Tsunami : In Wellen

Ein Tsunami im Südpazifik fordert mehr als hundert Menschenleben. Erinnerungen an die Katastrophe vom Dezember 2004 werden wach. Warum kommt die Erde in dieser Region nicht zur Ruhe?

Ralf Nestler

Neun Meter. So hoch war nach Augenzeugenberichten die Flutwelle, die Dienstagabend unserer Zeit auf die Küsten der Samoa-Inseln schlug. Als die Welle Menschen, Autos und ganze Dörfer mit sich riss, hatte sie schon rund 200 Kilometer zurückgelegt. Sie entstand infolge eines Seebebens, das in etwa zehn Kilometer Tiefe unter dem Meeresboden des Westpazifiks seinen Ursprung hatte.

Wie kam es zu dieser Flutwelle?

Bei dem Beben der Stärke 8,2 wurde der Meeresboden um etwa einen Meter ruckartig nach oben versetzt, schätzt Rainer Kind vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ), nach einer ersten Analyse der seismischen Daten. Daraufhin wurde die darüberliegende Wassersäule angehoben und eine wenige Zentimeter hohe Welle ausgelöst. Mit mehreren Hundert Kilometern pro Stunde jagte die kleine Welle über den tiefen Ozean. Wenn das Meer flacher wird, etwa an Küsten, bekommt das Wasser ein Platzproblem. Ein Tsunami türmt sich auf.

Wurden die Bewohner gewarnt?

„Für den Südpazifik gibt es kein eigenständiges Warnsystem“, sagt der GFZ-Wissenschaftler Kind. Das übernimmt das „Pacific Tsunami Warning Center“ der US-Meeresbehörde NOAA, das eigentlich für den Nordpazifik zuständig ist. Demzufolge ist das Netzwerk der Messgeräte sehr grob. In diesem Falle genügte es aber, um die Bevölkerung etwa eine Viertelstunde vor dem Eintreffen der Flutwelle zu warnen. Die NOAA setzt auf Seismografen, die Erdbebenwellen erfassen. Weil aber nicht jede Erschütterung zu einem Tsunami führt, müssen auch die potenziellen Flutwellen nachgewiesen werden. Sonst würde es oft Fehlalarm geben und keiner würde den Behörden mehr glauben. Die Wellen werden von Pegelstationen und speziellen Bojen erfasst, die im gesamten Pazifik verteilt sind. Vor dem schweren Tsunami im Dezember 2004 habe die NOAA vier oder fünf solcher Bojen gehabt, berichtet Kind. Heute seien es zehnmal so viele. Aus seiner Sicht sollten es noch mehr sein. „Bei einem drohenden Tsunami geht es um jede Minute“, betont er. Gerade in einer so gefährdeten Region wie dem Südpazifik sollten weitere Sensoren aufgestellt und mit einem fähigen Computersystem vernetzt werden.

Welche Regionen sind besonders bedroht?

Prinzipiell sind das alle Gebiete, die in Erdbebenzonen und am Wasser liegen. „Die Gegend um Samoa gehört zu den seismisch aktivsten Regionen der Erde“, sagt Kind. Dort taucht die Australische Platte unter die Pazifische Platte ab. Immer wieder stockt die Bewegung, es baut sich eine Spannung auf, die sich urplötzlich in heftigen Erschütterungen entlädt. Weil die Geschwindigkeit der beiden Erdplatten mit je zehn Zentimeter pro Jahr ausgesprochen hoch ist, kann sich umso mehr Spannung aufbauen – und entladen. Doch nicht nur der Pazifik und die Küsten des Indischen Ozeans sind von Tsunamis bedroht. Auch im Mittelmeer sind solche Flutwellen denkbar, weil darunter die Plattengrenze zwischen Afrika und Europa verläuft. Besonders gefährdet ist Griechenland. „Im Mittelmeer sind die Entfernungen sehr gering, dort ist ein zuverlässiges Frühwarnsystem umso wichtiger“, sagt Kind. Doch bislang gibt es noch keines. „Es wird schon länger darüber diskutiert und geplant, doch es ist nicht einfach, die vielen Länder unter einen Hut zu bekommen.“

Knapp 17 Stunden nach dem Beben vor Samoa wackelte der Meeresgrund vor Indonesien. Gibt es einen Zusammenhang?

