Der Tagesspiegel : Tote Kinder, illegale Einwanderer, trottelige Helden Frankfurt kommt in Filmen schlecht weg. Jetzt gibt es ein neues Beispiel

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt/Oder. Die Stadt muss den Film wohl aushalten. „Die beiden kleinen Kinder litten in 14 Tagen Höllenqualen“, sagt die Regisseurin Aelrun Goette. „Unser Streifen dauert nur 80 Minuten.“ Sie hofft, dass ihr Dokumentarfilm über das „unglaubliche Unglück“ vor fast fünf Jahren vor allem eine Frage bei den Betrachtern auslöst: Welche Gefahren habe ich in meiner Umgebung übersehen? Wenn sich die Nachbarn, die Freunde, die Großeltern, die Liebhaber der Mörderin und sicher auch das städtische Jugendamt diese Frage gestellt und gehandelt hätten, wären Kevin und Tobias noch am Leben. So aber verdursteten die zwei- und dreijährigen Jungs im Juni 1999 mitten im Plattenbau-Viertel Neuberesinchen.

„Die Kinder sind tot“, sagte die damals 23-jährige Mutter Daniela Jesse der eine Etage über ihr wohnenden Bekannten nach der Entdeckung der beiden Leichen. So heißt auch der Film, der am Donnerstagabend im ausverkauften Frankfurter Kinopalast Premiere hatte. Es ist der vierte Film in wenigen Jahren, der in Frankfurt an der Oder spielt und kein gutes Bild der Grenzstadt zeichnet. Nach der Premiere fragten einige Frankfurter vorwurfsvoll, warum Filmemacher nicht auch mal was Schönes machen könnten über ihre Stadt.

„Daniela kehrt mit dem Streifen zurück in ihre Stadt. Sie wird wieder zum Gespräch“, sagte Regisseurin Goette. Zumindest was die Diskussion nach der Premiere angeht, hatte sie Recht. Bis weit nach Mitternacht suchten die Zuschauer Antworten beim Filmteam, bei einem Psychologen, einem Sozialarbeiter, der Chefin vom Jugendamt, bei einem Anwalt oder einfach bei den Nachbarn. Denn der Film lässt genau wie die beiden Prozesse gegen Daniela Jesse viele Fragen offen. Das Landgericht Frankfurt hatte die Frau wegen Mordes an ihren beiden Kindern zu lebenslanger Haft verurteilt und eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Eine Freilassung nach 15 Jahren wäre damit nicht möglich gewesen. Die Verteidigung legte Revision ein, der Bundesgerichtshof ordnete ein erneutes Verfahren an. Daraufhin beließ es zwar das Landgericht Neuruppin bei der lebenslangen Haft, aber der Vorwurf einer besonderen Schuld wurde gestrichen. Jetzt strebt ihr Anwalt eine erneute Wiederaufnahme des Verfahrens an, um die Verurteilung wegen Mordes zu revidieren. Die Frau soll nur noch wegen „Aussetzen von Kindern mit Todesfolge“ bestraft werden.

Als eine Frau aus dem Publikum nach dem Film die Täterin von einem Mord freisprechen möchte, erhält sie spontan Beifall. Beim ersten Prozess am Landgericht hatten viele Zuschauer noch die Todesstrafe gefordert. Boulevardzeitungen hatten die zierliche junge Mutter als Monster dargestellt. Dass der Film einen solchen Sinneswandel bewirkt, liegt daran, dass Aelrun Goette in ihrem Film das Umfeld der Täterin anklagt.

Warum wollten Sie denn ausgerechnet über diese Geschichte etwas wissen? Machen Sie doch mal was Schönes über Frankfurt“, sagten Zuschauer nach der Filmpremiere zur Regisseurin. Die Wut entlud sich dann in der Diskussion nach dem Film aber auf das Jugendamt. Es hätte viel früher auf die ihm bekannt gewordenen Schwierigkeiten der Frau reagieren müssen, forderten mehrere Zuschauer. Cornelia Scheplitz vom Jugendamt wies die Vorwürfe zurück. Als sich eine Nachbarin zu Wort meldete und davon sprach, dass viele aus dem Viertel beim Jugendamt wegen der Frau vorgesprochen hätten, schüttelte Cornelia Scheplitz den Kopf: „Bei uns hat sich niemand gemeldet.“

Der Psychologe Thomas Fabian hielt es für möglich, dass so eine Tat überall passieren könnte. Untersuchungen hätten gezeigt, dass es in der DDR genauso viele Todesfälle durch Vernachlässigung gegeben hätte wie in der Bundesrepublik. Der Widerspruch aus dem Saal folgte sofort: Durch die Kontrolle in den Kinderkrippen und im Wohngebiet selbst wäre das Fehlen der Kinder sofort aufgefallen, sagte ein älterer Mann.

Zum Schluss verlas die Filmautorin einen persönlichen Brief der in der Haftanstalt Luckau einsitzenden Mörderin. Darin bedankt sie sich beim Team für den „gelungenen Film“. Erst hier habe sie gemerkt, wie viel Kraft sie eigentlich besitze. Sie fühle sich wie ein Kind, das Laufen lerne. Erschrocken sei sie über ihre Mutter im Film. „Sie hat mich nie geliebt.“ Dennoch wächst die älteste Tochter von Daniela bei ihren Großeltern auf. Ein weiteres Kind lebt bei Adoptiveltern.

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