mädchen

Das Eisbärenjunge aus Nürnbergs Tierpark ist gesund und munter. Wie der Berliner Bär Knut soll es zumindest in den ersten Monaten vor der Öffentlichkeit geschützt werden.

Jörg Völkerling[ddp]
Eisbär
Nürnberger Eisbärenmädchen. -Foto: dpa

NürnbergEine Wiederholung der "doofen Knut-Manie" wollte Nürnbergs Tiergarten unbedingt verhindern. Doch nach der Rettung des von der Mutter Vera verstoßenen Eisbärenbabys ist die Euphorie in Nürnberg nicht mehr zu bremsen. Selbst Zoo-Vizechef Helmut Mägdefrau musste grinsen, als er auf einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz verkündete: "Eine Pflegerin hat die Genitalien ertastet. Das Junge ist weiblich!"

Nicht nur in tierpflegerischen Belangen dürften die Nürnberger Verantwortlichen nun um Rat im Berliner Zoo nachsuchen, wo das Eisbärenbaby Knut erfolgreich mit der Hand aufgezogen wurde, sich nun bester Gesundheit erfreut und die Besucherzahlen im Zoo emporschnellen ließ. Im Nürnberger Rathaus bereitet man sich erstmal auf ein tägliches Bulletin zum Befinden des noch namenlosen Bären vor. Bürgermeister Horst Förther sortiert auf seinem Schreibtisch bereits die Namensvorschläge, will aber einen Wettbewerb veranstalten.

Und der Nürnberger Tiergarten plant, zusätzliche Kassen- und Toilettenhäuschen aufzustellen, um dem zu erwartenden Ansturm gerecht zu werden. Zoo-Direktor Dag Encke sagte: "Unser positives Krisenszenario sieht so aus: Osterferien und der erste öffentliche Auftritt des Bären fallen zusammen."

Knut sahen 90.000 an Ostern

Der Berliner Eisbär Knut war gut dreieinhalb Monate nach seiner Geburt erstmals der Öffentlichkeit im Zoo gezeigt worden. Im März 2007 hatte der von seiner Mutter verstoßene Bär für einen Riesenauflauf von Journalisten und Besuchern gesorgt. Zu der Premiere war sogar Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) gekommen, der die Patenschaft für Knut übernommen hat. Ostern kamen mehr als 90.000 Besucher um den kleinen tapsigen Bären in der Hauptstadt zu sehen.

In Nürnberg muss sich die Öffentlichkeit mit einigen Bildern des an einer Flasche nuckelnden oder in eine Wolldecke gehüllten Eisbärenbabys begnügen. Erst nach vier Monaten sei die kritische Phase überwunden, sagte Mägdefrau. Und auch danach gilt die Devise: "Wir wollen ihn zeigen, unseren kleinen Eisbären, aber wir werden ihn nicht ausstellen", wie Förther betonte.

Auch in der Aufzucht soll es keine One-Man-Show wie in Berlin geben. "Die Belastung für einen Tierpfleger allein wäre einfach zu hoch", sagte Encke. In Berlin war auch Knuts Pfleger Thomas Dörflein zu einer Art Star geworden.

Trennung von Mutter und Kind

Nachdem Vera ihr Junges gestern nervös aus der Höhle in Nürnberg geschleppt und im Freigehege mehrere Male aus einem Meter Höhe hatte fallenlassen, entschlossen sich die Zoologen einzugreifen. Sie trennten "schweren Herzens" Mutter und Kind und gaben nach vier Wochen Widerstand gegen die Handaufzucht doch der Nuckelflasche den Vorzug. Es wurde ein 24-Stunden-Betreuungsprogramm organisiert. "Der Bär soll immer spüren, dass jemand in der Nähe ist", sagte Encke.

Die Entscheidung, so spät einzugreifen, verteidigte der Tiergarten erneut. Für das Eisbärenbaby sei es eine positive Erfahrung, die erste Zeit mit der Mutter verbracht zu haben. Weil diese sich aber stundenweise auch immer wieder im Gehege herumgetrieben habe, sei er an Phasen des Alleinseins gewöhnt. Dennoch sucht der Zoo nun über das Europäische Erhaltungszuchtprogramm ein zweites Eisbärenwaisenkind, das dem Nürnberger Mädchen Gesellschaft leisten könnte. "Ein Braunbär tut's auch", merkte Mägdefrau an.

Vom Scheinwerferlicht der TV-Kameras bekommt der Bär vorerst nichts mit. Stattdessen aalt er sich in einer "Art Bettchen" unter einer Infrarotlampe. Alle vier Stunden reicht ihm ein Team von vier Tierpflegern die Flasche mit 70 bis 80 Milliliter Kunstmilch. Encke sagte: "Die ist ideal für die Welpenaufzucht, weil da 40 Prozent Rohfett drin sind." Das Baby trinke und schlafe gut - und auch der Kotabsatz sei normal.

Mutter Vera hat den Kindesentzug nach anfänglichem Protest offenbar gut überstanden. Inzwischen gehe es ihr mehr darum, schnell wieder mit ihrer Artgenossin Vilma zusammenzukommen, die am Montag ihre beiden Babys aufgefressen hatte. Offenbar litten sie an einer Infektion. Was Veras Rückzug aus der Wurfhöhle auslöste, ist weiter unklar. Der Zoo revidierte inzwischen seinen Vorwurf, wonach ein Kamerateam auf die Höhle gestiegen sei und damit die Eisbärenmutter nervös gemacht habe. "Wir wissen nicht, warum sie ihr Versteck auf einmal so konsequent ablehnte", sagte Encke.