Der Tagesspiegel : Ulrike Brandt: Die zweite Hoffnung

Claus-Dieter Steyer

Überall stehen die Leute zusammen und reden. Darüber, wie es Ulrikes Eltern wohl gehen mag, und dass die schreckliche Gewissheit vielleicht besser ist als der Zweifel und die schwindende Hoffnung. Ein Mädchen aus ihrer Stadt ist umgebracht worden, und die Eberswalder mögen an nichts anderes denken.

"Mir läuft bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken", sagt eine Frau vor dem Einkaufszentrum im Ortsteil Finow. "Es ist unfassbar, wozu Menschen in der Lage sind." Andere berichten, dass sie den Tod des Mädchens längst geahnt hätten. "Die Suche hat einfach zu lange gedauert", sagt ein Mann. "Spätestens nach der ersten Woche schwanden doch die Hoffnungen." Und alle schütteln mit dem Kopf, als ein anderer sagt: "So schlimm die Todesnachricht auch ist, jetzt haben die Eltern Gewissheit."

Erschüttert sind die Schüler und Lehrer in der Grundschule Finow. Hier hatte Ulrike die Klasse 6 d besucht. Normaler Unterricht, so berichtet ein Lehrer, sei nicht möglich. Jeder Klassenleiter spreche mit seinen Schülern über den Fall und versuche, mit ihnen zu trauern. Doch viele Plätze in den Klassenzimmern bleiben leer. Den Eltern ist es freigestellt, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken oder sie daheim lassen. Die Schüler sollten Zeit haben, so sagt es der Direktor, jenseits des Schulalltages zu trauern. Ulrikes Mitschüler erzählen, sie sei ein aufgewecktes, zuverlässiges und fröhliches Mädchen gewesen. Ein während einer Schulveranstaltung gemachtes Bild zeigt sie in einer lustigen Pose. Den Fotografen grüßt sie mit zwei zum V-Buchstaben gespreizten Fingern.

Vor allem jüngere Kinder werden wie auch an den vergangenen Tagen von ihren Eltern oder Großeltern zur Schule gebracht und wieder abgeholt. "So lange der Täter noch nicht gefasst ist, kann hier alles passieren", sagt ein Opa, der seine siebenjährige Enkelin fest an der Hand führt.

Eberswaldes Bürgermeister Reinhard Schulz sprach den Eltern im Namen der Stadt sein tiefes Mitgefühl aus. Alle im Ort seien von der Nachricht des Todes von Ulrike sehr betroffen. Schulz erneuerte sein Angebot, die Eltern des Mädchens bei allen Problemen, die auf sie zukommen werden, zu unterstützen. Es sei bereits ein Hilfskonto eingerichtet worden. Auch der Pfarrer von Finow bot seine Unterstützung an.

Nur zögerlich normalisiert sich das Leben im Ortsteil Finow, wo Ulrike zu Hause war. Genauer gesagt: Was am stärksten auffällt, ist die Normalität. Die Abwesenheit der Polizeiwagen ist spürbar. Zwei Wochen lang hatten sie das Bild der Stadt geprägt. Jedes Blaulicht, jedes Martinshorn verbreitete die Hoffnung, Ulrike sei lebend gefunden worden. Überall hängt noch das alte, gesichtslose Phantombild des gesuchten jungen Mannes im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Wie eine Mahnung haben auch viele Geschäfte in der Kreisstadt des Landkreises Barnim die weißen Plakate mit den Fotos weiter ausgehängt. "Der stammt bestimmt aus unserer Gegend", heißt es immer wieder auf den Straßen von Eberswalde.

Ulrike ist tot. Eine Hoffnung hat sich zerschlagen. Eine neue ist an ihre Stelle getreten. Sie gilt der schnellen Ergreifung des Mörders.

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