"Tropa de Elite" : Gefangen im Teufelskreis der Gewalt

Der brasilianische Beitrag im Wettbewerb der Berlinale ist ein viel diskutierter Film. Er streift ein Tabu: Wie viel Gewalt ist in den Kinos erlaubt? Mit dem Regisseur José Padilha sprach tagesspiegel.de über seinen Film.

Jose Oadilha_Tropa de Elite
José Padilha bei den Dreharbeiten in Rio de Janeiro. -Foto: Zazen Produções

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Filmes? Warum sollten sich die Berliner Ihren Film ansehen?

Viele Menschen leiden hier in Brasilien unter der Korruption und der Gewalt der Polizei. Sie haben aber keine Chance, sich dagegen zu wehren. Es ist sehr gefährlich, sich über die Brutalität der Polizei zu beschweren. Der Film zeigt sehr direkt die Gewalt und Korruption der Polizei im Alltag. Die Polizei versuchte, die Veröffentlichung des Filmes zu verhindern. Deshalb fühlen sich die Menschen angesprochen und fangen an, miteinander darüber zu reden.

Es gibt bereits viele Regisseure, die Gewalt explizit im Film zeigen, um sie zu kritisieren. Leider zieht die Gewalt im Fernsehen, im Kino und auch in den übrigen Medien die Zuschauer an. Was ist an Ihrem Film anders? Warum sollte sich das europäische Publikum für Ihren Film interessieren?

Zu allerst möchte ich etwas klarstellen. Ob wir wollen oder nicht, Gewalt ist ein Teil der menschlichen Natur. Sie hat uns durch all unsere Geschichte begleitet. Eigentlich sind gewalttätige Konflikte in Gesellschaften die Regel und eben nicht die Ausnahme. Die meisten Biologen und Anthropologen gehen heute von der Annahme aus. Es braucht besondere Bedingungen, damit eine Zivilisation in relativem Frieden existieren kann. Das ist ein historischer Fakt. Selbst heute lebt nur ein geringer Teil der Menschheit in Frieden.

Sieht man also der Realität ins Auge, lautet die korrekte Frage: Warum sollten wir die Gewalt in der Kunst, in den Nachrichten und in der Literatur ignorieren?  Müssen wir uns nicht die Bedingungen, die zu Gewalt führen, genau ansehen? Erst wenn wir dieses komplexe Phänomen verstehen, können wir mit dem Problem konkret umgehen. Mein Film handelt genau davon: Er untersucht die Bedingungen, die zu Korruption und Gewalt innerhalb der Polizei von Rio de Janeiro führen. Ich denke also, dass dieses Thema nicht nur in Brasilien, sondern auch in Europa einen wichtigen Beitrag zur Debatte leistet.

In Ihrem Film klagen Sie die brasilianische Mittelklasse an. Sie soll an dem Teufelskreis der Gewalt maßgeblich beteiligt sein. Man spürt die Angst dieser Menschen im Alltag. Der Staat schafft es nicht, die Gewalt und die Kriminalität einzudämmen. Sehen Sie die brasilianische Demokratie von einer neuen Diktatur bedroht?

Die Menschen setzen das hohe Maß an Gewalt mit der Armut gleich. Das ist aber falsch. In vielen Städten auf der Welt gibt es mehr Armut als in Rio oder São Paulo, aber weniger Gewalt. Es gibt offensichtlich etwas, was Armut in Gewalt umschlagen lässt. Ich habe zwei Filme darüber gemacht. „Bus 174“ war der Erste. Er erzählt, wie Kinder und kleine Kriminelle vom Staat misshandelt und schließlich erwachsene Gewalttäter werden. „Tropa de Elite“ (zu Deutsch: „Eliteeinheit“) ist nun der Zweite. Er versucht die Gewalt, die von den Polizisten ausgeht, zu erklären. Die Frage lautet hier: Warum sind die Polizisten so gewalttätig und korrupt?

Die Antwort dreht sich, wie gesagt, um die Rolle des Staates. Die Polizisten haben ein sehr geringes Einkommen und fast keine Ausbildung. Gleichzeitig sind sie gezwungen, ihr Leben zu riskieren. Damit entsteht unweigerlich ein korruptes und gewalttätiges Umfeld. Also sagt mein Film nicht, dass die Mittelklasse die Armut in Gewalt transformiert. Mein Film kritisiert den Staat dafür, dass er eben dies tut. Damit möchte ich nicht Gruppen innerhalb der Mittelklasse in Schutz nehmen, die sehr wohl den Teufelskreis anheizen. Viele der Wohlhabenden in Brasilien sind aktiv mitverantwortlich für diesen alltäglichen Ausnahmezustand. Das schließt alle Konsumenten ein, die ihre Drogen von den bewaffneten Gruppen in den Favelas beziehen. Ich denke nicht, dass die brasilianische Demokratie gefährdet ist. Wir haben ein sehr stabiles demokratisches System. Die Gewalt ist nicht politisch motiviert.

