Universitätsgeschichte : Die Hochschulen neu erfinden

Trümmer und Tumulte: Wie sich die deutschen Universitäten in den vergangenen 60 Jahren verändert haben.

Paul Nolte

Die Währungsreform und das westdeutsche Wirtschaftswunder, die 68er-Bewegung, die Krise der 70er Jahre und der Terrorismus der RAF, schließlich Mauerfall und Wiedervereinigung – das sind wesentliche Etappen der erinnerten Geschichte. Welche Rolle spielen dabei Bildung und Wissenschaft, spielen die Hochschulen? Der Studentenprotest der späten 60er Jahre hat Eingang in diesen Kanon der Ereignisse gefunden. Zum 60. Jubiläum der Hochschulrektorenkonferenz, die am 21. April 1949 als Westdeutsche Rektorenkonferenz gegründet wurde, fragt sich: Wo hat sich die „allgemeine Geschichte“ noch mit der Geschichte von Wissenschaft und Hochschulen verflochten? Konnte die Wissenschaft der Geschichte der Bundesrepublik Impulse geben, oder spiegeln sich in ihr zumindest die großen Linien der Veränderung?

Zu keiner anderen Zeit, mit Ausnahme vielleicht der deutschen Wiedervereinigung 1990, stand die Geschichte aller Institutionen, aller Aspekte von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur so unter dem Eindruck derselben Imperative wie nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur 1945. Das waren zunächst die Zwänge des unmittelbaren Überlebens, der Linderung von Not und Mangel. So galt es auch, den Betrieb an den Universitäten so schnell wie möglich wieder in Gang zu setzen. So sollten Normalität und Neuanfang signalisiert werden. Es erschreckt das Ausmaß an Kontinuität, das über die Zäsur von 1945 hinweg gewahrt werden konnte. Und es verwundert der Gestus der Unkompliziertheit, mit der man die vergangenen zwölf Jahre, so als habe es sich um böse Geister gehandelt, loswerden zu können glaubte. „Die Teufel haben auf uns eingehauen und haben uns mitgerissen in eine Verwirrung, dass uns Sehen und Hören verging“, formulierte das Karl Jaspers in seinem berühmten Vortrag „Erneuerung der Universität“ im August 1945 in Heidelberg.

Gleichzeitig stand der demokratische Neubeginn ganz außer Zweifel. Angestoßen durch die westlichen Alliierten konnten sich Kontakte etablieren und institutionelle Formierungsprozesse in die Wege geleitet werden. In der britischen Zone erklärten sich die zunächst informellen Rektorentreffen im Februar 1946 zur Nordwestdeutschen Hochschulkonferenz, die amerikanische Zone folgte am Ende des Jahres. Über manche Zwischenstufe ging daraus 1949 die Westdeutsche Rektorenkonferenz hervor.

Erst nach 1955 jedoch bildete sich das charakteristische Feld der bundesrepublikanischen Wissenschaftspolitik in schärferen Zügen heraus und konzentrierte sich in Bonn beziehungsweise Bad Godesberg. Auch die Rektorenkonferenz war mit von der Partie. Seit 1962 hatte sie ein eigenes Dienstgebäude in Bad Godesberg. Die Nähe zu Parlament und Regierung war auch deshalb notwendig geworden, weil der Bund selber zunehmend in Wissenschaft und Forschung mitspielen wollte. Die Gründung des Atomministeriums 1955, damit die Ausgliederung der Forschungspolitik aus dem Innenministerium, war dafür ebenso ein Signal wie die Gründung des Wissenschaftsrates 1957.

Eine Zeit lang konnte die Interessenvertretung der Hochschulen eine wichtige Rolle als Anregerin von Reformen spielen. 1955 etwa wurde in Zusammenarbeit von WRK und Kultusministerkonferenz die Studienfinanzierung konzipiert, die Vorläuferin des Bafög. In der Reform- und Expansionszeit der späten 60er und frühen 70er Jahre dann standen die Hochschulen im Brennpunkt der politischen Agenda und der öffentlichen Aufmerksamkeit – und die Rektorenkonferenz hatte ihren maßgeblichen Anteil daran.

Die Stellungnahmen und Empfehlungen der WRK wurden so grundsätzlich wie die Godesberger Rektorenerklärung vom 6. Januar 1968. „Die Zukunft der westdeutschen Universitäten hängt ab von den Entscheidungen, die sie jetzt selber treffen.“ Die Neuordnung der Hochschulen musste sich in erster Linie an dem Gedanken der Autonomie orientieren. Zum einen ging es um die Verteidigung der Freiheit von Forschung und Lehre gegen die Ansprüche des radikalen Teils der Studentenbewegung. Zum anderen ging es aber auch um die Forderung gegenüber dem Staat angesichts zunehmender bundesstaatlicher Kompetenzen, die in der Verfassungsreform von 1969 festgeschrieben wurden.

