Der Tagesspiegel : Umzug ins "preußische Versailles": Rote Roben im Potsdamer Schloss?

Thorsten Metzner

Wird das Bundesverfassungsgericht aus Karlsruhe nach Potsdam umziehen? Dies wäre natürlich ein Glücksfall für die Sanssouci-Stadt. Dass es bei der Abstimmung der Karlsruher Verfassungsrichter am Mittwoch zu dieser Sensation kommen wird, gilt dennoch als wenig wahrscheinlich. Selbst wenn eine hauchdünne Mehrheit den Umzug ins "preußische Versailles" befürworten würde, müsste dies den Bundesgesetzgeber nicht zwangsläufig zu Taten veranlassen. Aber ist nicht schon die Tatsache höchst bemerkenswert, dass Richter im fernen Karlsruhe überhaupt über einen Umzug nach Potsdam diskutieren? Es darf daran erinnert werden, dass solche Planspiele vor einigen Jahren undenkbar waren, damals, als die Stadt für deutschlandweite Negativschlagzeilen sorgte, mit Bausünden die UNESCO verärgerte, gar zur "Jammmerhauptstadt Ostdeutschlands" gekürt wurde.

Aber dieses Potsdam, das auch von der neuen Musik der Macht in der benachbarten Bundeshauptstadt profitiert, mausert sich offensichtlich, bei allen Aufbruchschwierigkeiten. Gibt es nicht auch manchmal minimale Chancen auf ein Wunder, das allemal den Versuch rechtfertigt, so gering die Erfolgsaussichten auch sind? Potsdam hat für das Bundesverfassungsgericht jedenfalls einen preußischen Joker gezogen: Die Stadt lockt mit dem Besten, was sie zu bieten hat, mit dem Stadtschloss, das auf dem Alten Markt wiederaufgebaut werden soll. Potsdams Schloss, dem Ort, wo einst das Toleranzedikt unterzeichnet wurde, würde dem Rang und der Würde des höchsten deutschen Gericht entsprechen.

Umgekehrt gilt: Die Hüter des Grundgesetzes als neue Schlossherren wären der Bedeutung der Potsdamer Stadtmitte angemessen. Dies um so mehr, als bislang völlig unklar ist, wie das in historischer Fassade aufgebaute Knobelsdorffschloss genutzt werden soll. Nur: ohne Nutzung keine Finanzierung - kein Schloss. Diese geistige Armut, der Mangel an Ideen und Visionen, das fehlende Verständnis für den Rang dieses Ortes waren die tieferen Gründe dafür, dass der verödete Alte Markt im ersten Nachwende-Jahrzehnt links liegen gelassen wurde. Sitz des Landtags? Gescheitert an fehlender Weitsicht des märkischen Souveräns, der aus Rücksicht auf die ewige Geldnot lieber weiter im Betriebskantinen-Ambiente auf dem Brauhausberg residiert. Eine Stätte der Kultur? Das Theater zieht in die Schiffbauergasse, Potsdams neuer Konzertsaal versteckt sich auf einem Hinterhof. Ort der Wissenschaft? Die Universität wurde auf die grüne Wiese vor der Stadt geklotzt. Es kann als Glück im Unglück gelten, dass die früheren Stadtväter nicht auf die Idee gekommen sind, das Schloss als Shopping-Center aufzubauen.

Man darf deshalb auf die Machbarkeitsstudie für den Schlossaufbau gespannt sein, die im Frühjahr 2001 vorliegen - und Nutzungsempfehlungen geben soll. Bislang läuft alles auf ein "multifunktionales Kultur- und Dienstleistungs- und Kongresszentrum" hinaus, was nach Beliebigkeit, nach Zeitgeist, nach Berliner "ICC" im preußischen Retrolook klingt. So kann sich herausstellen, dass Potsdam als Residenz des Bundesverfassungsgerichtes eine Phantomidee war. Aber sie hat den Maßstab für den Alten Markt vorgegeben: Dass mit dem Aufbau des Stadtschlosses auch die geistige Leere in Potsdams Mitte gefüllt werden muss.

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