TURNERS Thesen : Bildung braucht Moral

Egoismus ist bereits in der Schule zum Zentralprinzip erhoben worden. Es ist aber zu billig, „die 68er“ dafür verantwortlich zu machen.

Gesine Schwan betont zu Recht, dass das Vorführen von Sündenböcken nur den Blick bei der Ursachenforschung für die aktuelle Finanzkrise verstellt. Die Gründe lägen sehr viel tiefer als bisher öffentlich diskutiert, es handle sich nicht um eine Finanzkrise, sondern eine Kulturkrise, die alle Gesellschaftsbereiche durchdrungen habe, erkennbar in einer entfesselten Konkurrenz und strukturellen Verantwortungslosigkeit.

Folgen kann man ihr auch darin, dass bereits in der Schule statt des Miteinanders unterschiedlicher Talente Egoismus zum Zentralprinzip erklärt worden ist. Über die Ursachen schweigt die Kandidatin, obwohl sie vermutlich etwas zu sagen hätte, nämlich als Professorin.

Es ist zu billig, wie es oft geschieht, „die 68er“ für alles verantwortlich zu machen. Eher sind die in die Pflicht zu nehmen, die Regelverletzungen hingenommen oder sie sogar provoziert haben, etwa Politiker. Ist nicht ferner die Aufforderung, „mehr Demokratie zu wagen“ auch als ein Startschuss zum „Marsch durch die Institutionen“ mit dem Ziel der Systemveränderung missverstanden worden? Ist nicht etwa der Geschichtsunterricht zum Teil dahin pervertiert worden, dass das Thema fast ausschließlich der Kampf der Arbeiterklasse war? Ist nicht die Beschäftigung mit Literatur als Lebenshilfe oft auf Brecht beschränkt worden? Haben nicht Interessenvertreter die spärlichen Ansätze eines Rechtskundeunterrichts dahin kanalisiert, dass er vor allem die Betroffenen in die Lage versetzen sollte, ihre Belange durchzusetzen? Ist nicht für viele Lebensziel nur „Spaß zu haben“?

Die große Bildungsreform vollzog sich in erster Linie in einem enormen Ausbau von Schulen und Hochschulen. Bei der Fixierung auf die für die Begünstigten sich ergebenden Vorteile hat man das vernachlässigt, was man den geistigen Hintergrund, die moralischen Stützen, die ethischen Korsettstangen nennen kann. An den Universitäten wurde konsequent jeder Erziehungsauftrag geleugnet. Das hat die allein an Profitmaximierung orientierten Absolventen in Studiengängen der Wirtschaftswissenschaften produziert. Jetzt herrscht Entsetzen darüber, dass traditionelle Maßstäbe und Orientierungen verloren gegangen sind. Wer sich wundert, dass die Saat längst aufgegangen ist, hat zu lange die Augen verschlossen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schreiben: g.turner@tagesspiegel.de

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