Trainersuche : Absagenflut für ''Patient England''

Ein Land auf Trainersuche: José Mourinho sagt ab, Arsène Wenger hat auch keine Lust. Wer rettet denn nun die Fußball-Nation England? Der Name Jürgen Klinsmann hält sich hartnäckig.

Henning Hoff,Thomas Prüfer[dpa]
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Jürgen Klinsmann gerät wieder in den Mittelpunkt des Interesses. -Foto: ddp

LondonDer englische Patient sucht einen Heilsbringer, "Kaiser" Franz Beckenbauer hat ihn für das Fußball-Mutterland schon gefunden. "Wer kann die Boys mit den drei Löwen auf der Brust aus dem Tief oder sogar Koma holen? Da fällt mir ein Name sofort ein: Jürgen Klinsmann", empfahl das deutsche Fußball-Idol via "Bild" dem englischen Fußball-Verband FA den früheren Bundestrainer wärmstens als Nachfolger für den ungeliebten Steve McClaren. Diese Lösung sei "ideal" für beide Seiten. "Jürgen ist ein Mann, der klare Vorstellungen hat und diese auch gegen Widerstände durchsetzt. Mit ihm kann ich mir einen Neuanfang in England vorstellen", begründete der Ehrenspielführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seinen Tipp.

Klinsmann äußerte sich zum Thema zurückhaltend. Grundsätzlich wolle er nur unter ähnlichen Bedingungen wie beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), bei dem er nach dem dritten Platz bei der Heim-WM 2006 seinen Vertrag nicht verlängerte, wieder in das Trainergeschäft einsteigen. "Die Voraussetzungen müssen stimmen", sagte der Ex-Bundestrainer dem Internetanbieter "Sport1.de". Und ergänzte: "Dass solche Gerüchte hochkochen, damit muss und kann ich leben."

Fabio Capello und Rafael Benitez sind nicht abgeneigt

Auf jeden Fall ist der frühere deutsche Nationalspieler auf der Liste der FA-Trainerkandidaten weit nach vorne gerückt. Denn zwei Tage nach der verpassten Europameisterschaft 2008 ist eine Absagenflut über den Verband hereingebrochen: Der zunächst als Favorit gehandelte Martin O'Neill (Aston Villa) winkt ebenso ab wie der beim FC Chelsea entlassene Portugiese José Mourinho. Auch Arsène Wenger (FC Arsenal) und Sam Allardyce (Newcastle United) signalisierten: Kein Interesse. Dieses angedeutet haben dafür der nach der Trennung von Real Madrid auf Jobsuche befindliche Italiener Fabio Capello ("Ich bin für dieses attraktive Projekt im richtigen Alter") und der Spanier Rafael Benitez vom FC Liverpool ("Vielleicht.., wenn ich mein Englisch verbessere").

Auf der Insel schlug sich zwei Tage nach der 2:3-Heimpleite gegen Kroatien, durch die England erstmals seit 1984 bei einem europäischen Top-Turnier fehlt, auch "The Times" auf die Seite des Schwaben. "Der anglophile Klinsmann ist bereit, wieder einzusteigen, und hat starke Meinungen, was das Training angeht", schrieb die angesehene Tageszeitung über den früheren Stürmerstar von Tottenham Hotspur.

Klinsmann war in England sogar Fußballer des Jahres

Beckenbauer hält den in Kalifornien lebenden Deutschen für total geeignet. "Er spricht die Sprache perfekt, genießt durch seine Tottenham-Zeit einen glänzenden Ruf, war dort sogar mal Fußballer des Jahres", meinte er über den 43 Jahre alten Ex-Nationalspieler, den er ohnehin besser geeignet für einen National- als für einen Clubtrainer-Job hält. Vieles spreche für die Aufgabe in England, glaubt Beckenbauer: "Er sucht eine Aufgabe in einem Land mit großer Tradition und Begeisterung für den Fußball." Und er hätte bis zur WM 2010 in Südafrika drei Jahre Zeit, "ein neues Team aufzubauen und muss keine Rücksicht auf Altlasten nehmen."

Die Einsicht, dass ein radikaler Umbruch bei den "Three Lions" nötig ist, setzt sich auf der Insel nur langsam durch, wenngleich die FA parallel zur Trainersuche eine Überprüfung der Nationalteam-Organisation "von Grund auf" versprach. Neben dem als "McClown" verspotteten Ex-Coach sind nun auch die hochbezahlten Star-Kicker in die Kritik geraten. "Seit Jahren war immer die Rede von der goldenen Generation. Wenn das die goldene Generation ist, sollten wir uns so schnell wie möglich vom Goldstandard verabschieden", polterte FA-Vorstandsmitglied Lord Mawhinney. Ätzend äußerte sich auch Manchester Uniteds Ex-Kapitän Roy Keane: "Technisch ist England so gut wie Deutschland und Frankreich. Die Leute sollten keine Panik schieben, England ist beinahe ein gutes Team. Aber da sind zu viele Egos im Spiel, viel zu viele. Damit ist jeder neue England-Trainer konfrontiert", glaubt der irische Coach des FC Sunderland.