Ulrich Müther : Bauen wie das Meer

Seine Häuser heißen Teepott, Seerose oder Ahornblatt. Sie besitzen außergewöhnlichen Reiz. Was im Schalenbeton-Verfahren zu fertigen war, verfeinerte Ulrich Müther zu Objekten der Baukunst. Zum Tod des DDR-Architekten.

Michael Zajonz
Ulrich Müther
Sanfte Landung: Die Rettungsstation in Binz auf Rügen erinnert an ein Ufo. -Foto: Ullstein

Wer an der Binzer Strandpromenade die lange Reihe laubgesägter Villen im Stil historischer Bäderarchitektur entlangspaziert, traut seinen Augen nicht. Hinter Strandkörben und Räucherfischbuden taucht plötzlich ein leuchtendweißes Etwas auf, für das die Metapher vom gelandeten Ufo einmal nicht abgedroschen klingt. Seine vier Fensterfronten in der länglich gerundeten Form alter Fernsehbildschirme blicken unschuldig wie Kinderaugen auf den Ostseestrand. Außerirdisch spreizt und spannt sich der Körper des Pavillons, der aus einer stängelförmigen Mittelstütze herauswächst.

Ulrich Müther entwarf und baute 1968 das luftige Gebilde als Rettungsstation für den Binzer Ostseestrand. Als er nach der Wende leer stand und zu verkommen drohte, ließ ihn der ostdeutsche Ausnahme-Architekt und Bauingenieur 2004 kurzerhand auf eigene Kosten restaurieren. Müther, das war im betongrauen Einheitslook realsozialistischer Bauproduktion und ebenso in der gesamtdeutschen Architekturszene nach 1990 ein ziemlich exotischer Vogel – auch wenn er sich selbst lieber in der bescheidenen Rolle des „Landbaumeisters aus Rügen“ sah.

Weder Kanthölzer noch Bretter wurden zum bevorzugten Spielmaterial des gelernten Zimmermanns, sondern doppelt gekrümmte Schalentragwerke. Aus ihnen hat der Baukünstler aus der nordostdeutschen Provinz seit Anfang der sechziger Jahre Bauwerke aus Beton entwickelt. Sie stehen in Rügen und Thüringen, aber auch in Helsinki, Kuwait oder Wolfsburg. Einen Meister des Schalenbetons hat man Müther genannt. Seine kühnen Kurven – das waren devisenbringende DDR-Exportartikel. Die Kuppel des Zeiss-Planetariums in Wolfsburg entwarf Müther 1981-83 – im Gegenzug für die Lieferung von 10 000 VW Golf in die DDR.

Auch in seiner Karriere hat der 1934 geborene Binzer nicht immer den geradlinigen Weg wählen können. Als 24-jähriger übernahm der Absolvent der Neustrelitzer Ingenieurschule die väterliche Baufirma (die er auch nach der Verstaatlichung weiter geleitet hat). Nebenbei studierte er an der Technischen Universität Dresden Architektur. Als Diplomarbeit entwickelte Müther 1963 eine gekrümmte Terrassenüberdachung aus Beton für ein FDGB-Ferienheim.

Müther erfand ein Verfahren, um gekrümmte Metallmatten mit Spritzbeton zu ummanteln. Gebogene und runde Flächen hatten den passionierten Küstenbewohner und Segler schon immer fasziniert: Bereits als Kind bestaunte er die Festigkeit von Muschelschalen. Als Architekt ließ er sie in den Himmel wachsen. Schalenkonstruktionen à la Müther waren zeitaufwendig und materialsparend – ideal für die angespannte Bauökonomie der DDR.

Nach der Wiedervereinigung und Reprivatisierung baut Müthers Firma noch ein Jahrzehnt bis zum Konkurs. Doch parallel zum wirtschaftlichen Aus steigt der Binzer Baumeister zur Kultfigur auf: Seine eleganten, an maritimen Mustern orientierten Werke werden durch eine junge Architektengeneration neu entdeckt. Der zurückhaltende Mecklenburger, der nun auf Tagungen und Kongressen sprechen darf, will nicht recht dazu passen.

Beigetragen zum späten gesamtdeutschen Ruhm des Ulrich Müther hat leider ein spektakulärer Abriss: Am Berliner Spittelmarkt fällt im Sommer 2000 das „Ahornblatt“, die einstige Kantine des DDR-Bauministeriums und spätere Großgaststätte, der Blockkantenmentalität der Ära Stimmann zum Opfer. Und das, obwohl in den von Bürgerinitiativen eilig organisierten Diskussionen selbst die Verantwortlichen den drohenden Verlust des herausragenden Baudenkmals der Ost- Moderne bedauert haben.

Müthers Kreationen sind bedrohte Exoten geblieben. In Potsdam verfällt das Restaurant „Seerose“. Den Warnemünder „Teepott“ verschandeln nach der Sanierung bunte Reklametafeln. Die ätherische Baukunst Müthers ist vielleicht ein wenig zu ideal für diese Welt. Ihr sympathisch-handfester Schöpfer ist am Dienstag im Alter von 73 Jahren gestorben.