Türkei : Hohe Beteiligung an Parlamentswahl

In der Türkei stimmen die Bürger heute über die Zukunft ihres Landes ab. Als Favorit gilt die konservativ-islamische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

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Parlamentswahl in der Türkei. -Foto: dpa

AnkaraIn der Türkei stimmen die Bürger heute über die Zukunft ihres Landes ab. Bei der vorgezogenen Parlamentswahl zeichnet sich eine hohe Beteiligung ab. Als Favorit des Urnengangs gilt die konservativ-islamische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Die auf Platz zwei gesetzte oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP) wirft Erdogan vor, das Land zu islamisieren. Sie tritt für eine strikte Trennung von Staat und Religion ein. Erste Hochrechnungen werden vier Stunden nach Schließung der letzten Wahllokale gegen 20 Uhr MESZ erwartet.

In der Hauptstadt Ankara bildeten sich Wählerschlangen noch vor Öffnung der Wahllokale. Viele wollten vor der Mittagshitze ihre Stimme abgeben. Medienberichten zufolge unterbrachen mehr als ein Viertel der etwa 42,5 Millionen Wahlberechtigten eigens ihren Sommerurlaub, um an ihrem Wohnort wählen zu gehen. "Einige Dinge müssen sich ändern in der Türkei. Der stetige Rückschritt muss gestoppt werden. Deshalb sind wir heute hier zum Wählen", sagte ein 50-jähriger Türke bei der Stimmabgabe in Ankara. Flugzeuge und Züge waren seit Wochen ausgebucht. Auf der Autobahn zwischen den beiden Metropolen Istanbul und Ankara stauten sich seit Samstagabend die Autos.

Starkes Wirtschaftswachstum

Einige Medien rechneten mit einer Wahlbeteiligung von mehr als 90 Prozent. In der Türkei herrscht Wahlpflicht. Der AKP wurde in fast allen Umfragen ein höheres Wahlergebnis als 2002 zugetraut, als sie 34 Prozent der Stimmen erreichte. Die Partei des Ministerpräsidenten hatte im Wahlkampf vor allem mit einer eindrucksvollen ökonomischen Bilanz geworben. Erdogan ist der Repräsentant einer neuen Mittelschicht, die muslimische Frömmigkeit und den Willen zum wirtschaftlichen Aufstieg miteinander verbindet. In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete die Türkei ein starkes Wirtschaftswachstum.

Auf Platz zwei mit über 20 Prozent sahen die Umfragen die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP), die sich als Hüterin der von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk verfügten Trennung von Religion und Staat versteht. Die Neuwahlen waren angesetzt worden, nachdem Regierungschef Erdogan im Mai mit seinem Kandidaten, Außenminister Abdullah Gül, bei der Staatspräsidentenwahl im Parlament gescheitert war. Zuvor hatten hunderttausende Menschen gegen die AKP-Regierung und eine schleichende Islamisierung des Landes demonstriert.

Erdogan droht mit Rücktritt

Auch die rechtsnationale Partei der nationalistischen Aktion (MHP) konnte jüngsten Umfragen zufolge damit rechnen, mit zwölf bis 14 Prozent den Sprung über die Zehn-Prozent-Hürde ins Parlament zu schaffen. Zudem wurde erwartet, dass etwa 30 unabhängige Kandidaten ins Parlament einziehen, von denen die meisten aus den Kurdengebieten kommen. Erdogan hat für den Fall, dass seine Partei ihre derzeitige Mehrheit von 352 der 550 Mandate im Parlament einbüßt, seinen Rückzug aus der Politik angekündigt.

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete einen von Zwischenfällen weitgehend freien Wahlverlauf. Bei Zusammenstößen zwischen Anhängern unterschiedlicher Parteien im Süden und Südosten des Landes gab es demnach acht Verletzte. Unter anderem gingen in der kurdischen Provinz Diyarbakir mehrere Männer mit Messern und Stöcken aufeinander los. In der Provinz Antalya kam es zu Auseinandersetzungen, als Vertreter der ultranationalistischen MHP Anhängern der Regierungspartei vorwarfen, noch am Samstagnachmittag verbotene Wahlwerbung betrieben zu haben. (mit AFP)