Der Tagesspiegel : Truppenübungsplätze: In der Heide wachsen Granaten aus der Erde

Claus-Dieter Steyer

Der laute Motor des Baggers weist die Richtung durch den Wald. Irgendwo dahinter müssen die Männer mit ihrem gefährlichen Job arbeiten. Zwischen den Bäumen der riesigen Tangersdorfer Heide bei Templin blitzen tatsächlich ab und zu rote Jacken hervor. Doch Respekt einflößende Schilder sowie rot-weiße und gelbe Plastikbänder im Unterholz zwingen unweigerlich zum Stopp. Es ist wohl doch ratsam, auf die mit einem Mitarbeiter der Firma vereinbarte Verabredung zu warten. Mit ihm geht es wenig später im Gänsemarsch in Richtung Bagger.

Der Weg sollte nicht verlassen werden, rät der Mann eindringlich. Munition jeden Kalibers und jeder Gefahrenklasse liege mehr oder weniger offensichtlich in der Erde. Deshalb sei der 3200 Hektar große ehemalige Truppenübungsplatz nach wie vor für die Öffentlichkeit gesperrt. Bis zum Sommer nächsten Jahres soll wenigstens ein 31 Kilometer langer Wanderweg geöffnet werden. Diesen räumt die Oranienburger Firma Sontec seit einigen Tagen von den massenhaften Hinterlassenschaften der russischen Armee, Zentimeter für Zentimeter.

Die Tangersdorfer Heide inmitten der Uckermark gehört zusammen mit den früheren Truppenübungsplätzen Wünsdorf und Jüterbog (südlich Berlins) sowie der hinter Spandau gelegenen Döberitzer Heide zu den größten weißen Flecken auf der Brandenburger Landkarte. Der letzte russische Soldat hatte Ostdeutschland zwar am 31. August 1994 verlassen, aber damals ahnte kaum jemand die Ausmaße der Belastung mit Munition, Ölen, Benzin und anderen Dingen. 120 000 Hektar Land nutzten die Truppen aus der früheren Sowjetunion offiziell. Werden die 110 000 Hektar großen Übungsplätze von NVA und Grenztruppen hinzugerechnet, gehörten rund zwölf Prozent des Territoriums den Militärs.

Heute sind immer noch Zehntausende Hektar tabu. Schilder warnen wegen der Gefahren im Boden vor einem Betreten. Deshalb sind die jetzt in der Tangersdorfer Heide und bei Wünsdorf gestarteten und in der Döberitzer Heide fortgesetzten Arbeiten der "Kampfmittelräumer" auch so langwierig und teuer. Die Ende November begonnene Freilegung von insgesamt 73 Kilometer langen Wanderwegen kostet 11,6 Millionen Mark, teilte die Brandenburgische Boden-Gesellschaft als Verwalter der Liegenschaften mit. Das Geld stammt vorwiegend aus Fonds der EU.

Eine vollständige Beräumung der Tangersdorfer Heide würde rund fünfzig Millionen Mark kosten, schätzten Experten. Das Geld ist nicht vorhanden, so dass jetzt erst einmal mit kleinen Schritten begonnen wurde. Die Männer suchen mit ihren Metalldetektoren einen sechs Meter breiten Weg ab, der rechts und links noch einen Sicherheitsstreifen erhält. Allenthalben piept das Gerät. "Nicht immer stoßen wir dabei auf Munition", sagt der Chef der Truppe, Winfried Fuchs. Viel Schrott liege in der Erde. "Es gibt kleine, große und riesengroße Stücke", erzählt er. Sogar Panzer seien in dem Gelände gefunden worden.

Diese steckten im Schlamm eines Sees inmitten der Heide fest. Eine Besatzung war bei einer Unterwasserfahrt stecken geblieben. Als sie ein zweiter Panzer herausziehen wollte, ereilte ihn das gleiche Missgeschick. Die Kommandeure der Einheit verbuchten die beiden Panzer offensichtlich als "normalen Verlust", denn bis zum endgültigen Truppenabzug 1994 kümmerte sich niemand um die beiden Schrottberge unter Wasser.

Mit viel Kleinerem, aber weitaus Gefährlicherem beschäftigen sich die Munitionsräumer. Winfried Fuchs führt zu einem Metallkasten am Wegesrand. "Darin liegt die Ausbeute eines Tages", erklärt er und holt Handgranaten, Teile einer Panzerfaust, Patronen, Leuchtraketen und andere Munition vorsichtig heraus. Die Munition wird entsorgt oder an Ort und Stelle gesprengt. Auf einer 500 Hektar großen Fläche, die 1995 und 1996 abgesucht wurde, fanden die Spezialfirmen rund 242 000 Kampfmittel aller Art. Darunter waren vier so genannte Stalin-Orgeln, vierzehn Raketen und fast fünfzigtausend Panzergranaten.

1948/49 hatten die sowjetischen Truppen den ehemaligen preußischen Staatsforst besetzt. Sägen, Sprengladungen und Planierraupen machten aus dem Kiefern- und Fichtenwald eine Heide mit spärlichem Bewuchs und einigen Dünen. Die Panzer und Granatwerfer brauchten schließlich freies Schussfeld. Aus dem ganzen Norden der ehemaligen DDR rückten Truppenteile zu Manövern an. Die Landschaft wurde buchstäblich umgepflügt.

Niemand weiß heute genau, wo die Munition in der Erde liegt. "Steine wachsen durch Regen und Wind bekanntermaßen aus der Erde", erklärt Winfried Fuchs. "Das gleiche trifft auf die Kampfmittel zu." Deshalb werde die Erde bis in eine Tiefe von drei bis vier Metern unter den künftigen Wanderwegen untersucht.

Erstaunt reagierten Biologen nach den ersten Erkundungen durch die Heide. Im Schatten der Militärs hatte sich eine in Mitteleuropa sehr seltene Flora und Fauna erhalten. Nachtschwalben, Heidelerchen, Lachmöwen und andere Arten tauchten in großer Zahl auf. Vor allem die Biber überraschten. Ungestört hatten sie den kleinen Fluss Milten angestaut, der bis heute einen 160 Hektar großen See bildet. Deshalb zögerten die Umweltschützer auch keinen Augenblick, die Tangersdorfer Heide in den Naturpark Uckermärkische Seen aufzunehmen.

Die Zukunft der Heide ist noch ungewiss. Nach Auskunft von Joachim Klinke, Geschäfstführer der Boden-Gesellschaft, zeigten Investoren aus Hamburg und Süddeutschland Interesse an einer Pacht von Teilflächen zur Jagd. Sie wollten sich auch an den Kosten für die Munitionsberäumung beteiligen. Andererseits bewirbt sich die Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF) um Einbeziehung der Heide in die 1999 gegründete Stiftung "Naturlandschaft Brandenburg".

Ungestört von solchen Debatten verrichten die Munitionssucher ihren Job, auch wenn sie jeden Tag nur einige Dutzend Meter vorankommen.

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