Tour de France : Pfiffe für Rasmussen - Mannschaften protestieren

Ein Fahrer-Streik kurz vor der Abfahrt, Polizei-Aktionen wie 1998, ein tief gespaltenes Peloton und Pfiffe gegen den Spitzenreiter Rasmussen: Bei der Tour de France herrscht das Chaos.

Andreas Zellmer,Esteban Engel[dpa]

OrthezAubisque Polizei-Razzia, Rückzug einer gesamten Mannschaft und nur ein Thema: Doping, Doping, Doping. Die 94. Tour de France wandelt mit dem tiefen Fall von Alexander Winokurow auf den Spuren der Skandal-Tour von 1998 und legt offen: Viel haben die Hauptdarsteller auf den Brettern, die die Radsport-Welt ausmachen, nicht gelernt. "Der Radsport ist am Ende. Es muss etwas Neues kommen", sagte Tour-Legende Eddy Merckx und drückte damit auch seine Ratlosigkeit aus. Hans-Michael Holczer, Manager des Teams Gerolsteiner, flüchtete sich am Mittwoch am Start zur 16. Etappe in Orthez, wo die Fahrer mit einem Streik die Abfahrt verzögerten, in Sarkasmus: "Gestern habe ich gesagt, wir stehen am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter."

Auch die französische Radsportnation wurde vom Katzenjammer der Tour angesteckt. "Das Chaos" titelte am Mittwoch das Tour- Zentralorgan "L'Équipe". Als der Däne Michael Rasmussen, selber im Fokus der Doping-Vorwürfe, zur letzten Pyrenäen-Etappe auf den Aubisque startete, wurde er vom Publikum ausgepfiffen. Auch durch das Fahrer-Feld geht mittlerweile ein tiefer Riss. Die Profis jener acht Mannschaften, die sich am Dienstag zur "Bewegung für einen sauberen Radsport" vereint hatten, starteten erst mit mehreren Minuten Verzögerung hinter der Gruppe um Rasmussen und seinem Rivalen Alberto Contador. Sie bildeten das Peloton der "Anständigen". Die beiden deutschen Teams gehörten dazu.

Prudhomme mit glühendem Plädoyer

Tour-Direktor Christian Prudhomme hat es trotz der schwelenden Unruhe vorerst bei einem glühenden Plädoyer für eine jetzt fällige "ethische Revolution" bewenden lassen. Mut zu harten Entscheidungen hatte der neue Tour-Chef am Dienstag vermissen lassen. Trotz drohender Regress-Ansprüche hätte er die leidige Geschichte Rasmussen mit einem Rausschmiss beenden können. Stattdessen konnten der Träger des Gelben Trikots und der ebenso Doping-Verdächtigte Contador zu nächsten "Heldentaten" auf der schwersten Pyrenäen-Etappe schreiten, über die die Radsport-Welt wieder ungläubig den Kopf schütteln kann.

Andreas Klöden, der erst die Tour gewinnen und dann wenigstens wieder aufs Treppchen in Paris kommen wollte, verließ am Dienstag als letzter Astana-Fahrer das von rund 30 Polizisten umstellte Mannschafts-Hotel in Pau. Seit Tour-Beginn kommuniziert der Wahlschweizer mit der Öffentlichkeit vornehmlich über seine Homepage. Am Mittwoch war der Eintrag noch nicht aktualisiert. "Es ging wieder mal mit hohem Tempo los" steht da zu lesen, womit wahrscheinlich nicht die chaotischen Verhältnisse vom Vortag gemeint waren, sondern der Beginn der ersten Pyrenäen-Etappe.

Wird das Astana-Team aufgelöst?

Klödens sportliche Zukunft steht in den Sternen, weil mit der Auflösung des Astana-Teams zu rechnen ist, obwohl Team-Manager Marc Biver das Versprechen des Verteidigungs-Minister Danijal Achmetow dagegen setzte. Am Ruhetag hatte Klöden noch ein Mal Besuch von seinem Manager Tony Rominger erhalten. Die Klientel des einstigen Weltklasse-Profis aus der Schweiz, der schon früh mit dem umstrittenen Mediziner Michele Ferrari zusammenarbeitete, ist bei der Tour geschrumpft. Rominger betreut als Manager 20 Radprofis, vier von ihnen standen in London am Tour-Start. Patrik Sinkewitz, inzwischen des Dopings überführt, ist nach seinem Sturz ausgeschieden, Winokurow mit dem Nachweis von Fremdblut-Doping ebenfalls. Nur Marcus Burghardt vom T-Mobile-Team hält noch die Stellung.

Dopingsünder Winokurow hatte bei der Tour eine Achterbahn-Fahrt im Stil des im Vorjahr überführten Floyd Landis hingelegt. Am Samstag gewann er das Zeitfahren in Albi, am Folgetag auf dem Plateau de Beille verlor er 28:50 Minuten auf den Tagessieger Contador, um am Montag in der Pyrenäen-Etappe in Loudenvielle im Alleingang zu triumphieren. Die "L'Équipe" jubelte über die "Wiedergeburt" des Kasachen, über dem seit Tour-Beginn ein Doping-Schatten hing.

Dopte Winokurow mit Blut des Vaters?

Branchenüblich leugnete er jegliche Doping-Schuld und bewies sogar noch makaberen Humor. Mit der Theorie konfrontiert, er habe Blut seines Vaters, der ihn bei der Tour besuchte, injiziert bekommen, sagte Winokurow junior der "L'Équipe": "Kann nicht sein, dann wäre ich sofort auf Wodka positiv gewesen." Fremdblut-Doping - damit wurde 2004 in Athen auch der Zeitfahr-Olympiasieger Tyler Hamilton (USA) erwischt - ist in der ausgeklügelten Doping-Praxis so ziemlich das Gefährlichste, was es gibt.

"Mich hat es geschaudert, als ich davon erfuhr. Das kann die heftigsten allergischen Schock-Reaktionen hervorrufen", sagte Tim Meyer, der Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im ZDF-Morgen-Magazin.