Der Tagesspiegel : Tödlicher Unfall: Bewährungsstrafe für Unfallverursacher

Claus-Dieter Steyer

Es war die berüchtigte Sekunde Unaufmerksamkeit. Ein Blick in den Innenspiegel, eine Kontrolle im Außenspiegel, zuletzt der Schulterblick und der Überholvorgang konnte beginnen. Dennoch krachte es von hinten. Ein Pkw befand sich schon auf der linken Spur und konnte nicht mehr ausweichen. Der Audi kollidierte auf der Bundesstraße 96 zwischen Oranienburg und Gransee mit dem Golf des 20-jährigen Martin Z. aus Hohen Neuendorf, kam ins Schleudern und erst an einem Straßenbaum zum Stehen. Die beiden Insassen starben am Unfallort: Professor Michael Schumann und dessen Ehefrau. Der Tod des innenpolitischen Sprechers des PDS-Landtagsfraktion und früheren Mitglieds der Bundestages am 2. Dezember vergangenen Jahres hatte große Bestürzung im Land ausgelöst.

Gestern musste sich der Unfallverursacher wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Oranienburg verantworten. Richter Thomas Passerini verhängte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er habe durch eine Pflichtverletzung den Tod zweier Menschen auf dem Gewissen. Wenn es beim Überholen nicht zum unvorsichtigen Ausscheren gekommen wäre, hätten die dramatischen Folgen vermieden werden können, sagte Passerini.

Martin Z., der nach der 10. Klasse den Beruf eines Zentralheizungs- und Lüftungsbauers erlernte und seit drei Monaten von Arbeitslosengeld lebt, schilderte mit stockender Stimme den Unfallhergang aus seiner Sicht. Zu einem Fußballspiel war er an jenem Tag mit drei Freunden im elterlichen Auto in Richtung Gransee aufgebrochen. Es herrschte feuchtes Wetter, der Verkehr auf der Bundesstraße hielt sich in Grenzen. Als er ein langsam fahrendes Auto überholen wollte, sei es zum Crash gekommen: "Ich kann mir nicht erklären, woher der Audi plötzlich auftauchte", sagte er. Nach Zeugenaussagen war der Audi der Schumanns schon eine ganze Weile auf der linken Spur an einer Kolonne vorbeigefahren. Als er den Golf des 20-jährigen mit einer nachträglich festgestellten Geschwindigkeit zwischen 92 und 123 km/h überholen wollte, scherte dieser aus. Zulässig ist auf der B 96 nur Tempo 80. Deshalb gab Richter Passareni Professor Schumann auch eine gewisse Mitschuld an dem Unfall.

Die Staatsanwaltschaft forderte für den jungen Mann wegen mittlerer Fahrlässigkeit neun Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung für eine Zeit von zwei Jahren und sechs Monaten. Er hätte einfach das überholende Fahrzeug sehen müssen, sagte Staatsanwältin Sophie Kromphardt. Der Verteidiger des Angeklagten hatte einen Freispruch verlangt. Dem jungen Mann selbst kam auch gegenüber dem Sohn der Schumanns, der als Nebenkläger im Gerichtssaal saß, kein Wort des Bedauern über die Lippen.

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