Die Forderung nach der „Demokratisierung“ der Hochschule wurde kontrovers diskutiert. Während die einen mit der Berufung auf die Autonomie grundlegende innere Reformen abwehren wollten, wurde für Jürgen Habermas, der im Mai 1969 vor der Jahresversammlung der WRK in Hannover sprach, gerade andersherum ein Schuh daraus: „Unter gegenwärtigen Verhältnissen kann die Hochschule ihre Autonomie nur wahren, wenn sie sich als eine politisch handlungsfähige Einheit konstituiert.“ In einem breiten Konsens gingen die Rektoren dagegen das zweite große Thema, das der Expansion, an. Die WRK lief nie Gefahr, sich als Club der etablierten Alt-Universitäten ins Abseits zu stellen. Sie unterstützte die Neugründungen von Hochschulen ebenso, wie sie die Notwendigkeit der sozialen Öffnung und des breiteren Zugangs zu den Hochschulen förderte.

Es folgen jedoch Jahre der Defensive, auch der verkannten Herausforderungen. Das gilt zunächst für jene Zäsur, die durch die Wirtschaftskrise von 1973 und den Regierungswechsel von Brandt zu Schmidt gekennzeichnet ist. Nach einer langen Phase der Expansion musste gespart werden. Helmut Schmidts 1974er-Regierungsmotto „Kontinuität und Konzentration“ galt auch für die Hochschulen. Die Erschöpfung nach einer Phase der Hyperaktivität war nicht nur materiell, sondern auch mental spürbar.

Die Probleme, die bewältigt werden mussten, schienen nun nicht mehr grundsätzliche, sondern eher technische zu sein: Kapazitätsfragen und Zulassungsverfahren, der Numerus clausus, die von der WRK initiierte Zentrale Registrierstelle für Studienbewerber und ihre Überführung in die Dortmunder ZVS. Dabei sind ganz erhebliche historische Strukturveränderungen in den 70er und 80er Jahren zu lange als periphere oder transitorische Probleme gesehen worden. Auch das war ein Merkmal der Zeit und nicht nur der Hochschulpolitik – denken wir an die frühen, aber viel zu lange nicht ernst genommenen Hinweise auf den Zusammenhang von demografischer Entwicklung, öffentlicher Verschuldung und Sozialstaatsexpansion. Deren Pendant an der Universität war die beabsichtigte „Untertunnelung des Studentenberges“.

In den 90er Jahren wurde alles anders, und das gleich zwei Mal. Die erste Zäsur bildete, natürlich, der Mauerfall, die Auflösung der DDR, die Wiedervereinigung. In der Geschichte der Rektorenkonferenz war es ein ganz wichtiger Einschnitt, als Ende 1990 21 Hochschulen aus dem Gebiet der früheren DDR und Ost-Berlins aufgenommen wurden und damit die Namensänderung in Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erfolgte. Die Transformation des Wissenschaftssystems der DDR bürdete manchen Menschen hohe Kosten auf. Doch ihr Erfolg ist unbestreitbar, je mehr sich Erfolg und Attraktion der Hochschulen in den neuen Ländern steigern und der Ausbau von Wissenschaftsstädten wie Jena oder Dresden vorankommt.

Die lange Zeit verschleppte Krisen- und Strukturdebatte gewann aber auch für die westdeutschen Hochschulen rasant an Fahrt. 1991 kündigten die Hochschulen den Öffnungsbeschluss von 1977. Im selben Jahr nannte Dieter Simon als Präsident des Wissenschaftsrates die deutsche Universität „im Kern verrottet“.

Die Rektorenkonferenz indes hat nicht zuletzt durch ihre Präsidenten seit der Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Neuerfindung der Hochschulen maßgeblich beeinflusst. Mehrere grundlegende Prozesse haben sich dabei überlagert: die Einführung von Elementen der Differenzierung und des Wettbewerbs; die Einführung neuer, gestufter Studiengänge als Antwort auf die Überfüllung der Hochschulen, vor allem aber auf die grundlegende Veränderung in der sozialen Struktur der Studierenden, ihrer Motivation und Lebenssituation; schließlich die damit eng verknüpfte Internationalisierung in den Bemühungen um einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum.

Diese Neuerfindung ist noch nicht abgeschlossen. Sie hat erhebliche Kontroversen entzündet und schwere Vorwürfe aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern auf sich gezogen. Den Hochschulen – Studierenden wie Lehrenden – ist in kurzer Zeit sehr viel abverlangt worden. Doch die Transformation, das steht inzwischen fest, ist irreversibel. Und sie hat die Hochschulen aus der Defensive geholt, hat ihnen die Initiative zurückgegeben. Von „im Kern verrotteten“ deutschen Universitäten würde heute wohl niemand mehr sprechen. Im Kern gesund? Vielleicht auf dem Weg dorthin.

Man muss sich nur die Studierquote eines Jahrgangs, den dramatischen Erfolg des Frauenstudiums seit 1949, aber auch die Vervielfachung der an den Universitäten tätigen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vor Augen halten, um das Gewicht dieses Wandels zu ermessen. Zwei Millionen Studierende können nicht mehr Träger einer exklusiven bildungsbürgerlichen Mentalität sein, so wie es gerade mal hunderttausend bei Gründung der Bundesrepublik waren. Wie wir mit dieser Mittelschicht im Wartestand umgehen und welche Lebens- und Studierhaltung wir von ihr erwarten können, ist freilich eine noch immer nicht geklärte Frage.

Paul Nolte ist Historiker an der Freien Universität Berlin. Sein Artikel basiert auf einem Vortrag, den er am 20. April anlässlich des 60. Gründungsjubiläums der Hochschulrektorenkonferenz in Aachen hielt.

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