Gestern Mittag gab es auch vor Indonesien Erdstöße, die eine Stärke von bis zu 7,6 erreichten. „Ich glaube nicht, dass die beiden Beben miteinander zu tun haben“, sagt Toni Kraft, Seismologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. „Beide traten in Regionen auf, die seismisch sehr aktiv sind, das ist Zufall.“ Man habe schon häufiger beobachtet, dass Erdbebenwellen in mehreren tausend Kilometern Entfernung weitere Erdstöße auslösen können, berichtet er. „Aber dafür müssen viele Voraussetzungen erfüllt sein; ob das hier auch so ist, wissen wir noch nicht.“ Zudem seien die „ferngezündeten“ Erdstöße meist weitaus schwächer als die vor Indonesien.

Haben die Erschütterungen etwas mit dem 2004er-Beben von Sumatra zu tun?

Einen wesentlichen Anteil an den jüngsten Erdstößen könnte das schwere Seebeben haben, das im Dezember 2004 eine Flutwelle auslöste, die in Südostasien eine Viertelmillion Menschen in den Tod riss. Nach Ansicht eines US-Forscherteams um Taka''ai Taira habe das heftige Beben der Stärke 9,3 weltweit die Grenzen von Erdplatten geschwächt, sodass seitdem das Risiko für schwere Erdstöße zugenommen habe, schreiben sie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature“ (Band 461, Seite 636).

Taira und seine Kollegen stützen sich auf Beobachtungen an der San-Andreas-Störung in Kalifornien, der am besten überwachten Plattengrenze der Welt. Sie analysierten die Erdbebenwellen, die dort zwischen 1987 und 2008 aufgezeichnet wurden. Obwohl die Erschütterungen in dieser Gesteinsspalte fast immer von den gleichen Erdbebenherden ausgehen, zeigten die damit verbundenen Wellen unterschiedliche Muster. Die Wissenschaftler vermuten, dass bestimmte Zonen der Störung Wasser enthalten und sich diese Feuchtigkeitslinsen im Lauf der Zeit verschieben. „Die Bewegung des Wassers wirkt wie ein Schmiermittel“, erläutern die Autoren der Studie. Dadurch werde der Zusammenhalt der Gesteine geschwächt und die Gefahr des plötzlichen Aufreißens erhöhe sich. Dieser Mechanismus hat nach Ansicht der Forscher zu mehreren Erdstößen der Stärke vier geführt.

Auch nach dem schweren Beben vor Sumatra im Dezember 2004 änderten sich dort abermals die Muster der Erdbebenwellen, was nach Meinung der Wissenschaftler auf eine Schwächung hindeutet. Da Kalifornien gut 8000 Kilometer von der Bruchstelle im Indischen Ozean entfernt ist und dennoch von den seismischen Wellen beeinflusst wurde, könne man annehmen, dass weltweit auch andere Plattengrenzen geschwächt wurden. Die Folge: Die Störungen wurden näher an ihren Kollaps gebracht, die Zahl schwerer Erdbeben könnte zunehmen. Tatsächlich gibt es weltweit von 2005 bis 2007 sieben Beben mit einer Stärke von mindestens 8,0. Zuvor zeichneten die Seismologen ein, höchstens zwei dieser Starkbeben pro Jahr auf. „Das kann ebenso gut Zufall sein“, kommentiert der GFZ-Forscher Kind. Die Datenlage sei zu gering, um solche Interpretationen zu wagen. „Interessant ist die Theorie aber schon, das sollte man verfolgen.“

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