Der Tagesspiegel : Triebtäter-Fahndung: Letzte Spur von Schmökel: "Ja, ich bin lebensmüde"

Holger Stark

Die Hoffnung auf ein Ende der Jagd auf Frank Schmökel hat sich gestern bis zum späten Abend nicht erfüllt. Gegen 23 Uhr brachen die Einsatzkräfte ihre Suche nach dem entflohenen Sexualverbrecher in der Nacht zu Donnerstag ergebnislos ab. Hinweise, Schmökel halte sich "mit hoher Wahrscheinlichkeit" in der Nähe von Altlandsberg auf, erwiesen sich als Fehlmeldungen. In einer Strohmiete, in der die Ermitter Schmökel vermuteten, hatten offenbar Russen übernachtet. Unklar ist auch, wie heiß die Spuren sind, die vier beschlagnahmte Briefe des 38-Jährigen lieferten. Die Polizei in Neuruppin hat "jedenfalls keine besonderen Hinweise mehr, dass sich Schmökel hier aufhält". Gestern gingen bis zum frühen Abend 61 neue Hinweise ein, insgesamt sind es bisher 799.

Kurz hintereinander war die Polizei Anfang der Woche in den Besitz von vier Briefen gekommen, die Schmökel an ein ehemaliges Opfer, einen früheren Mitgefangenen, seine minderjährige Tochter sowie eine frühere Brieffreundin geschrieben hat. Die Briefe sollen am Montag im Postverteilungszentrum abgestempelt worden sein, das unter anderem für Neuruppin, aber auch für viele andere Orte nördlich von Berlin bis nach Angermünde zuständig ist. Daraus schließend die Beamten, dass die Schriftstücke im Anstaltsbriefkasten eingesteckt wurden. Die Polizei weiß aber "noch nicht, ob er sie selbst aufgegeben hat", so Siegbert Schmidt von der Polizei in Frankfurt/Oder.

Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hatte am Mittwoch gesagt, es müsse nach dem Fund der Briefe damit gerechnet werden, dass sich Schmökel in Neuruppin aufhalte. Der Sprecher des Polizeipräsidiums Oranienburg, Rudi Sonntag, relativierte gestern, es sei auch möglich, dass die Briefe schon früher geschrieben worden seien. "Es ist schwer vorstellbar, dass jemand, der so schlecht ausgestattet ist, in aller Ruhe vier Briefe schreiben und abschicken kann", sagte Sonntag. Die Polizei observiert in Neuruppin mögliche Anlaufpunkte Schmökels, ist aber nicht mehr in besonderer Alarmbereitschaft.

Die Beamten halten es für gut möglich, dass Schmökel mit seinem Leben abgeschlossen hat. "Nach acht Jahren Maßregelvollzug muss ich mir selber eingestehen, dass ich nicht anders kann. Ja ich bin lebensmüde. Schnauze voll", schrieb der mehrfache Vergewaltiger an einen früheren Mithäftling, mit dem er in der Haft befreundet war. "Du bist jung und kannst noch alles erreichen." An anderer Stelle heißt es, Hilfe wäre möglich gewesen, "wenn eine vernünftige Therapie stattfinden würde". Unterschrieben ist der Brief mit "Dein Ötzi. Frank Schmökel".

Der Psychiater und Neurologe Matthias Lammel, der 1998 ein Gutachten über Schmökel angefertigt hatte, sagte gestern, Schmökel sei nur "sehr bregrenzt therapiefähig". Es überwiege der Sicherheitsaspekt, da Schmökel seine Triebe nicht unterdrücken könne. Lammel hält den 38-Jährigen allerdings nicht für außergewöhnlich suizidgefährdet. Allerdings habe Schmökel mittlerweile kaum noch eine andere Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Wenn er in die Enge getrieben werde, sei eine gewalttätige Reaktion wahrscheinlich. Das eigentliche Problem sei aber nicht eine Gewalttätigkeit an sich, sondern "eine schwere psychosexuelle Fehlentwicklung". Lammel hatte sich 1998 gegen Ausgang ausgesprochen, was die Klinikärzte aber anders beurteilt hatten. Es gebe aber keine Anhaltspunkte dafür, dass die Ärzte der Nervenklinik dem Triebtäter fahrlässig Ausgang genehmigt hätten, sagte gestern Oberstaatsanwalt Carlo Weber.

Schmökel hatte mehrfach minderjährige Frauen sexuell missbraucht. 1993 war er zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Nach einer Flucht aus der Brandenburger Landesklinik im April 1994 hatte Schmökel ein damals 12-jähriges Mädchen vergewaltig und fast getötet. Deshalb wurde er zu insgesamt 14 Jahren Haft verurteilt.

Inzwischen konzentriert die Polizei ihre Suche wieder auf den Großraum Strausberg. Gestern Abend meldete ein Bungalow-Besitzer, sein Häuschen in der Nähe von Treuenhof sei aufgebrochen worden; offenbar hätte dort ein Unbekannter gehaust. Am Abend untersuchte die Polizei das mittlerweile verlassene Haus. Tagsüber hatten mehrere Hundertschaften die Suche in einer ehemaligen Rinderzuchtanlage bei Hermesdorf fortgesetzt. Da Schmökel gelernter Rinderzüchter ist, hielten es die Zielfahnder für möglich, dass er sich in einem früheren Betrieb versteckt hat. Auch eine Müllkippe bei Hennickendorf wurde ergebnislos kontrolliert. Der Hamburger Abenteurer Rüdiger Nehberg sagte gestern, Schmökel habe in den Wäldern gute Überlebenschancen. "Die Polizei sollte nicht damit rechnen, dass er rauskommt. Vier Wochen sind überhaupt kein Thema", sagte Nehberg, "er muss einfach wie ein Tier unter die Erde."

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