Der Tagesspiegel : Tita von Hardenberg: Tour de Tortur

Sie waren beim Berlin-Marathon wieder nur als Zuschauer dabei? Sie haben sich vorgenommen, endlich ins Lauftraining einzusteigen? Dann folgen Sie einfach unseren Routen. Prominente Läufer – Profis und Hobbyathleten – verraten, wo joggen in Berlin am schönsten ist

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ACHTUNG, FERTIG, LOS! LAUFEN MIT DEM TAGESSPIEGEL (2)

Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, jeden Morgen durch die Gegend zu schnaufen. Entweder ist es zu kalt oder zu heiß, zu früh ist es immer und zu spät andererseits auch, weil der Tag schon wieder vollgepackt ist mit Terminen. Zum Glück gibt es Doktor Strunz, mein Vorbild, der in die Tiefen meiner Seele schauen kann und weiß, wie er mich motiviert. Zum Beispiel durch das Versprechen, dass 30 Minuten Laufen pro Tag völlig ausreichen. Ihm zuliebe habe ich mir sogar am Anfang einen Trainer genommen, der mir das Vorderfußlaufen beigebracht hat, was die Knie entlasten soll und überhaupt superprofessionell aussieht.

Und so geht es jeden Morgen: keine Lust, immer die gleiche stumpfe Runde durch den Volkspark Friedrichshain, immer die gleichen bangen Blicke auf die Uhr, wann diese elenden 1800 Sekunden endlich vorbei sind. Jeden Tag das gleiche Erlebnis: Das Gefühl für den Rest des Tages ist so unendlich viel besser, wenn man morgens unter Qualen den Kreislauf angeworfen hat.

Dafür nehme ich jeden Tag wieder die größten Demütigungen hin, weil mich eigentlich jeder überholt. Neulich zog sogar ein Walker gemäßigten Schrittes an mir vorbei. Das langsame Laufen hat auch seine Vorteile, es lässt Zeit für eingehende Sozialstudien des GroßstadtLäufers. In bürgerlichen Revieren wie dem Grunewald oder am Schlachtensee sehen die Jogger ja alle fast gleich aus, im Volkspark Friedrichshain dagegen tummeln sich exotische Exemplare:

Die dynamischen Kraftmeier: Sie schieben eine Babykarre vor sich her, was bewundernswert spielerisch aussieht, aber ein völlig anderer Sport ist, viel anstrengender nämlich. Ich habe mir auch gleich so einen Kinderporsche besorgt, um nach den ersten Metern festzustellen, dass die Kombination ausSchieben und Laufen nur etwas für ausgewiesene Kraftsportler ist. Zum Glück kann man den Wagen auch ohne Jogging benutzen.

Die Schönlinge: gertenschlanke, muskulöse Frauen in Hotpants, die mit einem Affenzahn an mir vorbeisprinten und jedes Mal ein dumpfes Gefühl von Mordlust hinterlassen. Da lasse ich mich schon lieber von diesen gut gebauten Kerlen überholen, die mit ihren Leggings und den bemerkenswertenOberkörpern sofort beim Remake von „Robin Hood“ mitmachen könnten. Die Schwulenquote dürfte bei 90 Prozent plus liegen.

Die ewigen Punks: Sehr praktisch orientiert, weil sie sich zum Joggen gar nicht erst umziehen. Die stampfen in Springerstiefeln und Camouflage-Hosen vorbei, im Winter noch mit Kapuzenparka. Erst dachte ich, die haben es nur eilig, aber nein, sie treiben wirklich Sport, was ja auch vernünftig ist, wenn man den Rest des Tages eine vorwiegend sitzende Tätigkeit mit Büchsenbier verrichtet.

Die zähen Senioren: Sehen so aus, als sprinteten sie schon seit dem elften SED-Parteitag durch den Park. Sehnig, federnd, kein Gramm Fett. Die sind immer gelaufen, ob die DDR nun die Bundesrepublik bei der Fußball-WM besiegt hat oder die Mauer fiel. Immerhin: Diese austrainierten Knochen geben einem in den täglichen Momenten tiefsten Zweifels den Glauben ans Joggen zurück. Aufgezeichnet von Hajo Schumacher

Unsere Promi-Lauftipps erscheinen in loser Folge. Der erste Teil mit Sänger Joey Kelly war am Dienstag, 30. September.

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