Der Tagesspiegel : Transit für Tramper

Manchmal warteten 100 Leute am Kontrollpunkt auf eine Mitfahrgelegenheit. Weg kamen sie alle

Thomas Loy

Norbert Rheinländer erinnert sich noch an den WaBoLu- und an den Merci-Mann. An ihre Autos erinnert er sich nicht mehr. Autos waren damals in den 70ern nicht weiter wichtig. WaBoLu bedeutet „Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene“. Das Besondere an dem WaBoLu-Mann war, dass er zwar als Umweltfachmann arbeitete, aber auch als Opernsänger auftrat. Wann trifft man schon so einen Menschen? Nur vor Dreilinden. Nur beim Trampen.

Der Merci-Mann erzählte Norbert Rheinländer auf der Fahrt durch die DDR, welche Schoko-Variationen gerade auf dem Berliner Markt getestet wurden. Haselnuss neben Joghurt und Zartbitter oder besser Noisette zwischen Mocca und Nougat? Dem Architekturstudenten und Öko-Sponti Rheinländer, schon damals eher ein Realo-Linker, tat sich eine Welt auf, von deren Existenz er im Hörsaal noch nichts mitbekommen hatte. Heute lobt der inzwischen 55-Jährige das Trampen als „Horizonterweiterung“ und unerschöpfliche Quelle von „Erfahrungswissen“.

Dass Dreilinden mal ein mythischer Ort der untergegangenen Tramperkultur werden könnte, ahnten sie damals aber noch nicht, die Hippies, Punks, Kiffer, Spontis, Ökos und Normalos, die jeden Tag standen, um über den Osten in den Westen auszureisen. Samstagmorgens wuchs der Pulk bis auf 100 Leute an, sagt Rheinländer. Da konnten die Autofahrer wählerisch sein. „Die schauten natürlich auch, dass sie sich keinen Ärger mit den Ost-Behörden einhandelten.“ Wer nach Alkohol oder Drogen aussah, hatte wenig Chancen. Auch Hunde waren nicht gern gesehen. Aber weg kam man immer. Manchmal sofort, manchmal erst nach zwei Stunden.

Ärger mit den Ost-Behörden gab es auch ohne speziellen Anlass. Rheinländer nahm immer ausreichend zu essen mit, falls die Vopos seinen Chauffeur samt Wagen filzten oder das Auto unterwegs eine Panne hatte. Bis nach Hannover rechnete er mindestens fünf Stunden. Bis nach München dauerte es manchmal den ganzen Tag.

An einen Tramper-Kodex kann sich Rheinländer nicht erinnern. Jeder konnte sich hinstellen, wo es ihm gerade passte, mit oder ohne selbst gemaltem Schild. Langhaarige Freaks in Ente oder R 4 nahmen bevorzugt langhaarige Freaks mit, Frauen am liebsten Frauen. An tolle Frauenbekanntschaften, die vor Dreilinden begannen, kann sich Rheinländer auch nicht erinnern. „Das schwirrte immer nur im Kopf herum.“ Die Wirklichkeit erwies sich als dröger Spielverderber. Die tollsten Trampergeschichten passierten sowieso im Ausland, meint Rheinländer. Die biedere DDR-Kulisse muss irgendwie auf die Fahrer abgefärbt haben.

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