Tour de France : Ende und Anfang

Astana hat auf Alexander Winokurow gesetzt, der aber fällt aussichtlos zurück. Nun ist Klöden die Nummer Eins im Team.

Sebastian Moll[Briancon]
Alexander Winokurov Foto: dpa
Alexander Winokurov ist im Gesamtklassement aussichtslos zurückgefallen. -Foto: dpa

Zwei Getreue hatte Alexander Winokurow an den trostlosen Geröllhängen des Galibier noch um sich, wie es einem Tour-Favoriten in einer rennentscheidenden Situation gebührt. Zwei Helfer, um Tempo zu machen, Mut zu spenden und Getränke zu reichen. Winokurows Mannschaftskamerad Andreas Klöden musste hingegen ohne Sekundanz den längsten Anstieg dieser Rundfahrt bewältigen. Das wäre nach der komplizierten inneren Logik des Radsports nicht verwunderlich gewesen, hätte Winokurow an der Spitze des Rennens gelegen und um das Gelbe Trikot gekämpft. Doch es war umgekehrt – der Kasache war längst abgehängt, während Klöden noch immer vergleichsweise mühelos an den Hinterrädern anderer Tourfavoriten wie Alejandro Valverde, Iban Mayo oder Carlos Sastre klebte. Vier Minuten und 15 Sekunden verlor Winokurow gestern auf seinen bisherigen Helfer, der in einer Gruppe mit dem Träger des Gelben Trikots, Michael Rasmussen, in Briançon über die Ziellinie rollte. 38 Sekunden vor diesem elf Mann großen Pulk der starken Männer kam der Kolumbianer Juan Soler als Tageserster in Briançon an.

Aus sportlicher Sicht war die Personaldisposition bei Astana unsinnig. Doch Radsport ist nur in zweiter Linie ein Sport, in erster Linie ist er ein Geschäft. Und vom Business-Standpunkt her war die Aktie Winokurow vor diesem Dienstag noch immer eine gute Investition. Ohne ihn und seine engen Beziehungen zur kasachischen Regierung sowie zum kasachischen Radsportverband gäbe es die Mannschaft nicht. Und ohne Winokurow als möglichen Tour-de-France-Sieger hätten die sechs kasachischen Konzerne, die das Team über vier Jahre mit je zwölf Millionen Euro finanzieren, sicherlich nur begrenztes Interesse am Radsport.

Jetzt aber wird Team-Manager Marc Biver das Kunststück vollbringen müssen, den Geldgebern einen deutschen Träger als neue Nummer eins zu verkaufen. Die bisherige Linie, stur an Winokurow als Kapitän festzuhalten, lässt sich nach der Galibier-Etappe wohl nicht mehr fortsetzen. Was sich am Samstag in Tignes, als Klöden noch auf Winokurow wartete, schon andeutete, bestätigte sich am Dienstag: Andreas Klöden hat sich von seinem Sturz in der vorigen Woche deutlich besser erholt als Winokurow. Der Deutsche scheint trotz eines Haarrisses am Steißbein in guter Verfassung zu sein. Drei Minuten und 50 Sekunden Rückstand auf Michael Rasmussen hat er, doch er gilt als bester Zeitfahrer des Favoritenkreises.

Winokurow wusste wohl, dass er gestern die Tour de France verloren hat. „Das war ein weiterer schwarzer Tag für mich“, sagte er und vergrub daraufhin das Gesicht in seinem Handtuch, um seine wenig mannhaften Tränen vor den Kameras zu verbergen. Der 33-Jährige hatte schon im Frühjahr gesagt, dass diese Tour wohl die letzte Gelegenheit für ihn sei.

Klöden hielt auch gestern sein Schweigegelübde gegenüber den deutschen Medien aufrecht und verschwand wortlos. Immerhin hatte er am Vorabend auf Anweisung seiner Mannschaftsleitung bei einer Pressekonferenz unlustig ein paar Fragen beantwortet. Mit tief in das Gesicht gezogener Kappe gab er bekannt, dass er noch immer Schmerzen habe. Deshalb werde er auf der letzten Alpenetappe defensiv fahren. Was er auch tat – Klöden hielt die Gegner um den Gesamtsieg am Galibier im Zaum, parierte jedoch keine Attacken wie jene von Alberto Contador oder Cadel Evans. Falls er bis dahin genesen sei, sagte Klöden noch, wolle er beim Einzelzeitfahren am Samstag zum großen Schlag ausholen. Bis dahin bleibe Winokurow sein Kapitän. Es war wohl das letzte Mal, dass Klöden dieses Sprüchlein aufsagen musste.

Die 10. Etappe führt von Tallard nach Marseille (229,5 km).