Der Tagesspiegel : Über die Liebe der Deutschen zu den Polen Brandenburgs Generalstaatsanwalt

Erardo Rautenberg über die Beziehungen der beiden Völker

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Nein, Sie haben sich nicht verlesen – und die Rede von der Liebe der Deutschen zu den Polen scheint sich in der Tat so gar nicht mit der Forderung vertriebener Deutscher nach einem Zentrum gegen Vertreibung in Berlin und dem dadurch verursachten deutschpolnischen Stimmungstief zu vertragen. Hinzu kommt, dass der Beitritt Polens zur EU in Deutschland und insbesondere im Grenzland Brandenburg auch Ängste auslöst. Gerade in dieser Situation scheint mir besonders wichtig zu sein, an die Zeiten einer emotional engen Beziehung zwischen Deutschen und Polen zu erinnern, die es tatsächlich schon einmal gegeben hat.

Wir schreiben das Jahr 1831: Im russisch besetzten Teil Polens ist im November ein Aufstand gegen die russische Fremdherrschaft blutig niedergeschlagen worden. Mehr als 9000 polnische Soldaten durchqueren Deutschland in Richtung Belgien, Frankreich, der Schweiz und Großbritannien. Eine Welle der Sympathie schlägt den polnischen Freiheitskämpfern entgegen; auch in Deutschland, wo zahlreiche „Polenvereine“ gegründet und alsbald „Polenlieder“ ungemein populär werden. Ihren Höhepunkt erreicht die deutsche Polenbegeisterung mit dem großen Fest der deutschen Patrioten im Mai 1832 auf dem Hambacher Schloss, wo einer der Redner ausruft: „Denn ohne Polens Freiheit keine deutsche Freiheit. Ohne Polens Freiheit kein dauernder Friede, kein Heil für alle anderen europäischen Völker!“ Diese Zeit einer engen deutsch-polnischen Verbundenheit reicht bis zur bürgerlichen Revolution von 1848/49: Als 1846 in der damaligen Provinz Posen ein Aufstand gegen die preußische Besatzungsmacht niedergeschlagen wird und Aufständische in Berlin zum Tode oder zu hohen Haftstrafen verurteilt werden, löst dies unter den Berlinern „wahres Entsetzen“ aus, wie es in der Vossischen Zeitung heißt, „hatten doch die Unglücklichen nur die Freiheit ihres zerstückelten Vaterlandes gewollt!“ Am 20. März 1848 fordern Tausende Menschen auf dem Schlossplatz in Berlin lautstark die Freilassung der gefangen gehaltenen Polen, mit Erfolg.

Während der Hochblüte des so genannten Europäischen Völkerfrühlings, der stark vom revolutionären Frankreich geprägt wurde, ist die Vorstellung verbreitet, dass die Zwietracht zwischen den Völkern durch die Fürsten verursacht wird und sich die von deren Herrschaft befreiten Nationen vertragen werden. So erhoffen sich die Polen von einem vereinigten und freien Deutschland Unterstützung bei der Vereinigung ihres geteilten Vaterlandes. Doch der Versuch der Deutschen, einen demokratischen Nationalstaat zu gründen, scheitert am 23. Juli 1849 mit der Kapitulation der Festung Rastatt. Die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen nehmen in der Folgezeit die hinreichend bekannte negative Entwicklung, weil die Deutschen nun das Ziel ihrer eigenen nationalen Einheit ohne Rücksicht auf den ebenso berechtigten polnischen Wunsch nach einem Nationalstaat verfolgten. Das war, um Talleyrand zu zitieren, „mehr als ein Verbrechen, das war ein Fehler!“

Aber es waren wieder die Polen, die in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erneut als Vorkämpfer für das „konföderierte Europa“ initiativ wurden, indem sie das Ende der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa und damit die Überwindung der Teilung Europas einleiteten. Auch sollten wir Deutsche nicht vergessen, dass es ohne die Zustimmung Polens wohl 1990 nicht zur Wiedervereinigung Deutschlands gekommen wäre. Wenn also Polen nun der Europäischen Union beitritt, dann nicht etwa als ein endlich erhörter Bittsteller, sondern als ein Land, das sich größte Verdienste um die europäische Einigung erworben hat.

Dem Museum für Europäische Kulturen in Berlin ist zu danken, dass es mit vielfältiger Unterstützung eine Wanderausstellung unter dem Titel „Frühling im Herbst. Vom polnischen November zum deutschen Mai. Das Europa der Nationen 1830 – 1832“ realisiert hat, welche die angesprochene Thematik aufgreift. Nach Stationen in verschiedenen polnischen Städten wird diese Ausstellung nun am 3. Oktober 2003 im Dom zu Brandenburg an der Havel erstmals in Deutschland eröffnet. Weitere Ausstellungsorte sollen Eisenhüttenstadt, Schwedt, Dresden, Frankfurt (Oder), Berlin und Rastatt sein. Doch ist es bisher nicht gelungen, in Berlin einen adäquaten Ausstellungsort zu finden. Um die Liebe zwischen Deutschen und Polen ist es zurzeit in der Tat nicht gut bestellt.

Die Ausstellung „Frühling im Herbst. Vom polnischen November zum deutschen Mai. Das Europa der Nationen 1830 – 1832“ wird am 3. Oktober um 11 Uhr im Rahmen einer Feier zum Tag der Deutschen Einheit im Dom zu Brandenburg/Havel eröffnet. Sie wird bis zum 19. Oktober zu sehen sein: Mo-Fr von 10-16 Uhr, Sa 10-17 und So 11-17 Uhr. Foto: Imago

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