U 21 : Glänzende Zukunft für den deutschen Fußball?

Die deutschen U-21-Fußballer sind Europameister geworden – wie vor ihnen schon die U 17 und die U 19. Steht dem deutschen Fußball nun eine glänzende Zukunft bevor?

Stefan Hermanns

Mangels interessanter Neuigkeiten aus dem eigenen Ressort wird Lucien Favre, der Trainer von Hertha BSC, in diesen Tagen gerne mal zum großen Fußball vernommen. Am Montag nutzte er den Abschluss des Confed-Cups zu einer Generalkritik am internationalen Fußball: Es gebe keine überragenden Nationalmannschaften mehr, nicht einmal Europameister Spanien, der eine allenfalls durchschnittliche Abwehr habe. Am Dienstag dann geriet Favre regelrecht ins Schwärmen: über die deutsche U 21, die am Abend zuvor durch ein 4:0 gegen England zum ersten Mal Europameister geworden war. Eine starke Mannschaft sei das, sehr gut organisiert, mit viel Disziplin, stark im Mittelfeld und in der Abwehr. „Alle Spieler haben alles richtig gemacht“, sagte Favre.

Selbst die Schweizer schwärmen jetzt also schon vom deutschen Fußball-Nachwuchs. Und das völlig zu Recht. Die Mannschaften des Deutschen Fußball- Bundes (DFB) haben etwas geschafft, was keinem Land zuvor gelungen ist. Innerhalb eines Jahres haben sie bei allen Junioren-Europameisterschaften den Titel geholt: Nach der U 19 im vorigen Sommer und der U 17 vor knapp zwei Monaten hat die U 21, der älteste Jahrgang, nun das historische Triple perfekt gemacht. „Wir gehen guten Zeiten entgegen“, sagt Horst Hrubesch, der die U 21 als Interimstrainer zum Titel geführt hat und im September die U 20 bei der Weltmeisterschaft in Ägypten betreuen wird.

Das ist eine fast noch zurückhaltende Einschätzung. Wenn nun dauerhaft starke Talente aufrücken, steht dem deutschen Fußball, dem WM-Dritten von 2006 und Vizeeuropameister von 2008, dann nicht eine goldene Ära bevor? Reinhard Rauball, der Präsident der Deutschen Fußball-Liga, hat in diesem Zusammenhang an die Spanier erinnert, die vor einem Jahr sehr überzeugend bei den Männern Europameister geworden sind: „Wenn man weiß, dass vor Jahren die Spanier nahezu sämtliche Jugendjahrgänge europaweit dominiert haben, muss einem um die Zukunft des Profifußballs in Deutschland nicht bange sein.“

Erfolge im Nachwuchs gleich Erfolge bei den Männern – so einfach ist die Rechnung allerdings nicht, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Eine ähnlich erfolgreiche Zeit hat es für die deutschen Junioren schon einmal Anfang der achtziger Jahre gegeben, als Dietrich Weise mit der U 18 zunächst die Europameisterschaft gewann und die U 20 ein Jahr später zum WM-Titel führte. 1990, als die A-Nationalmannschaft zum dritten Mal Weltmeister wurde, waren diese Spieler mit Ende 20 im besten Fußballeralter. Doch von denen, die 1981 im U-20-Finale gegen Katar auf dem Platz gestanden hatten, gehörte 1990 in Italien kein einziger zum WM-Kader. Nur Michael Zorc und Roland Wohlfahrt wurden überhaupt A-Nationalspieler, gemeinsam brachten sie es auf neun Länderspiele.

Die Europameister von Malmö sind da längst weiter. In Hrubeschs U-21-Kader wird etlichen Spielern eine glänzende Karriere vorhergesagt. Neuer, Beck, Castro, Özil und Marin sind bereits A-Nationalspieler, Khedira, Höwedes oder Boateng könnten es bald werden. „Sicherlich können einige auf den Zug aufspringen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw, vielleicht schaffen sie es sogar zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Doch fast noch wichtiger als das Schicksal Einzelner ist das Gesamtbild. „Das gibt dem gesamten Fußball Auftrieb“, sagt Löw. „Dieses Selbstbewusstsein wird uns für die nächsten Jahre helfen.“

Vor allem aber dienen die Titel der U-Mannschaften dem DFB zur Selbstvergewisserung. Mit seinem Nachwuchsprogramm, das den Verband rund zehn Millionen Euro im Jahr kostet, kann er so falsch nicht liegen. Die Deutschen haben die fußballerische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen nicht neu erfunden, aber sie haben zumindest den Anschluss an den internationalen Standard wiederhergestellt. Viel zu lange hat der DFB, der größte Einzelsportverband der Welt, in Selbstgefälligkeit verharrt, geblendet von den Erfolgen der Nationalmannschaft, die sich qua Größe fast von alleine einstellten. Erst das miserable Abschneiden bei der Europameisterschaft 2000 hat den Verband zum Umdenken gezwungen. Die Deutschen waren einfach nicht mehr konkurrenzfähig.

„Das Ausland hat es uns vorgemacht“, sagt Hrubesch. „Vor zehn Jahren ist der DFB wirklich konstruktiv an die Geschichte herangegangen.“ In knapp 400 Stützpunkten werden über das gesamte Bundesgebiet verteilt etwa 16 000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren gefördert. Die Profiklubs mussten Nachwuchsleistungszentren einrichten, es gibt Eliteschulen des Fußballs und dank Sportdirektor Matthias Sammer „ein klares Bekenntnis zur Elite“. Jedes Talent solle wissen, „dass es in unserem System optimal gefördert wird“, sagt er.

In anderen Ländern, in der Schweiz, in Frankreich oder Holland, ist das längst Standard. Doch die Deutschen haben die Lücke, die sie durch Untätigkeit selbst haben entstehen lassen, jetzt wieder geschlossen. Das heißt nicht, dass sie nun auf Jahre hin unschlagbar sein werden; aber es wird vermutlich auf Jahre hin viel schwerer, die Deutschen zu schlagen.

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