Im Ausland verfügt Rio de Janeiro de Janeiro nicht über das beste Bild. Nun machen Sie solch kritischen Film. Können Sie überhaupt noch zu Fuß durch die Straßen Ihrer Heimatstadt laufen, ohne mit dem Tode bedroht zu werden?

Viele schlimme Dinge passieren in Rio. Allein dieses Jahr wurden zum Beispiel mehr als 1000 Menschen von Polizisten umgebracht. Zum Vergleich: In den USA waren es 200 Menschen. Dort leben aber mehr als 300 Millionen Menschen. Also sollten wir uns nicht über unser Image Gedanken machen, sondern über unsere Realität. Wir müssen sie zeigen. Und wir müssen die Menschen zu Reaktionen herausfordern. Ich weiß, dass meine Mitbürger mir zustimmen. Ich vermute, dass die Passanten, die mich erkennen, deshalb neben mir stehen bleiben und mir danken. Sie danken mir dafür, dass wir diesen Film gemacht haben und der Welt zeigen, wie unsere Polizei arbeitet.

Für die Schauspieler ist dies eine wahnsinnige Erfahrung. Und zu unserem Erstaunen: Selbst die einfachen Straßenpolizisten danken uns! Sie sind frustriert und wissen nicht mehr weiter. Sie können mit der alltäglichen Gewalt in ihrem Leben nicht mehr umgehen. Der Polizeiapparat war der einzige, der uns bedrohte. Er ging juristisch gegen uns vor und versuchte, die Premiere 2007 zu verhindern. Die Polizisten verlangten, dass wir bestimmte Szenen herausschnitten, in denen wir explizit die Terrorpraktiken der Polizei nachstellten. Der Richter hat zu unseren Gunsten entschieden. Danach haben sie mich bedroht, in Beugehaft zu nehmen, wenn ich ihnen nicht die Namen der Informanten nennen würde, die uns mit ihrem Insiderwissen halfen, den Film zu drehen. Aber dann half mir die Öffentlichkeit. Die Presse und der Gouverneur unterstützen das Projekt. Dies machte meine Verhaftung durch die Polizei unmöglich.  

Während der Berlinale wird „Tropa de Elite“ im Wettbewerb um den Goldenen Bären antreten. In jüngster Zeit geben Regisseure und Schauspieler zunehmend kleineren Festivals den Vortritt. Warum stellen Sie ihren Film auf der Berlinale vor?

Ich schätze die Berliner Filmfestspiele sehr, obwohl ich noch nie in irgendeiner Form teilnahm. Der Grund ist einfach: Es ist sehr schwer, von den Veranstaltern eingeladen zu werden. Jeder will auf die Berlinale. Aufgrund des großen Andrangs wird ordentlich gesiebt. Ich fühle mich sehr geehrt, an der diesjährigen Berlinale teilnehmen zu dürfen. Die Berlinale ist das Mekka für Filmemacher. Sie ist ein einzigartiger Ort, an dem Menschen aus aller Welt und unabhängig ihres kulturellen Hintergrundes das Filmemachen hochleben lassen. Das ist ein sehr großer Unterschied zu den Academy Awards in Hollywood. Die Oscarverleihung ist eine überschätzte Veranstaltung. Im Prinzip geht es da eine Nacht nur um den wichtigsten US-amerikanischen Film.

Die Zeitungen berichten viel darüber, wie schnell und in welchem Umfang sich Ihr Film vor der eigentlichen Veröffentlichung in Brasilien verbreitet hat. Es kam zu einer regelrechten Bewegung. Machen Sie mit Ihrem Film „Tropa de Elite“ überhaupt Gewinn? Wie viel hat der Film bisher eingespielt? 

Unabhängig von der Piraterie war unser Film in den brasilianischen Kinos 2007 sehr erfolgreich. Die konkreten Zahlen weiß ich aber erst im April.  

John Malkovich sieht im Internet die Demokratisierung des Filmschaffens. Glauben Sie, dass das der Independent-Film im Internet eine Zukunft hat?

Das kann gut möglich sein. Aber das wird mit Sicherheit noch lange dauern. Das Filmemachen ist sehr teuer.


Das Gespräch führte Matthias Lehmphul