Der Tagesspiegel : Trauer über einen sinnlosen Tod

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Von Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Es mögen einige Hundert Sonnenblumen gewesen sein, die gestern in die Potsdamer Friedrichskirche getragen wurden. Dort nahmen Angehörige, Spielgefährten, Mitarbeiter des Kinderheimes „Eva Laube“, Politiker und viele andere Menschen Abschied von den Opfern des schweren Verkehrsunfalls vom vergangenen Sonntag auf der A24 bei Kremmen. Tröstende Worte sprachen unter anderem Ministerpräsident Matthias Platzeck, Generalsuperintendent Hans-Ulrich Schulz und Potsdams amtierender Oberbürgermeister Jann Jakobs.

Bei dem Unfall war ein Autobus in eine Reihe Fahrzeuge gerast, die am Autobahnrand standen, weil es zuvor einen kleineren Auffahrunfall gegeben hatte. Bei dem Aufprall wurde ein Kleinbus so stark zerstört, dass die fünf im Fahrzeug sitzenden Kinder im Alter zwischen acht und 13 Jahren getötet und zwei Erwachsene zum Teil schwer verletzt worden waren. Auch eine 22-jährige Frau aus Bremerhaven verlor bei dem Unglück ihr Leben.

Das Meer aus Sonnenblumen rahmte in der mit 600 Menschen voll besetzten und mit Schutzengeln aus Papier geschmückten Kirche in Babelsberg einen kleinen Tisch mit den Porträts der Kinder und einem Hinweis auf die 22-Jährige. „Die Blumen sind einfach abgeschnitten und damit ein Symbol für den Tod“, sagte Pfarrer Stephan Flade. Auch die Unfallopfer seien plötzlich aus ihrem Leben gerissen worden. Doch der „Schrei über einen sinnlosen Tod“ führe zu einer einfachen Erkenntnis: „Es hätte jeden von uns treffen können.“ Unter den Porträts der lachenden Kinder lag Spielzeug: Plastikpferde, Autos, Lego-Bausteine, eine Puppe, eine Musikkassette und auch ein Schatzkästchen. „Da waren die liebsten Dinge der drei getöteten Geschwister drin“, sagte Helga Hübner, Leiterin des zum Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk gehörenden Heims, in dem die drei lebten. „Die empfanden sie sogar als so wertvoll, dass sie das Kästchen nicht mit auf die Ferienreise genommen haben.“ Die drei Geschwister – ein Zwillingspärchen und eine 13-Jährige – lebten seit mehr als einem Jahr zusammen mit zwei weiteren Kindern der Familie in dem Potsdamer Heim. Ihre Mutter war allein erziehend und, so heißt es, überfordert gewesen. Deshalb ging die Vormundschaft ans Jugendamt. „Alle unsere Kinder im Heim haben Erfahrungen mit Abschied“, sagte Leiterin Hübner. „Sie sind irgendwann von Mutter, Vater, Oma, Opa oder Freunden getrennt worden. Jetzt, wo plötzlich drei Kinder fehlen, kommen alle Erinnerungen wieder hervor.“ Das ließe ahnen, wie schwer die Trauerarbeit im Heim sei.

Der Fahrer des zerstörten Kleinbusses arbeitete im Kinderheim als Hausmeister. Er steuerte am Sonntag das Fahrzeug, in dem auch seine Lebensgefährtin und deren beide Kinder saßen. Sie hatten ein gemeinsames Ziel in der Prignitz. Die drei Geschwister freuten sich auf ein Ferienlager, die anderen vier Personen auf einen gemeinsamen Urlaub. „Sie fuhren extra schon früh um sechs los, um dem großen Verkehr auszuweichen“, erinnerte sich die Heimleiterin. Doch das Unheil folgte achtzig Minuten später. Die beiden Kinder der Frau überlebten den Aufprall ebenso wenig wie die drei Geschwister.

Ministerpräsident Platzeck forderte eine lückenlose Aufklärung des Unfalls. Jeder müsse sich ständig bewusst sein, sagte er, welche verheerende Wirkung der kleinste Fehler im Straßenverkehr haben könne. Bislang gilt der „Sekundenschlaf“ des Omnibusfahrers als Unfallursache. Der Geschäftsführer des betroffenen Berliner Unternehmens hat dem Jugend- und Fürsorgewerk einen Spende in Höhe von 5000 Euro zugesagt, um dem Kinderheim die Anschaffung eines neuen Kleinbusses zu ermöglichen.

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