Umfrage : Eltern sehen Schulreformen kritisch

Die Schulpolitik erhält von den Deutschen schlechte Noten. Selbst Länder, die voller Stolz auf das gute Abschneiden bei internationalen Leistungstests wie Pisa oder Iglu verweisen, werden nicht besser als mit einer Drei minus bewertet. Das ergibt eine neue Umfrage.

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Bayern führt mit einer 3,3, Schleswig-Holstein rangiert mit einer 4,2 am Ende – und Berlin kommt mit einer 3,9 auf den vorletzten Platz. Das hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach im Auftrag der Vodafone-Stiftung und des Philologenverbandes ergeben, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Befragt wurden 2262 Bundesbürger in allen 16 Ländern.

Ganz oben steht die Kritik an zu großen Klassen. Diese Tatsache beklagen 69 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder, die in der Umfrage gesondert ausgewiesen werden. Häufigen Unterrichtsausfall kritisieren 64 Prozent der Eltern. Ausländische Schüler mit Sprachproblemen sollten zum Besuch zusätzlicher Deutschkurse verpflichtet werden, sagen 47 Prozent aller Befragten. Als Folge der zu großen Klassen kritisieren wiederum die Eltern, dass im Unterricht zu wenig auf den einzelnen Schüler eingegangen wird.

Vernichtend fällt die Kritik an den Schulreformen aus. In den alten Ländern halten nur sieben Prozent die Verkürzung der Gymnasialzeit von 13 auf 12 Jahre für gelungen. Insgesamt 71 Prozent sprechen sich für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium beziehungsweise für ein paralleles Angebot neun- und achtjähriger Gymnasialzüge aus. Bundesweit wird die Reform unter dem Stichwort „G 8“ nach wie vor von 39 Prozent der Eltern abgelehnt. In Ostdeutschland, wo man längere Erfahrung mit dem kürzeren Weg zum Abitur hat, findet die Reform größere Zustimmung.

Den Schulpolitikern ist es bisher ebenfalls noch nicht gelungen, die Mehrheit der Bevölkerung von den Vorteilen einer Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu überzeugen. Offensichtlich sehen sich viele Eltern zu einem Urteil noch nicht in der Lage. 48 Prozent erwarten von dieser Reform keine besseren Bildungschancen für Hauptschüler. Andererseits rechnen 47 Prozent der Befragten nicht mit negativen Auswirkungen auf die Realschüler.

Die Eltern zeigen sich auch selbstkritisch – wenn es um die Freizeitgestaltung ihrer Kinder gibt. 70 Prozent sagen, sie konsumierten zu viel Fernsehen und beschäftigten sich zu intensiv mit Computerspielen. 52 Prozent beklagen, dass die Schüler am Nachmittag zu wenig für die Schule machten.

Diese negativen Einzelurteile münden in eine breite Kritik an der Föderalismusreform. Früher hatte der Bund noch die Möglichkeit, an der Bildungsplanung mitzuwirken und etwa mit vier Milliarden Euro ein Ganztagsschulprogramm zu finanzieren. Durch die Föderalismusreform sind dem Bund diese Möglichkeiten genommen worden. Er darf nur noch gemeinsam mit den Ländern Schulleistungstests wie Pisa beschließen und am Bildungsbericht mitwirken. Diese Reform hat die Bevölkerung nicht überzeugt: 61 Prozent der Befragten fordern, dem Bund die Zuständigkeit für die Schul- und Bildungspolitik zu übergeben. Bei den Eltern sind es sogar 64 Prozent. Die Alleinzuständigkeit der Länder wird nur von 21 beziehungsweise 24 Prozent für richtig gehalten.

Das Urteil über die Lehrer fällt bei den Eltern besser aus als in der sonstigen Bevölkerung. Lehrer können sich nicht durchsetzen, sagen 43 Prozent, aber nur 20 Prozent der Eltern. Lehrer haben viel Freizeit, meinen 35 Prozent der Bevölkerung gegenüber 15 Prozent der Eltern. 53 Prozent der Eltern loben das Bemühen der Lehrer um gerechte Noten und 47 Prozent preisen die Lehrer wegen eines interessanten Unterrichts. Uwe Schlicht

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