Der Tagesspiegel : Und nie bis zur bitteren Neige

Die Baumblütenkönigin hat bei ihrem Umzug einen schweren Job – kleine Tricks helfen ihr dabei

Claus-Dieter Steyer

Werder (Havel). Sie lacht, tanzt, stolziert und ist obendrein noch klug. Doreen Schüler aus Werder erfüllte alle Kriterien der fünfköpfigen Jury des 124. Baumblütenfestes in Werder. Ein Jahr lang gehört ihr nun die Schärpe mit der in goldenen Buchstaben gestickten Aufschrift „Baumblütenkönigin“. Bei vielen offiziellen Anlässen und Volksfesten wird sie nun für ihren „lieblichen Heimatort“ werben. Im vergangenen Jahr hatte die 21-jährige künftige Großhandelskauffrau den Sprung auf den Blüten-Thron noch knapp verpasst. Diesmal setzte sie sich knapp gegen vier Konkurrentinnen durch.

Beim gestrigen Festumzug zur Eröffnung des größten ostdeutschen Volksfestes beherzigte sie einen Rat ihrer Vorgängerinnen ganz konsequent: „Die vielen angebotenen Gläser und Becher mit Obstwein nie ganz austrinken, sondern nur etwas daran nippen“, erzählte die gebürtige Werderanerin. „Sonst schwinden nach den zwei Stunden doch die Sinne.“

1936 war zum ersten Mal eine Königin des Baumblütenfestes gewählt worden. Damals hieß die Repräsentantin der Stadt noch Maikönigin. Nach dem Krieg verzichteten die Veranstalter lange auf einen majestätischen Glanz. Erst 1989 wurde die Tradition wiederbelebt. Jede auf dem Blütenball gewählte Königin erhält unmittelbar nach dem Jury-Spruch ein neues Kleid. Das schneidert seit fünf Jahren die Modedesignerin Jenny Wahnsiedler. Da die Wahl bis zur letzten Minute geheim gehalten wird, steht die Schneiderin vor einem großen Problem. Sie muss möglichst ein Kleid entwerfen, dass allen fünf Kandidatinnen passt.

Die Maße erhält sie zwar schon einige Wochen vor dem Fest. Aber dennoch ist die Spannung jedes Mal groß. In diesem Jahr kann sich Jenny Wahnsiedler wieder freuen: Der neuen Königin steht das Kleid sehr gut. Das zeigte nicht zuletzt der Beifall der Tausenden Zuschauer entlang der Strecke des Festumzuges quer durch die Stadt. Das Baumblütenfest hat offenbar nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Schon früh am Morgen waren die Stühle in den Obstgärten in Werder und in der Umgebung besetzt. Genau so hatte es sich 1879 der Obstzüchter Wilhelm Wils vorgestellt, als er erstmals in Berlin Plakate mit der Ankündigung eines Blütenfestes klebte. Die Großstädter sollten aufs Land kommen und ihr Geld bei den Bauern lassen. Damals war das Angebot an Weinen noch längst nicht so groß wie heute. Fast alle Obstsorten eignen sich inzwischen für die Zubereitung eines alkoholischen Getränkes.

Da gibt es Wein von Pflaumen, vom Rhabarber, von Stachelbeeren, Kirschen, Johannisbeeren sowie vom Holunder oder von Him- und Brombeeren. Insgesamt 83 verschiedene Sorten von 22 Obstbauern kostete der Vorstand des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins, um den besten Züchtern eine „Goldene Kruke“ zu verleihen. Die Sieger werben nun an ihren Ständen mit den Auszeichnungen. Doch wie sich zeigte, legen die meisten Festbesucher darauf nicht viel wert. Viel stärker achten viele Besucher auf die Preisunterschiede. Da ist eine Tendenz unübersehbar: Auf der Havelinsel und auf der Straße Unter den Linden verlangen die Händler das meiste Geld.,

Die Stände mit Obstweinen werden aber immer weniger, während die Ladentische mit Socken, Ledertaschen, Musikkassetten, Bekleidung und anderen Dingen zunehmen. Am ehesten amüsieren sich die Gäste noch an einem besonderen DDR-Ostalgie-Verkauf. Er bietet nicht nur Fußballtrikots mit den Namen verflossener Stars an, sondern auch einen „Jubellikör“ zum 55. Jahrestag der DDR 2004 an. „Halbbitter“ steht auf dem Etikett.

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