Der Tagesspiegel : Total verpfuscht

Was habe ich früher auf meine Familie geschimpft! Ich hab mich mit meinen Eltern endlos gestritten und wollte meinen kleinen Bruder oft am liebsten an die Wand klatschen. Heute möchte ich sie nicht mehr missen. Auch, wenn ich noch dieses Jahr volljährig werde, bin ich viel zu unerfahren, um auf die Hilfe meiner Familie verzichten zu können. Ans Ausziehen ist, auch abgesehen vom finanziellen Aspekt, nicht zu denken – weder für mich noch für meine Familie.

Nicht jeder Jugendliche hat das Privileg, sich nach dem 18. Geburtstag weiterhin im Schoße der Familie suhlen zu können. Mein Freund wohnt seit etwas über einem halben Jahr alleine. Er ist einen Monat vor seinem 18. Geburtstag von zu Hause ausgezogen. Trennung und Scheidung der Eltern, neue Partner beiderseits und unzählige Spannungen hatten dazu geführt, dass er sich zu Hause noch nie sehr wohl gefühlt hat. Das fing schon an, als seine Eltern noch zusammenlebten, ständig gab es Streit, seine Kindheit bezeichnet er als total verpfuscht. Die ganze Familie ist in Therapie gewesen, sogar im Heim hat er einige Zeit gelebt, seine Eltern waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, haben ihn angeschrien und geschlagen.

Nach Absprache mit dem Jugendamt schien es die beste Lösung für ihn, auszuziehen. Klingt gut, ist in der Realität jedoch ziemlich hart. Die Verbindung zu seinen Verwandten reicht gerade noch, um das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen. Es scheint egal zu sein, wie sein Leben verläuft. Es ist egal, ob und wie es in der Schule vorangeht, egal, ob er krank ist, egal, ob sich etwas Wichtiges verändert, egal, egal, egal. Er ist wütend, besonders auf seine Mutter, denn sein Vater hat nach fast zwei Jahren Funkstille den Kontakt zu ihm wieder aufgenommen. Er fragt sich, warum seine Eltern Kinder bekommen haben, wenn sie sich doch nicht um sie kümmern wollten.

Noch hat mein Freund einen Betreuer und lebt in der Trägerwohnung einer Organisation. Doch der Betreuer ist kein Elternersatz, die Treffen mit ihm gleichen eher einem Geschäftstermin. Natürlich ist mein Freund einsam und versucht sehr oft, etwas mit Freunden zu unternehmen. Doch da gibt es einen Haken: Die Freunde haben familiäre Verpflichtungen.Caroline Stelzer, 17 Jahre

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